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Eine Ära geht zu Ende Professor Christian Rathmann verlässt Hamburg

Fast neun Jahre lang war Hamburg seine Heimat: Hier hat Professor Christian Rathmann als erster gehörloser Professor das Institut für Deutsche Gebärdensprache geleitet. Doch jetzt nimmt er Abschied – und wechselt zur Humboldt-Universität Berlin. Ein Rück- und Ausblick.

Stand: 01.03.2017

Es gibt vieles, was Professor Rathmann mit Hamburg verbindet. Viele Projekte und Studiengänge wurden mit ihm hier ins Leben gerufen – und mit ihnen wird auch in Zukunft ein Teil des rührigen Mannes in der Hansestadt bleiben.

Das Korpus-Projekt

Die Erhebung des Korpus-Projektes ist abgeschlossen.

300 Gehörlose  in ganz Deutschland haben bei der bislang größten Erfassung zum Thema Gebärdensprache mitgemacht. Gerade eben wurde die Erhebung abgeschlossen. Das Besondere daran: Die Daten wurden anders erhoben, als bei früheren Forschungsprojekten zur Gebärdensprache – erstmals wird die Gesamtheit der Gebärdensprach-Nutzer betrachtet. So können  die regionalen Unterschiede und  der unterschiedliche Wortschatz der Generationen ausgewertet werden. „Davon profitiert die gesamte Gehörlosengemeinschaft“, ist sich Christian Rathmann sicher.

Taube Dolmetscher

Um Gehörlose akademisch zu qualifizieren, hat Prof. Rathmann 2010 den weiterbildenden Studiengang "Taube Gebärdensprachdolmetscher/innen" eingeführt. Damit stieß der Professor zunächst auf Skepsis. Inzwischen wird positiv anerkannt, dass taube Dolmetscher ein ideales Verbindungsglied  zu ihren hörenden Kolleginnen und Kollegen sind.

Gehörlose Pädagogen in der Frühförderung

Auch in Sachen Gebärdensprachpädagogik beschritt der Professor in Hamburg neue Wege: Gehörlose Pädagogen im Einsatz bei der sprachlichen Frühförderung. In diesem Frühjahr werden seine Studenten ihre ersten Praktika absolvieren – darauf schaut Christian Rathmann nun sehr gespannt. Er ist sich sicher, dass dies der richtige Weg ist.

"Eltern gehörloser Kinder sind oft verunsichert. Doch wenn sie eine gebärdensprachliche Förderung wollen, brauchen sie professionelle Gehörlose, die Gebärdensprache vermitteln."

Professor Christian Rathmann

Mehr DGS und ein Online-Portal

Ein weiterer Erfolg seiner Zeit in Hamburg:  Gemeinsam mit der Erziehungswissenschaftlerin Professor Barbara Hänel-Faulhaber hat er erreicht, dass Studierende im Bereich  Behindertenpädagogik mehr DGS-Unterricht erhalten.

Netzwerker und Stratege

Bevor  Christian Rathmann die Professur in Hamburg angetreten hat, war er zehn Jahre in den USA, u.a. als Hochschullehrer in Ohio und Bristol. Dabei hat er sich ein internationales Netzwerk aufgebaut und  Strategien im Umgang mit hörenden Kolleginnen und Kollegen entwickelt.  

"Wichtig ist, dass ich mir bewusst bin, dass  ich gehörlos bin - und dann meine Strategien entwickle. Man darf nicht anfangen, sich zu vergleichen und zu denken, der andere hat es besser und hat keine Probleme. Wenn man damit anfängt, macht man sich das Leben nur unnötig schwer! Ich bin da lieber pragmatisch und überlege, was ich tun kann, damit ich trotzdem zurechtkomme. Ich muss damit leben, dass ich im Kreis von Hörenden, eben anders bin. Na und?! Wo ist das Problem?"

Professor Christian Rathmann

Ein kurzer Lebenslauf

Christian Rathmann ist  in Erfurt aufgewachsen, hat dort sein Abitur gemacht und begann nach dem Mauerfall ein Linguistik-Studium in Hamburg – später kam  Deutsche Gebärdensprache im ersten Studiengang, den es zu diesem Fach in Deutschland überhaupt gab, hinzu. Danach ging er für 10 Jahre in die USA, studierte an verschiedenen Universitäten und schrieb 2005 seine Doktorarbeit in Linguistik. Im Anschluss arbeitete er als Hochschullehrer in Ohio und Bristol. Mit dieser Qualifikation bewarb er sich 2007 um die Leitung des Instituts für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser  in Hamburg und wurde mit 37 Jahren der erste gehörlose Professor Europas. Zum April 2017 wechselt er an die Humboldt-Universität Berlin.

Und was ist in Berlin?

Es ist üblich, dass Professoren ihre Projekte mitnehmen können, wenn sie die Stelle wechseln. Allerdings wird das DGS-Korpus-Projekt in Hamburg bleiben, auch wenn Professor Rathmann geht. Die Mannschaft hier sei einfach zu gut aufgestellt – und so könne hier die wissenschaftliche Arbeit geleistet werden. In Berlin wird sich Christian Rathmann vor allem wieder mit der Dolmetscherausbildung beschäftigen. Und er wird ein neues Projekt starten – ein EU-Projekt mit dem Titel „Deaf Employment“. Hier soll erforscht werden, auf welche Barrieren Gehörlose im Arbeitsleben typischerweise stoßen – und was man für Gehörlose innerhalb der EU noch tun kann.

