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Ihre aktuelle Situation Gehörlose Flüchtlinge in Deutschland

In den letzten Jahren flohen mehr als eine Million Menschen nach Deutschland – darunter waren auch Gehörlose. Nach Schätzungen des bundesweiten Netzwerks „Deaf Refugees welcome“ sind es derzeit rund 900 (Stand März 2017). Die Dunkelziffer scheint sehr hoch zu sein, da nur 340 von ihnen den Gehörlosenverbänden bekannt sind.

Stand: 04.04.2018

Gehörlose Flüchtlinge | Bild: BR

Über ganz Deutschland haben ehrenamtliche gehörlose Helfer ein Netzwerk gespannt, um gehörlose Flüchtlinge zu finden und ihnen das Gefühl zu vermitteln: „Refugees welcome“ – auch Gehörlose!

Auch heute noch sind ehrenamtliche Helfer oftmals die ersten, mit denen gehörlose Flüchtlinge endlich kommunizieren können. Bis dahin sitzen die meisten völlig isoliert und zunehmend verzweifelt in ihren Unterkünften. Sie können mit niemandem gebärden und haben kaum Zugang zu wichtigen Informationen. Hörende Flüchtlinge dagegen können sich gegenseitig unterstützen und ihre Erfahrungen austauschen.

Für gehörlose Flüchtlinge ist es wichtig, zusammen mit anderen Gehörlosen untergebracht zu sein. Doch woher sollten sie wissen, dass es möglich ist, Umzugsanträge zu stellen oder in welchen Einrichtungen sie auf andere Gehörlose treffen? Wichtig ist, dass die Gehörlosen von den Helfern gefunden werden. Dann werden sie beim Ankommen in Deutschland begleitet und unterstützt: Beim Asylantrag, dem Antrag auf Schwerbehinderten-Ausweis, bei der Eröffnung eines eigenen Kontos, bei der Krankenkasse und vielen anderen alltäglichen Dingen, die für Neuankömmlinge in Deutschland fremd sind.

Flüchtlinge erzählen:

Gehörlose Flüchtlinge erzählen ...

Ahmed und Fadia

-         Ahmed (45) und Fadia (42) aus Syrien haben die Überfahrt im Schlauchboot überlebt und warteten Monate darauf, einen Asylantrag stellen zu dürfen. Das Leben auf wenigen Quadratmetern in einem ehemaligen Supermarkt war für beide eine Belastung. Die anderen - hörenden - Flüchtlinge durften die Notunterkunft längst verlassen. Keiner sprach mit ihnen oder informierte sie, wie es für sie weitergeht. Erst nach sechs Monaten bekamen sie Hilfe von ehrenamtlichen gehörlosen Helfern. Sie vermittelten Ahmed und Fadia eine Wohnung und organisierten einen Anhörungstermin. Heute, ein Jahr später, haben sie sich in der Unterkunft und ihrer Umgebung eingelebt. Ahmed möchte weiter nach Bonn, weil dort Verwandte leben – von ihnen erhofft er sich Unterstützung, auch beruflich. Doch die Stadt Bonn schickte eine Ablehnung. Ihre Anhörung ist zunächst mangels eines Dolmetschers auch nicht gut gelaufen. Erst im dritten Anlauf und mit Unterstützung ihres Neffen konnten sie mit der Behörde kommunizieren.

Rekesh

Für Rekesh (24) aus dem Irak bestand der Alltag aus Essen, Schlafen, Essen, Schlafen. Er lebte isoliert auf dem Land, als ehrenamtliche gehörlose Unterstützer ihn ausfindig gemacht und einen Umzugsantrag gestellt haben. Er durfte schließlich in eine andere Unterkunft in Köln, in der bereits ein Gehörloser aus dem Irak lebt. Für Rekesh das größte Geschenk, endlich jemand, mit dem er gebärden kann. Das ist ein Jahr her. Mittlerweile ist sein Freund Abdulla, der irakische gehörlose Flüchtling, nicht mehr bei ihm in Köln. Er wurde nach Schweden zurückgeschickt. Doch Rekesh ist trotzdem glücklich: Er hat gehörlose Freunde – und einen deutschen Ausweis. Der gilt jedoch immer nur sechs Monate, was ihn daran hindert, einen Behindertenausweis zu bekommen.

