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SchalomAleikum - Meet a Jew! Wie junge Menschen Brücken bauen

Antisemitische Angiffe und Übergriffe nehmen zu: Anschläge auf Synagogen, Beleidigungen gegenüber jüdischen Menschen, offen vorgetragene Verschwörungstheorien und Nazi-Sprüche, aber auch Symbole auf Demonstrationen oder Schmierereien gegen Juden auf Briefkästen und Wohnungstüren sind keine Seltenheit. Viele junge Menschen wollen das nicht mehr hinnehmen und starten Projekte, um Vorurteile abzubauen.

Von: Andrea Roth

Stand: 18.09.2020 17:41 Uhr

Leny Prytula vom Projekt "Meet a Jew" unterwegs in Nürnberg | Bild: BR/Benedikt Preisinger

Eigentlich sollte man denken, dass die Gesellschaft aus der Vergangenheit gelernt hat. Fragt man jedoch Schlomo Jammer, sieht die Welt schnell ganz anders aus. Der junge Fußballer und Trainer im Verein Makkabi Frankfurt wurde nicht nur beschimpft, wenn sein Team in Führung ging, sondern auch schon an einem U-Bahnhof angegriffen. Begriffe wie "Judensau" sind nicht nur auf Sportplätzen an der Tagesordnung.

Anfeindungen im privaten Umfeld

Die Melde- und Informationsstelle gegen Antisemitismus, RIAS, meldet allein für 2019 mehr als 1200 antisemitische Vorfälle in Deutschland. Mit Besorgnis registriert RIAS, wie sich der Antisemitismus immer mehr im täglichen Leben abspielt und wie jüdische Menschen direkt in ihrem privaten Umfeld attackiert werden.

Für Anette Seidel-Arpaci, Leiterin von RIAS Bayern, ein ganz klarer Hinweis darauf, dass Antisemitismus nicht mehr nur an den sogenannten politischen Rändern existiert, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. "Unter Umständen sind es die ganz normalen Nachbarn, die Menschen anfeinden", so Seidel-Arpaci, "oder sogar Freunde, Arbeitskollegen." Auch Alon Meyer, Präsident des Sportvereins Makkabi, registriert, dass Antisemitismus längst nicht mehr nur ein Problem auf dem Sportplatz ist. Gekippt sei die Lage Anfang 2016, wenige Monate nach der Flüchtlingswelle. Damals sei die Hemmschwelle gesunken. "Die Leute haben sich plötzlich getraut". Ein Grund sei bestimmt das Wiedererstarken der rechten Parteien und hier vor allem die Präsenz der AfD, die Fremdenfeindlichkeit salonfähig gemacht habe. "Die Menschen werden radikaler", sagt Alon Meyer. Die schweigende, anständige Mehrheit müsse dagegen aufstehen.

"Wir müssen noch mehr Präventivarbeit leisten, wir müssen noch mehr Demokratieverständnis wohl den Menschen beibringen und auch den Menschen hier in Deutschland Verantwortung erklären und beibringen und sie mitnehmen. Denn ich glaube, das haben die Leute nicht. Die Leute kennen nur ihre Rechte, aber keineswegs ihre Verpflichtungen."

Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland

Muslimischer Antisemitismus

Viele Urheber antisemitischer Straftaten, nicht nur im Sport, sind Muslime. In vielen muslimischen Communities hat Antisemitismus Tradition. Trotzdem wäre es falsch, Muslime als Antisemiten zu stigmatisieren. Das Projekt "SchalomAleikum" des Zentralrats der Juden in Deutschland fördert die Begegnung von Juden und Muslimen und will dazu beitragen, Spannungen zu lösen.

Auch im jüdischen Sportverein Makkabi, in dem heute auch viele nichtjüdische Menschen Mitglied sind, lernen sich Juden und Muslime kennen. So zum Beispiel Mo und Gabriel. Mo, der marokkanische Wurzeln hat, ist muslimisch, Gabriel ist jüdisch. Bei Makkabi sind die beiden Freunde geworden. Für den 18-jährigen Mo ist das eine positive Überraschung. Bevor er zu Makkabi kam, hatte er noch nie einen Juden kennen gelernt. Jetzt kann er ihre Situation nachvollziehen, nicht zuletzt weil auch er - als Muslim - antisemitische Anfeindungen erlebt hat, seit er ein Trikot mit dem Davidstern trägt. Der Sportverein Makkabi engagiert sich mit zahlreichen Maßnahmen für mehr Demokratieverständnis und Toleranz. Dazu gehören Besuche der gegnerischen Mannschaft vor einem Spiel genauso wie Demokratie-Kurse, Bildungsprogramme und vieles mehr. Solche Präventivarbeit sei absolut notwendig, betont Alon Meyer.

Mit eigenen Projekten Verantwortung übernehmen

Auch die Münchner Initiative "Youthbridge", die von der Europäischen Janusz Korczak Akademie ausgerichtet wird, betreibt Prävention gegen Antisemitismus. In dem zweijährigen Programm von Youthbridge werden Jugendliche und junge Erwachsene fit dafür gemacht, gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Wichtig ist der Initiative, dass die jungen Teilnehmer aus allen gesellschaftlichen Gruppen und Religionen kommen. Gemeinsam bauen sie Klischees und Stereotype ab, zum Beispiel mit der Ausstellung "Davidstern und Lederhose". Die 20-jährige Sofija Pavlenko engagiert sich bei „Youthbridge“ als Jugendleiterin. Gemeinsam mit anderen hat sie das Instagram-Projekt "Catcalls of Muc" ins Leben gerufen, das sich gegen die Diskriminierung von Frauen richtet.

Hilfe von allen

Auch Lena Prytula aus Nürnberg sucht das Miteinander: Sie hat nicht nur einen eigenen Youtube-Film gegen Antisemitismus produziert, sondern geht im Projekt "Meet a Jew" aktiv auf Studenten-, Schüler- oder Kindergartengruppen zu. Bei den Treffen dürfen ihr offen Fragen nach ihrem jüdischen Leben gestellt werden. Gerade als junge Jüdin möchte Lena zu mehr Miteinander anregen, weg von der Opferrolle: "Ich fühle mich verantwortlich dafür, dass sich so etwas nicht mehr wiederholt. Und ich finde, wir müssen laut werden. Bei Nazi-Demos, bei AFD-Demos." Allein könne das die jüdische Gemeinde nicht leisten. "Wir brauchen die Hilfe von allen", betont Lena. "Das ist es, was ich mir von der Gesellschaft wünsche, beziehungsweise, was ich mir auch erwarte. Und zwar von allen in Deutschland."

Wie junge Menschen Brücken bauen
SchalomAleikum: Meet a Jew!

Ein Jahr nach dem Anschlag in Halle, zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, stellt dieser Film von Andrea Roth Initiativen vor, die Brücken bauen. Zu sehen am 27. September 2020 um 10:30 Uhr im BR Fernsehen oder in der BR Mediathek.


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