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Katholische Kirche Wer übernimmt die Verantwortung für den Missbrauch?

Das neue Missbrauchsgutachten ist eine Bilanz des Schreckens. Wer ist dafür verantwortlich, dass im Erzbistum München und Freising so viele Menschen geschädigt, Taten vertuscht und Täter nicht aus dem Dienst entlassen wurden?

Von: Andrea Kammhuber

Stand: 24.01.2022

Moderatorin Irene Esmann vor Plakat | Bild: BR/Andrea Kammhuber

Es ist erschreckend, was die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl mit ihrem Gutachten zum Thema Missbrauch in der letzten Woche offenbart hat. Erneut stellt sich die Frage, wer dafür verantwortlich ist.

Schuld wird vergessen und vertuscht

Ein Ende der "organisierten Verantwortungslosigkeit" fordert nun das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Irme Stetter-Karp, die Vorsitzende des ZdK, kritisierte den emeritierten Papst Benedikt XVI. und früheren Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger, der Missbrauchstäter im Priesteramt belassen und immer wieder versetzt habe. Dass der emeritierte Papst kein Fehlverhalten einräume, sei erschreckend, so die ZdK-Präsidentin. Schuld werde nicht eingestanden, sondern vergessen oder vertuscht. Irme Stetter-Karp forderte eine externe Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Sie glaube nicht mehr daran, dass die Kirche die Aufarbeitung allein schaffe. Das Münchner Gutachten belege zudem, dass unabhängige Ombudsstellen für Betroffene von sexueller Gewalt eingerichtet werden müssten. Auch die Gemeinden, in denen Täter gearbeitet und gelebt hätten, sollten in die Aufarbeitung einbezogen werden.

Ausmaß des Schreckens

Die Gutachter hatten bei ihrer Prüfung von Missbrauchstaten im Erzbistum München und Freising 235 mutmaßliche Täter ermittelt. Davon seien 173 Priester gewesen. 67 Kleriker hätten aufgrund der "hohen Verdachtsdichte" aus Sicht der Anwälte eine kirchenrechtliche Sanktion verdient. In 43 Fällen sei jedoch eine solche unterblieben. 40 von ihnen seien weiter in der Seelsorge eingesetzt worden, darunter auch 18 Priester nach einer strafrechtlichen Verurteilung eines weltlichen Gerichts. Die Zahl der Geschädigten liege bei 497. Davon seien 247 männliche Betroffene gewesen, 182 weiblich. Die meisten Taten seien in den 1960er und 1970er Jahren begangen worden, so Anwalt Dr. Martin Pusch. Auffällig viele Tatvorwürfe seien von Betroffenen erst ab dem Jahr 2015 gemeldet worden. Der Anwalt betonte, bei diesen Zahlen handle es sich um das "Hellfeld", das "Dunkelfeld" sei weitaus größer.

"Ich bin erschüttert und beschämt"

In einer ersten Reaktion hat sich Kardinal Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, bei den Betroffenen entschuldigt. Dass sexueller Missbrauch in der Kirche nicht ernst genommen wurde, dass die Täter oft nicht in rechter Weise zur Rechenschaft gezogen wurden, dass es ein Wegsehen von Verantwortlichen gegeben habe, sei ihm seit Jahren bewusst. Aus diesem Grund hatte das Erzbistum nach dem Gutachten von 2010 ein weiteres Gutachten bei der Kanzlei Westphal Spilker Wastl in Auftrag gegeben. Die Missbrauchskrise bleibe eine tiefe Erschütterung für die Kirche, so der Kardinal. Zum weiteren Weg gehöre die Orientierung an den Opfern des Missbrauchs, die Aufarbeitung von falschen Machtstrukturen und Haltungen. Wie das geschehen soll, welche konkreten Schritte folgen, will Kardinal Marx in dieser Woche mitteilen.

STATIONEN-Moderatorin Irene Esmann spricht mit Betroffenen und Verantwortlichen über das Gutachten, über Schuld und Reue, Macht und Möglichkeiten, in der Kirche Veränderungen herbeizuführen und neue Perspektiven zu gestalten.

Die Beiträge der Sendung

  • Pfarrer H. und die Frage nach der Verantwortung – von Beate Greindl
  • Missbraucht im Kinderheim St. Josef – von Antje Dechert
  • Missbraucht vom "Pflegevater", einem Priester – von Christian Wölfel

Hilfsangebote für Betroffene


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