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Vergebung Verschwiegene Adoption

Rund 150 Kinder werden jedes Jahr in Bayern zur Adoption freigegeben. Kinder-Psychologen raten dazu, in der Familie offen mit dem Thema umzugehen. Erfährt ein Kind oder Jugendlicher erst spät oder gar zufällig, dass er oder sie adoptiert ist, kann das tiefe Wunden hinterlassen.

Von: Barbara Schneider

Stand: 25.03.2020

Andreas Klinder bei Waldspaziergang | Bild: BR

"Wer bin ich, wo komme ich her?" Große Fragen für einen Jugendlichen. Andreas Klinder ist 14 Jahre alt, als seine Welt zusammenbricht. Er erfährt, dass sein Vater und seine Mutter nicht seine wirklichen Eltern sind. Sie haben ihn gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester adoptiert, als er wenige Monate alt war. Mit der neuen Lebensrealität kommt Andreas Klinder nur schwer zurecht.

Fremd statt behütet

Der Jugendliche fühlt sich plötzlich fremd in der eigenen Familie, Zweifel nagen an ihm. Lieben ihn die Adoptiveltern überhaupt, warum hat ihn die leibliche Mutter weggegeben, trägt er gar selbst die Schuld daran? Es sind Fragen, die ihn jahrelang verfolgen werden. Hinzu kommt die Angst, wieder verlassen zu werden, diesmal von den Adoptiveltern. Andreas Klinder stürzt sich in den Sport. Durch das Auspowern findet er zu einer Art innerer Ruhe. "Die Wut auf die leibliche Mutter, warum gibt sie ihr Kind weg, das kam immer wieder hoch", erinnert er sich. "Dieses sich alleine fühlen, sich wirklich alleine, verlassen fühlen."

Zur Vergebung gefunden

Heute arbeitet Andreas Klinder als Heilpraktiker. Die Ausbildung war für ihn ein wichtiger Schritt, mit sich und seiner Lebensgeschichte ins Reine zu kommen. Es war allerdings auch ein Weg voller Hindernisse. "Am Anfang hatte ich gar keine Idee, wie man das angeht", erinnert er sich. "Wie kann man jemanden vergeben, der so etwas getan hat"? Da gebe es nichts zu vergeben, dachte Andreas Klinder zunächst.

Mit viel innerer Arbeit im Rahmen von Therapien und Seminaren gelingt es ihm, seine Lebenswirklichkeit anzunehmen. Nach und nach verändert sich sein Blickwinkel. Von Schuld und Wut hin zu Dankbarkeit und Vergebung. Heute kann Andreas Klinder endlich sagen, dass er seiner leiblichen Mutter verziehen hat.

Aussöhnung mit den Adoptiveltern

Auch mit seinen Adoptiveltern ist Andreas Klinder inzwischen im Reinen. Trotz der mittlerweile weiten räumlichen Entfernung hält er engen Kontakt zu ihnen, die Beziehung ist ihm wichtig. Denn nach langen Jahren, in denen ihr Verhältnis durch Spannungen gekennzeichnet war, kann er heute das Gute anerkennen, das sie ihm getan haben, indem sie ihn bei sich aufgenommen haben. "Sie haben ihr Bestes gegeben", ist Andreas Klinder überzeugt. Inzwischen hat er eine eigene Familie gegründet. Seine Frau hat eine erwachsene Tochter mit in die Ehe gebracht. Andreas Klinder wird sie bald adoptieren. Auch das ist Teil der Aussöhnung mit seiner Lebensgeschichte.


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