Abdulla und Tarek

Abdullah und Tarek kennen wir schon seit 2015. Bei ihrer Ankunft in Köln waren die beiden Syrer Abdulla (25) und Tarek (30) durch ihre Gehörlosigkeit sehr isoliert.  Das hat sich nach etwa einem Jahr gebessert: Damals haben sie Kontakt zu muslimischen und christlichen Gemeinden geknüpft. Ihre wichtigsten Ziele haben sie mittlerweile erreicht: beide haben  jeweils eine eigene Wohnung  gefunden  und ihre Frauen nach Deutschland  geholt.  Und Tarek und seine Frau freuen sich auf ihr erstes Kind.  

Videos in DGS zu Fragen rund um das Thema Flüchtlinge und Migration

Auf der Informationsplattform Vibelle stehen Videos, die sich mit Fragen rund um das Thema Flüchtlinge, Asyl und Migration beschäftigen.
http://www.vibelle.de

Adressen, Hilfsangebote  & Co.

Gehörlose Flüchtlinge benötigen Unterstützung – und diese ist deutschlandweit bereits angelaufen. Egal ob staatlich oder ehrenamtlich, von Schulen und Instituten. Es gibt Sprach- und Integrationskurse, Übersetzungshilfen, Treffen, Cafés, Stammtische und andere Veranstaltungen. Hier eine Zusammenstellung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat, jedoch einen guten Überblick über die  derzeitigen Ansprechpartner und Angebote gibt.

Beauftragte und Ansprechpartner der Bundesländer für gehörlose Migranten und Flüchtlinge

Bundesweit

Bundesreferent für Migration: Ege Karar migration@gehoerlosen-bund.de

Baden-Württemberg

Bayern

Markus Beetz migranten@lvby.de
München: Sabrina Göb buergerservice@gmu.de

Berlin

Brandenburg

Kontakt für Hörende: Christina Schönfeld Telefon: 0331-887 13 07
Kontakt für Gehörlose: ldz@dolmetscherzentrale.com bzw. info@zfk-bb.de
per SMS 0151 62507466

Bremen

Hamburg

1. Landesbeauftragte für gehörlose Flüchtlinge und Migranten: Asha Rajashekhar asha.rajashekhar@glvhh.de
Stellvertreterin: Louisa Pethke louisa‎marie.pethke@glvhh.de
Hamburg sucht ehrenamtliche Flüchtlingshelfer: http://www.ideas-hamburg.de/taube-fluechtlinge.html

Hessen

Mecklenburg-Vorpommern

Niedersachsen

Ansprechpartner: Dursun Erkilic  gehoerlosenverband-nds@t-online.de

Nordrhein-Westfalen

Landesbeauftragte für Flüchtlinge: Christine Tschuschner christine.tschuschner@outlook.de
Landesbeauftragter für Flüchtlinge: Ümut Cucu umitcucu@live.de SMS und WhatsApp: 01525-3388548

Rheinland-Pfalz:

Kurt Stübiger gruenwald@gehoerlose-rlp.de

Saarland

Ansprechpartner: Petra Krämer  petra.kraemer@lv-gl-saarland.de

Sachsen

Schleswig-Holstein

Ansprechpartnerin: Christina Benker info@agfh-kiel.de

Thüringen

Sprachangebote

Deutschkenntnisse sind der wichtigste Einstieg zur Integration – egal ob in  Gebärden- oder Lautsprache. Die Landesverbände bieten teilweise Kurse für gehörlose Flüchtlinge an.

Sprachkurse verschiedener Verbände für gehörlose Flüchtlinge

Hamburg:

Im „Freizeit- und Kommunikationsangebot“ werden Deutschkenntnisse vermittelt.
Jeden Mittwoch, von 18 bis 20 Uhr, im Gehörlosenzentrum Hamburg, Bernadottestraße 126-128
Kontakt: über die Facebookseite https://www.facebook.com/deafrefugeeswelcome/
oder louisamarie.pethke@glvhh.de und asha.rajashekhar@glvhh.de

