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Kreativität Biografisches Schreiben

Belastende Erlebnisse auflösen, sich von ihnen freizuschreiben und seinen Frieden mit ihnen zu machen, all das kann biografisches Schreiben leisten. Aber auch die Familie kann davon profitieren.

Von: Christina Fuchs

Stand: 15.09.2020

Ein Ast, ein Kürbis, einige Deko-Tücher – voll bepackt ist Inge Finauer in Mühldorf am Inn auf dem Weg zu einer Reise in die Vergangenheit. Hier im Pfarrzentrum St. Nikolaus bietet sie regelmäßig Workshops zum Autobiografischen Schreiben an. An ihren ersten Kurs  kann sie sich noch gut erinnern. Die Teilnehmer überboten sich geradezu: Nur, weil der Pfarrer sie aufgefordert habe, seien sie da, aber das sei gewiss nichts für sie und wiederkommen würden sie erst recht nicht. Heute, zwanzig Jahre später, gibt es den Kurs immer noch; ein Dauerbrenner sozusagen.

Schreibend erinnern

Ein Kursteilnehmer beugt sich über seinen Schreibblock

Jede Stunde hat ein eigenes Thema: Der erste Schultag, der Herbst, meine Heimat – all das war schon dabei. Für das erste Treffen nach einer langen Corona-Pause hat sich Inge Finauer ein passendes Thema überlegt. Die Teilnehmer sollen über Ereignisse in ihrem Leben schreiben, die genauso traurig für sie waren wie es jetzt für viele ist. "An diese Erinnerungen", sagt Inge Finauer in die Runde, "daran möchten wir etwas kommen und das aufrütteln".

Den Perspektivenwechsel ermöglichen

Für viele Teilnehmer gehört dieser Termin schon seit Jahren zum festen Programm. Einmal im Monat trifft sich die Gruppe, um gemeinsam in die Vergangenheit zu reisen. "Wir sind, woran wir uns erinnern", zitiert Inge Finauer den Hirnforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel. Wenn die Erinnerung also einen Teil des Menschen ausmache, resümiert die Kursleiterin, dann müsse man an schlimmen Erinnerungen eben arbeiten, "sonst bleiben die ewig". Solche Erlebnisse aufzulösen, sich von ihnen freizuschreiben und seinen Frieden mit ihnen zu machen, darum geht es also.

Doch nicht nur für den Einzelnen ist das biografische Schreiben wichtig. Auch die Familie hat etwas davon, wenn Erlebnisse festgehalten werden. So bleibt Familiengeschichte erhalten. Außerdem hilft das Aufgeschriebene, die Perspektive zu wechseln. Etwa zu verstehen, warum die Eltern so waren wie sie waren. "Dann geht man oft sehr viel milder mit den Menschen um", stellt Inge Finauer fest.

Belastendes auflösen

Was sie belastet habe in ihrer Jugend, bestätigt eine der Teilnehmerinnen, das habe sie für ihre drei Töchter aufgeschrieben. "Da habe ich mich freigeschrieben und habe das kopiert und für jede in eine Mappe gelegt". Wann sie ihnen die Mappen überreichen wird, weiß sie noch nicht. Sicher aber ist: "Mir war dann gleich viel besser dabei".


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