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Für Nachwelt & Wissenschaft Lebensgeschichten sammeln

Wie lebte man vor 60, 70, 80 Jahren? Die historische und politische Geschichte ist längst notiert – doch mindestens genauso spannend sind die Alltagschroniken, also die Geschichten darüber, wie die Menschen ihr Leben gelebt und empfunden haben. Diese Lebensgeschichten werden derzeit von der Uni Göttingen gesammelt – und wissenschaftlich ausgewertet. Eine Menge gehörloser Senioren haben sich schon beteiligt.

Von: Stefan Brainbauer (Film), Claudia Erl (Online-Text)

Stand: 21.10.2017

Interviewsituation | Bild: BR

Gehörlose Frauen wurden im Dritten Reich zwangssterilisiert, manchmal wurden sogar Zwangsabtreibungen vorgenommen. In den Gehörlosenschulen wurde keine Gebärdensprache verwendet, lange Zeit war sie sogar verboten. Nach dem Mauerbau gab es nur noch wenig Schokolade im Osten, dafür soziale Ordnung. Und: Gehörlose Kinder wurden häufig von hörenden Kindern verspottet. Die Erinnerungen an eine Zeit, die lange zurückliegt – an eigene Schicksalsschläge, aber natürlich auch an gute Zeiten: An der Universität Göttingen gibt es ein Gebärdensprach-Team, das zu gehörlosen Senioren in ganz Deutschland fährt und solche Geschichten sammelt. Lebensgeschichten – lebendige Geschichten.

"Wir führen Interviews und nehmen sie auf Video auf, um so ihre Erzählungen zu archivieren. Das tun wir, weil bisher in Deutschland nur selten die Geschichten von älteren Gehörlosen aufgenommen wurden und damit fast kein Archivmaterial vorhanden ist. Dabei sind das wichtige Zeugnisse für die Nachwelt."

Dr. Jens-Michael Cramer, wissenschaftlicher Mitarbeiter Uni Göttingen

Mehr als eine Geschichtensammlung

Doch es ist mehr, als eine reine Geschichtensammlung: Die Informationen verwendet die Universität auch für die Forschung. Wie hat sich die Gehörlosengesellschaft entwickelt? Was sind die Aufgaben der Gehörlosenvereine – auch im Wandel der Zeit? Und vor allem: Wie hat sich die Gebärdensprache in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Es gibt viele verschiedene Fragen, mit denen man das gesammelte und archivierte Material auswerten kann. Die Interviews sind aktuell und doch auch für später wichtig.

Auswertung hat begonnen

Inzwischen wurden schon zahlreiche Interviews gesammelt, die nun wissenschaftlich ausgewertet werden. Betrachtet werden sie zum einen aus kultureller und geschichtlicher Sicht, besonders aber aus linguistischer, sprachwissenschaftlicher Sicht.

Kooperation durch ganz Europa

Doch nicht nur in Göttingen ist man mit den Senioren-Interviews befasst: Es gibt eine Kooperation mit sieben Universitäten in ganz Europa – und auch hier werden Interviews mit der gleichen Zielsetzung gefilmt.

Wie geht es weiter?

Ziel für dieses Jahr ist es, die Videoaufnahmen fertig auszuwerten. Im nächsten Jahr soll es dann eine Ausstellung in Göttingen geben, bei der sich interessierte Besucher über die Arbeit und Forschung im Rahmen des Projekts informieren können. Auch nach Hamburg, Berlin und in andere Städte soll diese Ausstellung anschließend wandern. Ein weiteres Ziel: Eine Homepage mit einem "Atlas der Gebärdensprachen". Darin sollen alle Gebärdensprachen weltweit erfasst und ihre jeweilige Grammatik beschrieben werden. Und jeder kann die Ergebnisse einsehen!

"Ich habe jetzt viele Interviews geführt. Für mich war das auch persönlich eine spannende Erfahrung, weil ich dadurch erkannt habe, dass mein Leben heute wirklich schön ist. Ich habe es in vielen Dingen einfacher, mehr Möglichkeiten. Das Leben damals als Gehörloser war anders – härter, aber es gab auch schöne Seiten. Das so mitzubekommen, ist wirklich sehr interessant."

Dr. Jens-Michael Cramer, wissenschaftlicher Mitarbeiter Uni Göttingen


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