BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Unabhängig! Unkompliziert? Wege in die Selbständigkeit

Unabhängig sein, selbst entscheiden können, flexibel sein - den Traum, ihr eigner Chef zu sein, haben viele. Hilfen zur Existenzgründung gibt es jede Menge. Doch: selbständig und gehörlos? Funktioniert das? Ja!

Stand: 10.04.2018

Selbständig sein bedeutet für mich ...?

"Ich habe mich selbständig gemacht, weil ich einfach nicht mehr wollte, dass jemand über mir steht, der mir die Arbeit auferlegt, der andere Vorstellungen hat als ich. Und genauso kann ich einfach flexibler reagieren und das ist ganz gut so." Katharina Rerich

"Ich bin gehörlos, aber ich wollte es allen zeigen, wie mein Leben so ist und ich habe entschieden: ja, ich kann das alles so wie die Hörenden. Und ich bin einfach gleichgestellt." Marcus Klinke

"Klar, zum einen gibt es keinen Vorgesetzten, der mich unter Druck setzt, dann kann ich natürlich selbst entscheiden, welche Termine ich übernehme. Zudem bin ich auch dreifache Mutter, so dass ich da meine Termine sehr flexibel legen kann. Wenn man allein schon die Ferien bedenkt, in den Herbstferien zwei Wochen, in den Sommerferien sechs Wochen hab´ ich z.B. komplett frei. Das ist natürlich sehr praktisch für mich." Lemonia Rose

"Die Arbeit gefällt mir besser. Das ist viel besser als arbeitslos zu sein und Geld zu beziehen. Ich find´s besser selbständig zu sein und für mein Geld zu arbeiten." Antje Lamprecht

Marcus Klinke

„Ich bin taub, so ist das Leben.“ Marcus Klinke ist an seine Selbständigkeit sehr pragmatisch herangegangen. Sein Umfeld hat teilweise mit Sorgen und Vorurteilen reagiert. Seine Gehörlosigkeit war dabei das Hauptargument. Trotzdem: Marcus Klinke gründet in Berlin ein Blumengeschäft. Dabei ist das nicht sein Ausbildungsberuf – aber schon immer seine Leidenschaft. Er hat als Elektroinstallateur gearbeitet und verschiedene Jobs ausprobiert Als er arbeitslos wird, ist er bereit fürs Risiko. Und den eigenen Blumenladen. Hoch motiviert geht er an seine Selbständigkeit ran. Unterstützung bekommt er von seinem Freund – und vom Integrationsfachdienst „Enterability“. So klappt es dann auch mit einem Kommunikationsassistenten. Ein wichtiger Faktor im Kundenkontakt.

Antje Lamprecht

Auch Antje Lamprecht betreibt einen Blumenladen in Berlin. Jetzt – nach 17 Jahren – kann sie von ihrem Geschäft leben. Doch der Weg hierher war steinig, erklärt sie. Schule, Ausbildung, Arbeit als Gärtnerin – dann arbeitslos. Die erste Selbständigkeit gemeinsam mit ihrem Mann klappt nicht. Der zweite Anlauf funktioniert. Aus ihrem kleinen Blumen-Zelt einen echten Pavillon zu machen, war nicht einfach. Mit Hilfe einer Bank hat es geklappt. Der Weg zum eigenen Kommunikationsassistenten war ebenfalls holprig. Man bekommt Assistenz nur, wenn man nachweisen kann, dass sich das eigene Geschäft auch finanziell trägt. Gerade zu Beginn ein schwieriges Unterfangen. Hilfe kam schließlich vom Integrationsfachdienst „Enterability“.

„Enterability“

Im Berliner Integrationsfachdienst ist das Ziel klar formuliert: Hier will man Menschen mit Behinderung helfen, sich selbständig zu machen. Und das auch zu bleiben. Seit über zehn Jahren hilft das Team bei allen Themen, die für eine Firmengründung wichtig sind.

Lemonia Rose

Lemonia Roses Traumberuf ist eigentlich Innenarchitektin. Doch das  ist lange her. Mittlerweile arbeitet sie als Gebärdensprachdozentin – weil sie Hörenden ihre eigene Kultur zeigen möchte. Und weil sie will, dass ganz viele Menschen die Gebärdensprache beherrschen. Gemeinsam mit ihrem Mann Thorsten beschloss sie eine Gebärdensprachschule zu gründen. Thorsten ist ebenfalls Gebärdensprachdolmetscher und als  Coda aufgewachsen. Heute ist sich Lemonia sicher: Wäre ihr hörender Mann nicht dabei gewesen – beispielsweise bei der Bank – dann hätte das alles nicht so gut funktioniert. Sie alleine hätte kein Geld bekommen, ist sie sich sicher. Ihr Alltag  ist weiter voller Hindernisse: Der Papierkram, den sie aufgrund ihrer Gehörlosigkeit zu erledigen hat, ist enorm.

Katharina Rerich

Katharina Rerich ist in Russland geboren und in Deutschland aufgewachsen – und damit zweisprachig. Ihre Ausbildung zur Bürokauffrau hat sie abgeschlossen,  heute arbeitet sie als Gebärdensprachdozentin. Selbständig. Den Anstoß dafür gab ihr ein Gründerseminar von „Deaf Exist“. Für sie ein echter Türöffner.

„Deaf Exist“

„Deaf Exist“ ist ein Projekt der Hochschule Aachen. Hier werden Existenzgründerseminare für Hörbehinderte angeboten. Kommuniziert wird hier ausschließlich in Gebärdensprache – ansonsten ist man offen für alles: Ob Geschäftsidee, Businessplan, Finanzierung, Preisgestaltung oder Marekting – all das sind Themen.

Was jeder Selbständige neben der passenden Unterstützung braucht:   Mut, Selbstvertrauen und den Willen,  sich durchzusetzen.  Die gute Nachricht: Das alles kann man trainieren ...


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