BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Im Anfang war die Gebärde Der Komponist Helmut Oehring

"Gehörlose werden die Landschaft der Musik nie wirklich verstehen. Und die Musiker, die vom Klang leben, werden die Stille der Gehörlosen nie wirklich verstehen. Eigentlich schließen sich diese beiden Welten aus. Sie sind sogar Bedrohung einander." Dieses Zitat stammt von einem Komponisten, der genau diese zwei Welten zusammenbringt: Helmut Oehring.

Stand: 31.01.2017

Komponist Helmut Oehring | Bild: BR

Helmut Oehring wird 1961 als jüngstes Kind gehörloser Eltern in Ostberlin geboren. Auch sein älterer Halbbruder ist gehörlos. So ist Helmuts Welt still– obwohl er selbst hörend ist. Als Helmut mit vier Jahren immer noch kein Wort spricht, kommt er auf Anweisung des Jugendamtes tagsüber in eine Familie mit acht Kindern.

Als eine "Art Urknall" bezeichnet er diese Erfahrung. Für Helmut Oehring eröffnet sich eine neue Welt, die Kommunikation mit Hörenden ist plötzlich ein neues Zentrum in seinem Leben. Doch für seine Eltern ist das eine Art Entfremdung des eigenen Kindes. Und auch Helmut wünscht sich immer häufiger, dass seine Eltern hören könnten. Er schämt sich, wird in der Schule gemobbt, muss gleichzeitig Stimme und Ohr für seine Eltern sein - und schützt sie gleichzeitig vor Anfeindungen und Verletzungen, indem er ihnen nicht davon berichtet, was die Umwelt über sie sagt. In dieser Zeit sucht sich Helmut einen eigenen Schutzraum: Er hört Musik – eine Welt, die dem Rest der Familie nicht zugänglich ist.

Der lange Weg zur Musik

Als er schließlich die Schule beendet, schaut er sich nach einer Ausbildung um. Die Auswahl ist in der DDR nicht groß.  Er geht zum Autobahn-Baukombinat. Eine laute Truppe, die so gar nicht zu dem stillen jungen Mann passt. Doch hier lernt er Torsten kennen. Mit ihm verbindet ihn die Liebe zur Musik. Seine Vorbilder sind westliche Musiker. Er übt Gitarre, bis die Finger wund sind – und noch länger. Die DDR engt ihn ein, er fällt der Stasi auf, weil er den Wehrdienst verweigert und in der Friedensbewegung aktiv ist, sein Bruder wird beim Fluchtversuch schwer verwundet.

Nach der Ausbildung sucht sich Helmut Arbeit als Friedhofsgärtner und Küstergehilfe – und beginnt mit dem Orgelspiel. Doch dann verliert er vorübergehend den Faden seines Lebens: Er wird drogenabhängig. Es ist schließlich der Drang zu komponieren, der ihn aus der Sucht befreit. Professoren der Berliner Musikakademie erkennen sein Talent und fördern ihn als Meisterschüler.  Aber Musik allein genügt ihm nicht, er möchte auch Geschichten erzählen und vertont Texte. Damit sucht er  den Kontakt zur Gehörlosenwelt.  Heute komponiert er auch für Gehörlose. Wie das geht? Das zeigt Carla Kilian in "Sehen statt Hören".

"Wenn ich für Gehörlose komponiere und Hörende und Gehörlose auf einer Bühne für einen bestimmten Zeitraum zusammen bringe, ist das für mich auch eine Art Ort zu schaffen, wo diese beiden Welten zusammen finden, die sich sonst draußen nie begegnen, die nie zusammen finden werden."

Helmut Oehring


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