BR Fernsehen - Sehen statt Hören


5

Ein Modell für Deutschland? Die holländische Pflege-Einrichtung De Gelderhorst

Die Pflege gehörloser Menschen im Alter: Meistens geht es darum, wie die medizinische Versorgung aussieht. Oder um die Problematik der Finanzierung. Inzwischen dreht es sich bei Pflege im Alter zunehmend auch um die Frage: Wie wird man den individuellen Bedürfnisse alter Menschen gerecht? Wie können diese so zufrieden und glücklich wie möglich am gesellschaftlichen Leben teilhaben? Wie es scheint, sind die Niederländer hier schon viel weiter!

Stand: 24.07.2018

In Deutschland ist die Pflege und Betreuung von alten gehörlosen Menschen oft nicht ideal – obwohl es mittlerweile auch einige Einrichtungen gibt, die gute Lösungen anbieten. Wie etwa das evangelische Seniorenzentrum Martineum in Essen, in der insgesamt 16 gehörlose Bewohner leben.

Anke Klingemann besucht anschließend gespannt die Einrichtung De Gelderhorst in Ede in den Niederlanden. Hat das  Seniorenzentrum Vorbildcharakter für Deutschland?

De Gelderhorst

Leben in Gemeinschaft - in De Gelderhorst

De Gelderhorst  in den Niederlanden ist ein in Europa einzigartiges Seniorenzentrum für Gehörlose. Hier leben derzeit 175 Gehörlose unter einem Dach zusammen – egal ob selbstständig, betreut oder in Pflege.

De Gelderhorst

Geschichte

Jan Tempelaar, Leiter der Einrichtung de Gelderhorst

Bereits vor 65 Jahren formulierten die älteren Gehörlosen in Holland den Wunsch, zusammenwohnen zu wollen. Das Ergebnis ist De Gelderhorst. Besonders wichtig war den Initiatoren: Auch ihre Helfer sollten gehörlos sein. So entstand „ein kleines Dorf“ für ältere Gehörlose, berichtet der Leiter der Einrichtung Jan Tempelaar.

Kommunikation

Kommuniziert wird mit Gebärdensprache

Noch heute arbeiten in De Gelderhorst viele gehörlose Pfleger – die hörenden Mitarbeiter müssen in ihrem ersten Beschäftigungsjahr die Gebärdensprache erlernen. Das ist eine Grundvoraussetzung, denn in der Einrichtung ist alles auf die Gehörlosen ausgerichtet: Egal ob das Küchenpersonal, der Masseur, die Sozialarbeiter, der Friseur, die Nagelpflege – mit allen können die Bewohner kommunizieren. Alle  Mitarbeiter müssen auch untereinander gebärden, selbst wenn es zwei Hörende sind. Schließlich sollen die Bewohner jedes Wort verstehen können. Diese gelebte Gehörlosenkultur steigert die Zufriedenheit der Gehörlosen enorm.

Akzeptanz des Zentrums

Eingangshalle De Gelderhorst

Der Stadtrat von Ede hat den Zusammenschluss der Gehörlosen akzeptiert und ist stolz auf De Gelderhorst. Etwas anders sieht es laut Einrichtungsleiter Jan Tempelaar beim nationalen Rat und der hörenden Welt aus: Hier könne man nicht verstehen, dass die Gehörlosen zusammenwohnen wollen. Deren Forderung: Die Gehörlosen sollten sich in die hörende Gesellschaft integrieren. Von manchen wurde De Gelderhorst bereits als „Ghetto“ bezeichnet. Dabei hat natürlich auch in den Niederlanden jeder Gehörlose die Wahl, wo er seinen Lebensabend verbringen möchte.

Die Finanzierung

De Gelderhorst - das Haus

Auch in Holland ist die Finanzierung der Pflege der Gehörlosen recht kompliziert. Nicht sehr viel anders als in Deutschland. Doch die Bewohner des Zentrums bilden eine große Lobby, die ihre Bedürfnisse anmeldet.

Zentrale Unterbringung

In Deutschland bevorzugt man derzeit noch viele dezentrale Einrichtungen, die eher nah am Heimatort sind. Da Holland deutlich kleiner ist,  muss man in die zentrale Einrichtung De Gelderhorst vielleicht 200 Kilometer fahren. Bleibt die Frage, was den Gehörlosen lieber ist: In der eigenen Sprache kommunizieren können oder lieber nah am Heimatort mit weniger Kommunikationsmöglichkeit. In Holland hat man da die Wahlmöglichkeit. In Deutschland noch nicht.


5