Wie ist er - Professor Christian Rathmann?

Stefan Goldschmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter

Christians Stärke ist es, die Übersicht zu behalten und Zusammenhänge zu erkennen, eben durch seinen Blick auf das Ganze. Er kann auf so viele Ressourcen zurückgreifen. Wenn ich mal eine Frage habe, dann weiß er immer, an wen man sich wenden könnte oder wo es Antworten gibt. Zu jedem Problem fällt ihm ein Lösungsvorschlag ein. Ich habe nie erlebt, dass Christian bei einem Problem passen musste. Er hat immer einen Weg und Antworten gefunden – das ist wirklich seine große Stärke! Und er geht mit der Zeit, er ist nicht in alten Traditionen oder Denkmustern verhaftet, ist nicht in seiner Entwicklung stehen geblieben. Und das gibt er an das Team weiter, er zieht alle mit – das ist sehr gut!

Prof. Dr. Barbara Hänel-Faulhaber, Erziehungswissenschaftlerin

Christian ist sehr strategisch, das heißt, er weiß genau, wohin er will. Aber er weiß das auch wohldosiert einzusetzen. Und Christian ist sehr gut vernetzt - universitär vernetzt, das heißt, er hat sich von Beginn an in die Strukturen der Universität eingearbeitet. Er ist aber auch politisch gut vernetzt. Er weiß das eben sehr gut einzusortieren und anzubringen - seine Verbindungen, um dann eben stückchenweise letztendlich zu erreichen, was er gerne möchte, so dass aber alle mit im Boot sitzen.

Konstantin Grin, ehemaliger Student

Ganz klar hat Christian eine höhere Position, er ist der Professor und ich der Student. Aber damit hat er auch eine Vorbildfunktion für die Taubengemeinschaft. Er hat gezeigt: auch ein Tauber kann Professor werden. Das war lange nicht vorstellbar – aber dadurch, dass er die Position innehat, ist es Realität geworden. Auf diese Weise hat er der Gehörlosengemeinschaft gezeigt: Es ist möglich! Er ist für uns alle ein Vorbild.

Simon Kollien, wissenschaftlicher Mitarbeiter

Christians Stärke ist es, bei uns tauben Mitarbeitern aber auch bei den hörenden Mitarbeitern die Potentiale zu erkennen und so zu fördern, dass jeder sie voll entwickeln kann. Darin ist er sehr gut - herauszufordern und zu fördern. Und oft sind die Mitarbeiter selbst überrascht, wie viel dann umgesetzt werden konnte. Die Ergebnisse sind in allen Bereichen sichtbar: in der qualitativen Lehre ebenso wie bei den Weiterbildungen. Wenn er Gehörlose befähigt, sich im Gehörlosenbereich einzusetzen – ist das Empowerment!

Britta Harms, Sekretärin

Zum ersten Mal bin ich Christian Anfang der 90er Jahre begegnet. Da war er noch ein junger Student und hatte gerade mit dem Linguistik-Studium hier an der Universität begonnen. Damals war er wirklich noch sehr jung, mit wallenden Haaren und einer großen Brille auf der Nase. Ich war damals schon erstaunt, wie viel er wusste.[…] Dann ging er ja in die USA. Also war er nur  knapp ein Jahr dabei. Ich blieb weiter hier am Institut. 2009 wurde dann meine Kollegin schwanger und es wurde eine Vertretung im Sekretariat gesucht. Ich bewarb mich und bekam die Stelle. Christian war da schon seit einem Jahr Professor und hatte sich  ziemlich verändert: kurze Haare, schicke Brille. Ein richtiger Mann ist aus ihm geworden. Und jetzt war er mein Vorgesetzter!  Früher war es ja umgekehrt. Das hat mich irritiert. Aber Christian ging damit souverän um. Er denkt nicht in Hierarchien und  begegnet allen Mitarbeitern auf Augenhöhe. Es war für mich erstaunlich, wie er in seine Rolle reingewachsen ist.

Ralph Raule, Gehörlosenverband Hamburg

Eigentlich hätte ich erwartet, dass er als Wissenschaftler überhaupt nicht an politischen Entwicklungen interessiert ist. Aber nein! Er hat uns immer unterstützt. Ich konnte ihn nach seiner Meinung fragen und bekam wichtige Tipps. Besonders wertvoll waren die zwei Jahre, die er als zweiter Vorsitzender an meiner Seite im Gehörlosenverband stand. Wir tauschten uns monatlich aus. Seine Informationen waren sehr wertvoll. Ich war erstaunt, dass er sowohl an Politik und Wissenschaft  Interesse hat.

Christian Borgwardt, Freund

Christian ist trotz der vielen Möglichkeiten, die er hatte, trotz der Wahnsinnskarriere, die er in den USA mit der akademischen Bildung begann, immer auf dem Teppich geblieben. Über all die Jahre hat unsere Freundschaft gehalten. Er hat die Verbindung zur Gehörlosengemeinschaft nicht verloren, war immer persönlich ansprechbar. Das werden wir ihm nicht vergessen. Die Verbindung wird immer bleiben.


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