Zwickau

Ehrenamtliche Deutsche Gebärdensprachübungen
Kontakt für Nähere Informationen: Kolleginnen der Beratungsstelle Zwickau, bstgl.zwickau@gz-zwickau.de

Integrationskurse

Integrationskurse werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bezahlt und stehen jedem anerkannten Flüchtling zu. Sie dauern meistens etwa ein Jahr. Der Unterricht findet meist vormittags statt. In 900 Stunden werden dabei Kenntnisse in deutscher Gebärdensprache und Schriftsprache vermittelt, die abschließend mit einer Sprachprüfung abgefragt werden. Im Anschluss findet ein 60-stündiger Orientierungskurs statt, der ebenfalls mit einer Prüfung abgeschlossen wird.

Vor der Sprachprüfung können weitere 300 Stunden Unterricht beantragt werden. Das ist  besonders dann sinnvoll, wenn in den  Kursen auch die Alphabetisierung geleistet werden muss und das  Prüfungsniveau am Ende der 900 Stunden nicht gewährleistet wäre.

Mehr Infos zu Integrationskursen

Integrationskurse für Menschen mit Hörbehinderung

Bundesweit

Sprachschule Heesch
Osdorfer Weg 93a
22607 Hamburg
Tel: 040-38 63 85 53
Fax: 02234- 809 83 42
E-Mail: info@sprachschule-heesch.de
Internet: www.sprachschule-heesch.de
Die Sprachschule bietet in vielen verschiedenen Städten Integrationskurse in Gebärdensprache, mit gehörlosen Dozenten an. Kursorte und Kurszeiten auf Anfrage.

Köln

Sprachschule Loor Ens
Bonner Straße 207
50968 Köln
Tel: 0221 - 340 12 65
Fax: 0221 - 340 12 66
E-Mail: sprachschule@loorens.de
Web: www.loorens.de
Loor Ens  bietet in Köln Integrationskurse in Gebärdensprache, mit gehörlosen Dozenten an.

Frankfurt

Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige  
Rothschildallee 16a
60389 Frankfurt am Main
Tel: 069-94 59 30-0 (Frau Landmann)
Fax: 069-94 59 30-28
E-Mail: info@glsh-stiftung.de
Web: www.glsh-stiftung.de
Mail speziell für Fragen rund um die Integrationskurse: integration@glsh-stiftung.de
Die Stiftung bietet in Frankfurt Integrationskurse in Gebärdensprache, mit gehörlosen Dozenten an. Die Kurse dauern etwa ein Jahr.

Suttgart

SALO + Partner
Berufliche Bildung für Hörgeschädigte
Tel: 0711 – 52 08 96-60
Fax: 0711 – 52 08 96-61
Email: frankgladyhs@salo-ag.de
Web: www.salo-ag.de
SALO + Partner bietet in Stuttgart Integrationskurse in Gebärdensprache, mit Hörenden und gehörlosen Dozenten an. Pro Woche gibt es 3 Tage Unterricht in deutscher Schriftsprache mit hörenden Dozenten und Gebärdensprachdolmetscher sowie 2 Tage pro Woche Unterricht in Deutscher Gebärdensprache mit gehörlosen Dozenten. Beginn der Kurse ist immer 1. September.

Berlin

Unerhört e.V.
Möllendorffstr. 111
10367 Berlin
Tel: 030-55 49 77 90 (Frau Reineke)
Fax: 64 49 27 77
E-Mail: reineke@unerhoert-berlin.org
Web: www.unerhoert-berlin.org
Der Verein bietet in Berlin Alphabetisierungskurse und Integrationskurse in Gebärdensprache mit hörenden Dozenten, die gute Gebärdensprachkenntnis haben, an. Induktionsspule für Hörgeräte vorhanden.
Alphabetisierungskurs: Endet im Oktober – Neuanfang vermutlich Mai 2017.
Integrationskurs: Anfagn Mai 2017
Jeder Teilnehmer kann nach Abschluss des Kurses 300 Stunden extra beantragen, falls er noch nicht das Prüfungsniveau erreicht hat.

Friedländerschule
Boxhagener Str. 106
10245 Berlin
Tel.: 030 - 29 66 94 13
Die Schule bietet in Berlin Integrationskurse für Schwerhörige mit hörenden Dozenten an. Der Kursraum hat eine Induktionsschleife, für die T-Spule im Hörgerät.

