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Zwischen Rausch und Realität Drogen haben kein Happyend

Eine erste heimlich gerauchte Zigarette mit 11 Jahren, der erste Joint mit 13. So begann Jennys Weg in die Sucht. Sie probierte fast alles aus. Dann kam der Absturz. Heute weiß sie „die Droge hat kein Happy End“. Vor vier Jahren hat sie den Ausstieg geschafft.

Stand: 21.08.2018

Jennys Drogensucht | Bild: BR

Jenny ist in Bremen geboren und aufgewachsen. An ihren ersten Rausch erinnert sie sich gut: Mit 11 Jahren ist sie mit ihren Eltern bei einer Gehörlosenveranstaltung – und ihre älteren Freunde schenken ihr Alkohol ein. Und immer wieder nach. Ihr erster Schwips – ein unwiderstehlicher Reiz. Ihr Alkoholkonsum steigt.

Jennys Eltern

Mit 13 Jahren geht sie zum ersten Mal mit einem Freund in das Bremer Drogenviertel. Dort kifft zum ersten Mal, für sie ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Ihre Eltern vertrauen ihr, sie darf viel und bekommt auch Geld von ihnen. Stutzig werden sie, als sie aus Jennys Zimmer Rauch riechen. Der Vater spricht sie an und wird wütend aus dem Zimmer geworfen.

Am Ende ...?

An Jenny kommen sie zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr heran – und Beratungsstellen gibt es für Gehörlose fast nicht.  Die Eltern stecken fest und sind hilflos. Auch Jenny ist am Ende. Sie realisiert, dass sie todkrank ist – im Kopf, in der Seele und am Körper. Und nimmt weiter Drogen.

"Sobald ich das Gras in der Tasche hatte, kehrte innere Ruhe ein. Es ist vergleichbar mit einer Tafel Schokolade nach einem stressigen Tag. Sobald die Schokolade im Mund schmilzt, spürt man ein wohliges Gefühl. Ich eilte schnell nach Hause, um mir sofort einen Joint zu bauen. Ich rauchte ihn und alles fiel von mir ab."

Jenny

Die Entzugsklinik

2004 – da ist sie bereits elf Jahre auf Drogen - geht Jenny zur Entwöhnungstherapie in die Spezialklinik für Hörbehinderte „To Hus“.

"Ich bin 24 und wundere mich immer wieder über mein Doppelleben. Ich bin süchtig, falle aber nicht auf. Wie clever! Aber ich habe es satt!  Ich bin 24 und für mich selbst verantwortlich, auch wenn ich was ändern will: mir eine Existenz aufbauen, meinem Leben einen Sinn geben – und zwar drogenfrei."

Jenny

Nach vier Monaten wird sie entlassen – in ihre alte Umgebung. Die Fachklinik hat eine Nachsorge empfohlen – nicht ganz einfach für hörgeschädigte Patienten, da es nur wenige Angebote in Gebärdensprache gibt.

Der Rückfall

In der Drogenberatungsstelle

Jenny hat es geschafft.  Doch ihr Freund ist ebenfalls suchtkrank, nimmt Drogen. Und ist gewalttätig. Jenny erleidet einen Rückfall. Es geht ihr schlechter als je zuvor. Sie nimmt Drogen verschiedenster Art. 2010 erreicht sie ihren absoluten Tiefpunkt. Der Leidensdruck wird immer größer, Jenny will aussteigen – weiß aber nicht wie. Durch die Drogen hatte sich auch ihre Psyche verändert: Jenny leidet unter schweren Depressionen. Dem Freundeskreis entgeht ihre Veränderung nicht. Ihre letzte Chance sieht Jenny schließlich in der Drogenberatungsstelle Bremen. Ihre Freundin Sandra begleitet sie dorthin.

"Die Situation war damals nicht leicht für mich. Sie war ja meine Freundin. Ich machte mir Sorgen, wollte, dass es ihr wieder bessergeht. Ihr Leben war ein ständiges auf und ab, voller Rückfälle. Wir sind zusammen aufgewachsen. Und mein Ziel war es, sie in ihren Wünschen zu unterstützen. [...]Klar, da auch ich hörgeschädigt bin, war es für mich ebenso mühsam. Aber ich hatte genug Kraft. Hätte Jenny als Gehörlose allein hingehen müssen, wäre das sicher schwierig gewesen, wenn einem die Kraft fehlt."

Sandra

Clean

Jenny und Sandra

Jenny schafft es mit Unterstützung der Suchthilfe erneut, clean zu werden. Mit dem hörenden Drogenberater verständigt sie sich überwiegend schriftlich, sie schreiben viel mit dem Computer. Vier Jahre ist das nun her. Jenny bleibt clean - und Sandra ist immer noch ihre beste Freundin. Jenny hatte große Angst, dass die Freundschaft all diesen Belastungen nicht standhält.

Mit Offenheit durchs Leben

Jenny schreibt über ihr neues Leben - in ihr Tagebuch

Jenny entscheidet für sich, kein Geheimnis aus ihrer Suchterkrankung zu machen. Im Gegenteil: 2011 outet sie sich beim Kommunikationsforum in Oldenburg – und hält einen Vortrag zu ihrer Situation und darüber, was Sucht bedeutet. Dass es bedeutet, krank zu sein. Jenny hat Angst, vom Podium aus in lauter empörte Gesichter blicken zu müssen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Bis heute geht Jenny ganz offen damit um, dass sie suchtkrank ist.

"Ich spüre, wenn ich meine Türen öffne, öffnen sich auch die Türen der anderen. Verschließe ich sie, machen auch die anderen dicht."

Jenny

Das Glück gefunden

Jenny und Claudia

Heute arbeitet Jenny in ihrem gelernten Beruf:  Als Arbeitserzieherin bei „Sinneswandel“ in Berlin gehört sie zum sozialpädagogischen Fachpersonal. Auch hier ging sie von Anfang an offen mit ihrer Lebensgeschichte um. Und genau das überzeugte ihre Vorgesetzten. Und auch privat hat Jenny ihr Glück gefunden – mit Claudia.


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