BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Zwei Schauspieler im Porträt Bettina Kokoschka und Dominik Nimar

Beim DEGETH 2017 gewannen sie beide einen großartigen Titel: beste Schauspielerin, bester Schauspieler. Sehen statt Hören besucht die beiden Preisträger Bettina Kokoschka und Dominik Nimar.

Stand: 19.06.2018

BETTINA

Bettina Kokoschka ist in Kassel geboren, zog mit ihrer Familie dann aber nach Friedberg – denn da gab es eine Gehörlosenschule, wo sie  im Alter von sechs Jahren eingeschult wurde. Auf Initiative ihrer Mutter besucht sie einen Schwimmverein gemeinsam mit hörenden Kindern. Bettina schwimmt gut, muss aber viel trainieren – fünfmal die Woche. Ein hoher Leistungsdruck. Sie hat kaum Freizeit und kann ihre gehörlosen Freunde wegen des Trainings nicht treffen.  Mit zwölf wird sie Dritte bei der Deutschen Meisterschaft der Gehörlosen in Essen – und das in der Damenklasse.

Alleinerziehend

Ihre Mutter ist es auch, die ihr den Ausbildungsplatz zur Bürokauffrau in einer Sparkasse organisiert. Doch direkt nach der bestandenen Prüfung wird Bettina Kokoschka zum ersten Mal schwanger. Ihre Tochter Nina kommt auf die Welt. Wenig später folgen die Zwillingsbuben Tassilo und Spinello.  Doch die  Ehe scheitert, und Bettina ist plötzlich alleinerziehende Mutter  mit drei Kindern.    Sie geht nach Berlin und lebt erst einmal 10 Jahre  alleine mit ihren Kindern. Inzwischen ist sie schon seit fast 10 Jahren in einer Beziehung  und die Kinder sind groß.   

Feste Arbeit

Zeitgleich zum DEGETH ergeben sich für Bettina Kokoschka auch privat große Veränderungen. Sie bekommt eine feste Stelle - in Hamburg. Reizvoll ist das auch, weil ihr langjähriger Partner in Hamburg lebt.  Seit 8 Monaten arbeitet sie als Guide in einer Ausstellung über Gehörlosigkeit. Eine Arbeit, die ihr viel Spaß macht, an die sie sich aber nach langer Arbeitslosigkeit auch gewöhnen musste.  Die Zeit ihrer Arbeitslosigkeit hat Bettina schließlich für ihre Leidenschaft genutzt:  Schauspielerei.

"Ich hab‘ damals bei fast allem mitgemacht, ich hatte eigentlich auf alles Lust, als ich arbeitslos war. Es hat keine Rolle gespielt, ob es Theater war oder Film, ganz egal, ich konnte alles machen. Und jetzt? Jetzt hab‘ ich eine feste Arbeit bekommen. Eigentlich blöd, denn jetzt habe keine Zeit mehr zum Schauspielern. Aber Theater oder Film, das ist auch mit großem Risiko verbunden, man weiß nie, wie viel man Geld bekommt. Ein Arbeitsvertrag bietet da viel mehr Sicherheit. Alles hat eben Vor- und Nachteile."

Bettina Kokoschka

Umzug

Als überzeugte Berlinerin fällt es ihr schwer, „ihre Stadt“ zu verlassen, auch wenn sie zu ihrem Freund Norbert  ziehen kann. Zunächst behält sie ihre Berliner Wohnung als Erstwohnsitz. Jetzt steht aber doch endgültig der Umzug nach Hamburg bevor. Trotzdem fällt ihr der Wegzug aus der Hauptstadt nicht leicht.

"Mich von Berlin und meiner Wohnung verabschieden zu müssen, fällt mir schwer. Berlin hat mir so viel gegeben: Die Kunst, meine Freunde, das Theater, den Film, so viel. Und jetzt verabschiede ich mich von hier. Aber richtig verlassen werde ich es niemals. Ich muss weinen beim Gedanken daran, dass die Entfernung zu meinen Kindern jetzt auch so groß wird, das bricht mir das Herz. Aber so ist nun mal das Leben."

Bettina Kokoschka

DOMINIK

Dominik Nimar ist in Hamburg geboren. Seine Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus Thailand.  Die Familie zieht nach Bangkok, als Dominik  drei Jahre alt ist. Obwohl es dort Kindergärten und Schulen für schwerhörige und gehörlose Kinder  gibt, ist es für Dominik nicht ganz einfach – als einziger Deutscher. Zurück in Deutschland siedeln sich die Nimars  in einem Ort zwischen München und Augsburg an, wo Dominik eine Regelschule besucht. Mit 12 kommt er auf  eine Realschule für Gehörlose in München. Erst hier hat Dominik seine erste Begegnung mit Gebärdensprache.

"Das war eine völlig neue Welt für mich, aber ich habe mich in der Gemeinschaft sofort wohl gefühlt und so ist es bis heute."

Dominik Nimar

Berufliche Auf und Ab‘s

Nach der Schule startete er eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker. Damals war das zunächst nicht wirklich sein Traumberuf. Doch  schnell hat er sowohl seine Aufgaben und seine Kollegen sehr schätzen gelernt. Kurz vor Ende der Lehrzeit bekam Dominik gesundheitliche Probleme, der Verdacht lautete: Epilepsie – und obwohl im Krankenhaus nichts gefunden wurde, hätte er nur noch mit Begleitperson in der Werkstatt weiter arbeiten dürfen. Für Dominik ein Schock. Das Arbeitsamt bietet seine Unterstützung für eine Umschulung an.  Dominik fasst sich und schaut sich im BBW nach anderen Möglichkeiten um.  Als er  zum ersten Mal einen Computer mit Flachbildschirm sieht, ist er völlig fasziniert und weiß:  , Mediengestalter wird sein neuer Beruf.

Leidenschaft Schauspiel

Genauso leidenschaftlich ist seine Freude daran, in andere Rollen zu schlüpfen. Das begann bereits in seiner Schulzeit – in München hat ihn ein Freund auf die Gruppe „Theaterlöwen“ aufmerksam gemacht. Er steigt ein, probt gleich mit fürs DEGETH.

"Das war eine sehr spannende Erfahrung mit Gebärdensprache, denn in der Schule hatte ich Theater nur in Lautsprache gespielt. Theater in Gebärdensprache hat mich interessiert und so habe ich mitgemacht."

Dominik Nimar

Preisgekrönt

Die Auszeichnung beim DEGETH waren nicht seine einzigen: Vor zwei Jahren beim Munich Deaf Film Festival gewann Dominik den Preis für den besten Kurzfilm sowie den Publikumspreis. Dominik, den alle Domo nennen,  ist ein kreativer, offener und neugieriger Mensch:  Er zeichnet, fotografiert, erstellt Animationen. Sein neuestes Hobby: Cinemagraphs. Für sich persönlich hat er ganz bodenständige Wünsche für die Zukunft.

"Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich noch mehr selbständig arbeiten kann. Die Sachen, die mir Spaß machen, möchte ich beibehalten. Ich möchte mit beiden Beinen sicher auf der Erde stehen. Ein Haus, finanzielle Unabhängigkeit, ein gutes Leben haben, viele Erfahrungen sammeln, neue Leute kennenlernen und natürlich reisen. Das sollen nicht Punkte auf einer Liste sein, sondern ich möchte diese Ziele auch Realität werden lassen."

Dominik Nimar


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