Mannheim

V I S - A - V I S
Rheinhäuser Str. 55
68165 Mannheim
Tel: 0621 – 43 73 09 00
Fax: 0621 – 43 70 85 04
VIS-A-VIS bietet Individuelle Integrationskurse für Migranten und Flüchtlinge in Gebärdensprache, mit Gehörlosem Dozenten im Einzelunterricht an. Beginn nach Absprache.

Offene Treffs

Begegnung, Austausch oder einfach Freizeitbeschäftigung: Treffen sind nicht nur eine willkommene Abwechslung für die gehörlosen Flüchtlinge, sondern helfen sowohl emotional als häufig auch in organisatorischen Fragen weiter. In manchen Städten existieren bereits Begegnungsmöglichkeiten.

Treffen für gehörlose Flüchtlinge

Kiel

Jeden Mittwoch findet ab 14 Uhr ein offener Treff für einheimische und zugewanderte Gehörlose statt - mit open End. Parallel läuft die allgemeine Sozialberatung.

München

Internationales Deaf Café - jeden ersten Mittwoch im Monat von 17 bis 19 Uhr, im Wechsel beim: Landesverband Bayern der Gehörlosen e.V., Schwantalerstraße 76, RGB 3, 80336 München oder im Gehörlosenzentrum des GMU, Lohengrinstraße 11; 81925 München.
Infos über die nächsten Termine beim International Deaf Café München deafcafemunich@gmail.com

Das GMU hat auch Gebärdenkoffer entwickelt, die Flüchtlingen den Einstieg in die DGS erleichtern – mit Bildern und DVDs. Anfragen an oba-sd@gmu.de

Dresden

Gebärdenstammtisch, 14-tägig
Kontakt für nähere Infos: www.gebaerdensprachstammtisch-dresden.de

Bremen

Verschiedene Angebote im Gehörlosenzentrum Bremen, zu denen auch Flüchtlinge herzliche eingeladen sind unter http://info.lvg-bremen.de/category/infoblatt

Zwickau

Gehörlose Flüchtlinge können an den Treffen der Selbsthilfegruppen Gehörlose und Hörgeschädigte teilnehmen.
Kontakt für nähere Infos: Kolleginnen der Beratungsstelle Zwickau, bstgl.zwickau@gz-zwickau.de

Virtuelle Vernetzung

Über soziale Medien wie Facebook ist der Austausch sowohl für Helfer als auch für gehörlose Flüchtlinge bereits möglich. Einige Gruppen haben sich bereits formiert.

Vernetzung in facebook

Gehörlosenverband Hamburg

Landesverband NRW

Landesverband Schleswig-Holstein

Deaf Refugees Welcome – Europe

https://www.facebook.com/groups/566508350154720/?fref=ts

Interessenvertretung Selbstbestimmtes Leben in Deutschland

https://www.facebook.com/ability4refugees
Hier können alle Arten von Hilfsmitteln für alle Arten von Behinderung angeboten und gesucht werden, z.B. auch Hörgeräte.

Hilfe vom DGB

Auch beim Deutschen Gehörlosen Bund hat man sich dem Thema gehörlose Flüchtlinge angenommen. Unter anderem sammelt man hier auch Spenden, um mit dem Nötigsten helfen zu können.

Angebote des Deutschen Gehörlosen Bunds (DGB)

Der DGB hat eine eigene Seite für Infos zu gehörlosen Flüchtlingen eingerichtet:
http://www.gehoerlosen-bund.de

DGB-Bericht über die erste Arbeitstagung „Migration und Flüchtlinge“ des DGB am 13./14. November2015 in Aachen: https://gehoerlosenbund.de/arbeitstagungmigration

Spendenkonto:
Deutscher Gehörlosen-Bund
IBAN: DE33 1002 0500 0007 4704 06
BIC: BFSWDE33BER
Diese Spenden werden verwendet für
-              Begegnungsmöglichkeiten für taube Flüchtlinge
-              Bus-/Bahntickets oder Fahrgemeinschaften zu Vorträgen und Treffpunkte
-              Notwendige Utensilien

Weitere nützliche Links und Hilfen für Ehrenamtliche


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