BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Starke Frau Toma Kubiliute und ihre Weltreise

Ein Jahr lang ist Toma Kubilliute ganz alleine durch drei Kontinente und 21 Länder gereist. Unterwegs hat sie viele unterschiedliche Menschen getroffen - hörende und gehörlose wie sie selbst. Mut, Selbstvertrauen, Offenheit, Neugier auf fremde Kulturen und die Bereitschaft, sich anzupassen – Toma Kubiliute ist in die Welt hinausgezogen und hat sich selbst gefunden.

Von: Film: Elke Marquardt, Text: Claudia Erl

Stand: 12.12.2019

Eine Reise zu sich selbst – so lässt sich die Erfahrung von Toma Kubiliute prägnant im Rückblick zusammenfassen.

"[…] Um mich selbst zu entdecken, blieb mir im Alltag oft keine Zeit. Dank der Weltreise habe ich die Zeit für mich gefunden und die Möglichkeit mich besser kennen zu lernen, zu entdecken, wer Toma tief im Inneren wirklich ist."

Toma Kubiliute

Geliebtes Tansania

21 Länder in drei Kontinenten – vier Monate Afrika, dann Asien und am Ende noch Südamerika. Ob es da wohl einen Favoriten gab? Bei Toma gab es ihn: Alle Länder waren schön und beeindruckend – aber ihr Herz erobert hat Tansania.

"Ich habe sehr viele Leute getroffen, hörende und gehörlose, die mir ihre Türen öffneten. Sie gaben mir Selbstbewusstsein, Stärke und Mut. Ich bekam Einblick in ihre faszinierende Kultur. Das hat mich die Reise über begleitet."

Toma Kubiliute

So marschierte Toma beispielsweise als einzige Weiße als Demonstrantin auf der „Deaf Week“ in Morogora mit – eine besondere Erfahrung für sie.

Verständigung? Kein Problem!

Doch wie konnte sich Toma als Gehörlose rund um den Globus verständigen? Vielleicht sogar besser, als Menschen, die die Lautsprache nutzen, ist sie sich sicher.

"Ich konnte mich leicht über Gesten verständigen. Die Menschen hatten kaum Berührungsängste. Sie tippten mich an und gestikulierten, es ging sehr visuell zu. […]Auch bei sämtlichen Beschreibungen, wie Wegrouten oder Essenserklärungen hat es wunderbar funktioniert. Die Einheimischen begriffen schnell und ich bekam, was ich wollte. Natürlich bleiben Missverständnisse nicht aus, aber insgesamt ist man als Gehörloser im Vorteil."

Toma Kubiliute

Trotzdem nutzte Toma zur Kommunikation neben den Gesten auch das Handy – zumindest dort, wo die Technik allgegenwärtig ist. Um sich auf Augenhöhe auszutauschen, nutzte sie in manchen Länder lieber Papier und Stift. Mit dieser einfühlsamen Art lief die Kommunikation sehr gut. Besser als in Deutschland, wie Toma nach ihrer Rückkehr feststellte. Doch die Reise gab ihr Mut, auch hier auf andere zuzugehen und Hemmungen abzubauen – mit Erfolg.

Zwischen Bodenständigkeit und Neugier

Ursprünglich stammt Toma aus Litauen, erst mit sechs Jahren ist sie nach Deutschland gekommen. Deshalb ist sie auch zweisprachig groß geworden. Darin sieht sie auch die Wurzel für ihre Reiselust. Ansonsten hat Toma einen recht bodenständigen Werdegang: Sie macht in Frankfurt eine Ausbildung zur Bürokauffrau und arbeitet heute bei einer Bank. Die Hobbys erzählen von ihrer künstlerischen Ader: Mit Tanz, Schauspiel und Fotografie hat sie bereits Erfolge gefeiert. Jetzt kommen die Leute, um Tomas Reiseberichte zu erleben. Mit ihren wunderbaren Bildern nimmt sie ihr Publikum mit um die Welt. Und hat dabei eine klare Botschaft: Auch gehörlose Frauen können allein um die Welt reisen. Sie müssen sich nur trauen.

Eine achtsame Reisende

Natürlich hat Toma auch Erfahrungen gemacht, die sie beschäftigen – zum Beispiel die Länder, in denen Frauen den Männern untergeordnet sind.

"Das Frauenbild ist tief in der jeweiligen Kultur verankert, das kann man nicht einfach mal eben in Richtung Gleichberechtigung ändern. Das braucht Zeit, weil es auch stark mit der Religion zusammenhängt."

Toma Kubiliute

Sie selbst war eine achtsame Reisende, hat sich der jeweiligen Kultur angepasst und mit Respekt vor den Gepflogenheiten und den Menschen. Sie hat das Essen gekostet, die Kleidung anprobiert und mit ihrem Interesse Freude verbreitet.

Träume leben statt Angst haben

Natürlich kam auch sie immer wieder in gefährliche Ecken der Erde und hatte so auch brenzlige Situationen zu meistern. Ihr Motto: Lass deine Träume wichtiger sein als deine Ängste.

"[…] Wenn man sagt: Ich hab Angst, aber ich träume von etwas. Das wird nichts! Aber wenn man sagt: Ich habe den Traum und ich werde ihn verwirklichen. Dann merke ich, die Angst ist überflüssig. […] Deshalb packt die Angst ein Schubfach weiter nach unten und holt die Träume hervor! […]"

Toma Kubiliute

Etwas zurückgeben

Genau wegen solcher Aussagen und der wunderbaren Fotografien strömen die Leute zu ihren Vorträgen. Und den Erlös daraus spart Toma nicht etwa nur für ihre nächste Weltreise – sondern will ihrem Lieblingsland Tansania etwas zurückgeben: Sie möchte ein Projekt an der Gehörlosenschule in Tansania aufbauen. Aktuell brauchen sie dort vor allem Arbeitsmaterial.

Verändert nach der Rückkehr

Noch etwas hat sich seit ihrer Rückkehr verändert: Toma ist aus Frankfurt weggezogen – obwohl dort ihre Arbeitsstelle, ihre Eltern, ihr Zuhause war. Irgendwas fehlte ihr. Und um nicht wieder im Alltagstrott festzustecken, zog sie fort. München ist nun ihr neuer Wohnort, ihr neues Zuhause.

"Hier kann ich mich weiterentwickeln, Herausforderungen annehmen, Neues entdecken, Leute kennenlernen. Besonders freute ich mich über die Natur und die Berge. Dank der Weltreise wurde mir bewusst, auf mich zu achten, nicht nur auf mein Umfeld,  meine Familie. Es ist wichtig, auf seine Bedürfnisse zu achten. Jetzt fühle ich mich richtig wohl!"

Toma Kubiliute

Die Reise hat Toma Kubiliute verändert. Sie gewann Mut und Selbstvertrauen, wurde innerlich stark und lernte, sich zu wehren. Sie lernte Geduld, Gelassenheit, Demut und Verzicht. Und gewann die Fähigkeit, sich gegen negative Einflüsse abzugrenzen, Energiesauger zu stoppen – und das Positive in den Dingen zu sehen.

"Ich habe der Weltreise unglaublich viel zu verdanken."

Toma Kubiliute


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