BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Hilfe Wege aus der Gewalt

Gewalt hat viele Gesichter. Nicht nur Schläge, auch Worte und Gebärden können verletzen. Die Seele wird zutiefst getroffen. Und wer Gewalt erlebt hat, der weiß auch, wie schwer es ist, sie hinter sich zu lassen.

Stand: 13.04.2019

Ein Mädchen sitzt  vor einer Wand, auf der der Schatten einer Hand groß zu sehen ist | Bild: picture-alliance/dpa

In Sehen statt Hören sprechen zwei Frauen über ihre Wege aus der Gewalt. Und auch die Opferhilfe für Gehörlose wird gerade aufgebaut – in Zusammenarbeit mit dem "Weißen Ring".

Manuela

Manuela ist 39 Jahre alt und hat drei Söhne. Ihren hörenden Mann hat sie in der Arbeit kennengelernt. Die beiden waren glücklich, bekamen drei Kinder und zogen in ein Häuschen. Doch plötzlich wurde alles anders.

"Mein Ex-Mann hatte auf einmal kein Interesse mehr an den Kindern und auch nicht mir gegenüber. Er ignorierte mich einfach und ließ uns vollkommen im Stich. Seine ganze Zeit galt nur noch der Arbeit und dem Computer. Wir sollten nur noch nach seiner Pfeife tanzen und fühlten uns wie Diener, die alles für ihn machen mussten. Irgendwann habe ich versucht, das zu stoppen und gesagt: „Das muss aufhören. Du kannst die Sachen auch selber machen. Die Situation wurde dann irgendwie verfahren und schwierig. Kurze Zeit später hatte er eine Affäre. Da wurde alles noch schlimmer."

Manuela

Der Mann schlug die Kinder, Manuela verfiel in Depressionen. Schließlich sucht  sie  Hilfe, zunächst beim Jugendamt.  Dort wird ihr empfohlen, mit den Kindern ins Frauenhaus zu gehen.  Nach langem Zögern entscheidet sich Manuela doch für das Frauenhaus.  Hier erfährt sie Hilfe und Unterstützung, kann schließlich in eine eigene Wohnung ziehen. Noch ist Manuela nicht an ihrem Ziel angekommen. Sie fühlt sich „auf der Hälfte des Weges“. Die nächsten Etappen: Arbeit finden und mehr Freiraum für sich selbst.

Warum kommen Gehörlose schwieriger aus der Gewalt heraus?

  • Gehörlose sind häufig daran gewöhnt, dass sie zurückstecken und sich anpassen müssen. Dadurch realisieren sie oftmals erst später, dass ihnen Gewalt angetan wird.
  • Für viele Gehörlose ist es normal, angefasst zu werden – beim Erlernen der Sprache als Kind beispielsweise. Eine Sensibilisierung für Grenzen und deren  Überschreitung wird oft erst zu spät wahrgenommen.
  • Die Welt der Gehörlosen ist kleiner – jeder kennt jeden. Und damit ist es im engeren Kreis oft schwierig, nach Hilfe zu fragen.
  • Gehörlose Gewaltopfer fühlen sich häufig alleingelassen, denn es gibt bislang viel zu selten spezielle Beratungsangebote oder anderweitige Unterstützung mit barrierefreier Kommunikation.

Sarah

Sarah ist 28 Jahre alt und Studentin. Gewalt in der Familie, das mussten Sarah und ihre vier Geschwister erleben. Es war der Vater, der ihnen körperliche und verbale Gewalt antat, der sie zum Teil auch sexuell missbrauchte. Ihre ersten Gewalt-Erinnerungen reichen ins Alter von fünf Jahren zurück. Zwei- bis dreimal pro Woche wurde sie verprügelt, der sexuelle Missbrauch fand seltener statt. Eines Tages wollte der Vater Sarah sogar mit einem Messer töten, die Mutter konnte ihn zurückhalten.

"Ich konnte nicht glauben, wie sehr mein Vater mich hasste. Ich war tief verletzt. Er, den ich so liebte, wollte mich töten. Es brach mir das Herz."

Sarah

 2013 hat sie den Vater gemeinsam mit einer Schwester angezeigt. Er wurde zu 10 Jahren Haft verurteilt. Sarah geht es gut mit diesem Urteil.

Welche Art der Gewalt ist strafbar?

  • Körperliche Gewalt ist strafbar.
  • Sexualisierte Gewalt ist strafbar. Jedes Jahr werden 12.000 Anzeigen in Deutschland gestellt – die Dunkelziffer ist viel höher. Das Strafmaß für schweren sexuellen Missbrauch liegt zwischen 2 und 15 Jahren.
  • Psychische Gewalt ist nur ausnahmsweise strafbar - wenn es sich beispielsweise um eine Beleidigung handelt oder um Verfolgung (Stalking).
  • Permanente Demütigungen oder Herabwürdigungen in der Öffentlichkeit sind nicht strafbar.

Hilfe für gehörlose Opfer

Gewaltopfer fühlen sich oft alleingelassen. Freunde und Angehörige können nicht helfen, sind mit der Situation überfordert. Beratungsangebote oder andere professionelle Unterstützung für Gehörlose in Gebärdensprache sind rar. Das muss sich ändern. Deshalb hat der Deutsche Gehörlosenbund eine Beauftragte für Gewaltschutz benannt – Sofia Wegner.  Die studierte Psychologin hat die Aufgabe ehrenamtlich übernommen – und steht bereits in engem Kontakt mit dem „Weißen Ring“.

Der „Weiße Ring“

Sofia Wegner ist es aber auch wichtig, vorbeugend tätig zu werden. Damit Gehörlose gestärkt werden und sich wehren können. Derzeit werden ehrenamtliche Helfer des „Weißen Rings“ zu den besonderen Bedürfnissen gehörloser Opfer geschult. Insgesamt 70 hörenden Helfern wird Basiswissen zur Gebärdensprache und zur Lebenssituation gehörloser Menschen vermittelt. Trotzdem sind die Mitarbeiter noch auf Dolmetscher angewiesen in ihren Begegnungen mit gehörlosen Opfern. Die Kosten für Dolmetscher werden vom „Weißen Ring“ übernommen. Ein guter Ansatz, der noch ausgebaut werden muss. Beispielsweise ist  die Vermittlung von Empathie aufgrund der mangelnden direkten Kommunikation schwierig. Eine Alternative ist, gehörlose Opfer auch von ehrenamtlichen Gehörlosen betreuen zu lassen.

Der „Weiße Ring“

Der „Weiße Ring“ hält ein breitgefächertes Angebot bereit für Opfer, die von Gewalt oder anderen Verbrechen betroffen wurden. Er hilft, indem er erst einmal zuhört und menschliche Anteilnahme zeigt, begleitet das Opfer zur Polizei oder bietet finanzielle Unterstützung für anfallende Kosten bei einer Erstberatung beim Anwalt an. Auch Therapieangebote und vieles mehr gehören zu den  vielfältigen Leistungen.
Kontakt: http://weisser-ring.de/ Hier findet man auch die Online-Beratung.


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