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200 Jahre Frankenstein Dem Teufel so nah

Geheimnisvoll wirken die Dächer Ingolstadts. Was sich hier vor 200 Jahren - wenn auch nur in der Phantasie der englischen Schriftstellerin Mary Shelley - unter dem Dach der Universität ereignet haben soll, war allen im Ort befindlichen Gotteshäusern zum Trotz teuflisch.

Von: Jutta Neupert

Stand: 16.04.2018

Der Schauspieler Boris Karloff als Monster in "The Bride of Frankenstein", 1935. | Bild: picture alliance/Mary Evans Picture Library

Im Jahr 1818 lässt die junge englische Autorin Mary Shelley einen wissbegierigen Mann zum Studium nach Ingolstadt kommen. Er heißt Viktor Frankenstein und ist die zentrale Gestalt im ersten Horror-Roman der Weltliteratur.

Der Student verfällt der Idee, menschliches Leben zu erschaffen. In einer düsteren Novembernacht gelingt es Frankenstein schließlich, mit Hilfe vieler Leichenteile eines neues Wesen zu schaffen.

Teuflische Eingebung?

Die Alte Anatomie in Ingolstadt (1980): Hier erweckte Mary Shelley's "Frankenstein" sein Monster zum Leben.

Wissenschaftliche Neugierde siegt so über alle ethischen und religiösen Grundsätze: Frankenstein schafft aus Totem Lebendiges und tritt so an die Stelle Gottes. Doch Homunculus, das Wesen, das er erschaffen hat, ist ein zutiefst unglückliches Wesen. Es verzehrt sich nach Liebe, doch es mordet und bringt sich schließlich selbst um. Frankenstein wiederum verliert durch seine Schöpfung alle Menschen, die er liebt. Mary Shelley straft in ihrem Roman also Frankensteins Vorstellung, sich an die Stelle Gottes setzen zu können, ab. Die Frage, ob er in seinem Wissensdrang teuflischer Eingebung folgte, lässt sie allerdings offen.

"Luzifer heißt übersetzt der Lichtbringer. Ohne Luzifer hätten die Menschen nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen. Gleichzeitig bedeutet die Erkenntnis auch eine Entfernung von Gott und insofern ist Satan eine ambivalente Figur. Er ermöglicht in gewisser Weise die Freiheit, sich für das Böse zu entscheiden."

Prof. Dr. Markus Rothhaar, Philosoph und Ethiker

Die "Frankensteins" der Moderne

Das Spiel mit dem Leben - von Mary Schelley's Frankenstein sind wir heute gar nicht mehr so weit entfernt. Wissenschaftler führen Experimente an lebenden Kreaturen durch und können Gene verändern, Mediziner wenden lebensverlängernde Maßnahmen an, verpflanzen Organe - oder führen mit dem Abschalten von Maschinen den Tod eines Menschen herbei. Wohin die Entwicklung der künstlichen Intelligenz führen wird, ist noch noch nicht genau vorhersehbar. Bis heute gibt es Wissenschaftler, die die Schöpfung der menschlichen Natur für verbesserungswürdig halten. 

"Die Idee der Transhumanisten ist, dass der Mensch zum Schöpfer seiner körperlichen und geistigen Merkmale wird und deren Ausprägung nicht weiter der Natur überlassen sollte. Einige Vertreter des Transhumanismus vertreten auch die Auffassung, dass durch entsprechende Manipulationen die Menschen moralischer gemacht werden könnten - bis hin zu der Auffassung, letztlich den Tod zu überwinden."

Prof. Dr. Markus Rothhaar (Philosoph und Ethiker)

In Ingolstadt jedenfalls feiert man das 200-jährige Jubiläum Frankensteins mit Tanz und Theater, Lesungen, Vorträgen und Führungen, Kunst und Film sowie einigen Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche.


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