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Das nächste Kapitel … Merkzeichen Taubblind

Bei der diesjährigen Frühjahrs-Versammlung des Deutschen Gehörlosen Bundes in Brühl standen wieder zahlreiche Themen auf der Agenda: Die Kulturtage, Mitgliederausweise, das Jubiläum – und immer wieder auch das Bundesteilhabe-Gesetz. Im Rahmen des Bundesteilhabe-Gesetzes wurde nun endlich das lang erwartete Merkzeichen Taubblindheit (TBl) eingeführt.

Stand: 22.03.2017

Das Bundesteilhabegesetz ist seit 01.01.2017 in Kraft – und vielleicht kann man sogar schon von einem Teilerfolg sprechen: Der Begriff „Taubblind“ ist als eigene Behinderung der besonderen Art   anerkannt worden und kann nun endlich als weiteres Merkzeichen in den Schwerbehinderten-Ausweis eingetragen werden. Ein erster wichtiger Schritt in der Anerkennung der Bedarfe taubblinder Menschen.   Darauf gilt es nun aufzubauen. Vorrangig müssen die individuellen Bedarfe und Ansprüche auf Taubblinden-Assistenz geklärt werden. Was sonst noch gebraucht wird, welche Erwartungen ist gibt – wir haben nachgefragt.

3 Fragen an Irmgard Reichstein, Vorsitzende der „Stiftung taubblind leben“

Welche Veränderungen für die Betroffenen persönlich sind durch das Merkzeichen zu erwarten?

Zunächst einmal fordern die Vereine der Betroffenen nun schon  seit vielen Jahren dieses Merkzeichen.  Und mit dem Merkzeichen verbindet sich erstmal einfach die Anerkennung der Taubblindheit als Behinderung besonderer Art. Und das ist erst einmal ein ganz wichtiger Punkt, dass diese Krankheit, dass diese Behinderung in ihrer Besonderheit anerkannt ist und dann eben auch die spezifischen Unterstützungsbedarfe angegangen werden können. Leider sind mit dem Merkzeichen bis jetzt noch keine Nachteilsausgleiche  und Unterstützungsleistungen verbunden. Daran müssen wir weiter arbeiten. Aber immerhin ist die Anerkennung dieser Behinderung als Behinderung besonderer Art jetzt endlich da.

Welche Herausforderungen erfahren Betroffene durch das Merkzeichen? Und wird es tatsächlich Verbesserungen für taubblinde Menschen geben?

Die Herausforderung ist es jetzt  die Verbesserungen, die durch das Merkzeichen möglich sind auch umzusetzen.  Und das Merkzeichen steht im Gesamtzusammenhang, es ist mit dem Bundesteilhabe-Gesetz verabschiedet worden  und in diesem Bundesteilhabe-Gesetz ist auch ein Assistenz-Begriff formuliert.  Es ist dort also auch von einer Kommunikations-Assistenz die Rede und die Taubblinden-Assistenz lässt sich also abbilden. Es müssen jetzt Wege gefunden werden, diese Assistenz barrierefrei zugänglich zu machen und da sind die Vereine der Betroffenen, die Politik, die mitspielenden Entscheider gefragt, das jetzt schnell zu implementieren, damit sich mit Taubblindheit auch ein leichter barrierefreier Zugang zu Assistenz verbindet.

Wie schätzen Sie als Expertin die neue Situation ein?

Aus Expertensicht lässt sich glaube ich sagen, dass wir noch eine ganze Reihe schwieriger Prozesse vor uns haben. Was wir jetzt brauchen an Beratung taubblindentechnischer Grundausbildung, das lässt sich noch relativ gut klären, denke ich. Beim Assistenzbedarf sind die Wege noch nicht klar und deutlich zu sehen. Wir halten es für erforderlich, dass individuell jedem Menschen, der taubblind ist, eine Assistenz zugesprochen werden muss, egal wo er lebt. Auch in einer Einrichtung, wenn man mal einen solchen Sonderfall raus nimmt, braucht der Taubblinde Assistenz, um mit anderen Bewohnern zu sprechen, um die Einrichtung zu verlassen, um einzukaufen, das lässt sich im Rahmen der normalen Pflegesätze in Einrichtungen nicht regeln. Aber wir haben hier zum Beispiel die konkrete Situation, dass die Pflegeleistung Vorrang hat und dass es dann sehr schwer ist, zusätzlich über andere Träger noch Assistenzleistungen zu bekommen. Das sind also alles Probleme, die gelöst werden müssen. Diese Assistenzbewilligung für eine taubblinde Person muss individuell bemessen und einfach umzusetzen sein. Und da sehe ich, dass noch viel Klärungsbedarf ist.


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