BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Blick zurück - und voraus „Best of“ Kulturtage 2018

Es ist eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres gewesen: Die Kulturtage. Nach sechs Jahren Wartezeit fanden sie 2018 endlich wieder statt – in Potsdam. Und? Wie war’s? Wir blicken mit einigen Menschen auf die bunten Tage zurück. Und schauen auch schon mal etwas voraus …

Stand: 12.12.2018

Vorträge und Informationen am Tag, Shows und Auftritte am Abend und danach –Party - und  dann diese kleinen besonderen Momente, Begegnungen, Wiedersehen und Kennenlernen.

All das macht die Kulturtage aus und zu einem wunderbaren Festival. In Potsdam konnte nun ein Jubiläum gefeiert werden: Vor 25 Jahren gab es die Kulturtage zum ersten Mal – damals in Hamburg. Und der eine oder andere erinnert sich noch genau…

… vor 25 Jahren in Hamburg

Roland Kühnlein

Das waren die ersten Kulturtage und es ging um den Kampf für die Anerkennung der Gebärdensprache. Diese Demo, das wird für immer unvergesslich bleiben.

Mathias Schäfer

Also, damals… Es herrschte Aufbruchsstimmung. Es ging um die Anerkennung der Gebärdensprache. Hier entstand eine Bewegung und es kamen viele interessante Menschen zusammen. Heute ist das schon selbstverständlich geworden, die jungen Leute wissen gar nicht mehr, wie es damals war. Die ältere Generation hat sich unglaublich engagiert. Klar, es ist immer noch nicht perfekt, aber schon viel besser als damals. Dass es heute so viel mehr Kultur und Kunst und so gibt, das nimmt man anders wahr, wenn man damals dabei war.

Motto erfüllt?

Das Motto der Kulturtage in Potsdam lautete „inklusiv und gleichwertig“. doch waren sie das auch?

Stimmen zum Motto „inklusiv und gleichwertig“

"Das ist ein besonderer Tag, weil wir alle hier sind. Im Alltag leben wir ja meist unter Hörenden und Gehörlosen begegnet man nur selten. Aber hier gebärden alle! Man fühlt sich wirklich barrierefrei – das ist schön!"

"Unter “inklusiv und gleichwertig” verstehe ich, dass alle dabei sind, aber voll in Gebärdensprache kommuniziert wird und nicht, wie sonst üblich, alle sprechen. Wenn z.B. in der Arbeitswelt alle statt zu sprechen Gebärdensprache nutzen würden, das wäre für mich vollwertig. So verstehe ich das. Ob das auch so gemeint ist, werden wir sehen."

"Keiner versteht mich. Ich kann keine Gebärdensprache und keiner versteht mich. Ich will wissen, wo muss ich hin und ich kann mich nicht ausdrücken und das ist total interessant, das irgendwie zu erleben und auch zu spüren, was hier für ‚ne Stimmung herrscht. Alle reden miteinander, aber ich kann nicht Teil dessen sein, weil ich nicht mitreden kann."

"Ich als Hörende bin inklusiv unterwegs hier. Ich kann frei entscheiden, nehme ich die Kopfhörer für den Vortrag, weil ich nicht weiß, ob ich alle Gebärden verstehe. Oder lege ich die Kopfhörer ab und folge dem Vortrag direkt in Gebärdensprache. Für mich ist das super!"

"Wir haben ja das Motto „inklusiv und gleichwertig“. Aber ich sehe, dass es hier eigentlich so nicht umgesetzt wird. Es sind nur gehörlose Referenten auf der Bühne. Ist dann die Perspektive, dass die Kulturtage nur für Gehörlose sind oder sollten wir bei diesem Motto auch Vorträge von hörenden Referenten zulassen?"

Kritischer Blick

Einer, der viele Ideen für die Zukunft der Kulturtage hat und durchaus einen kritischen Blick auf die bisherigen Veranstaltungen wirft, ist Lutz Pepping. Sehen statt Hören-Moderator Ace Mahbaz hat mit ihm gesprochen. Hier Ausschnitte aus dem Gespräch:

Lutz Pepping im Gespräch

Was ist deine Meinung zum Thema „Inklusiv und Gleichwertig“?

„Ganz ehrlich? Wenn ich das Motto sehe, „Inklusiv und Gleichwertig“, denke ich zuerst: „Die armen behinderten Menschen.“ Ich denke da muss sich was ändern. Wenn so eine Veranstaltung auch für Außenstehende interessant sein soll, braucht ein Motto mehr Anziehungskraft. Das hat man verpasst. Bei „Inklusiv und Gleichwertig“ da kommen doch sowieso keine Hörenden und schon sind wir Gehörlosen wieder nur unter uns. Das führt dann zu der Außenwirkung, dass man denkt, die Gehörlosen drehen sich wie immer nur um sich selbst. Ein paar Hörende sind vielleicht dabei, aber das war es dann auch schon. Mir wäre wichtig, dass man sich beim nächsten Mal im Vorfeld darüber mehr Gedanken macht. Oder die Organisatoren lassen sich in dieser Hinsicht professionell von jemandem aus der Werbung beraten, um ein geeignetes Motto zu finden, das auch Außenstehenden die Möglichkeit gibt, ihre Ideen einbringen zu können. Uns nur um uns selbst zu drehen, finde ich schade und unpassend. Dadurch sind die Kulturtage selbst auch nicht inklusiv. Wo sind zum Beispiel die Codas, da habe ich Vorträge vermisst und dabei sind sie doch Teil der Gebärdensprachgemeinschaft und der Welt von Gehörlosen. Dieses Thema kam leider gar nicht vor. Müssen denn Kultur und Theater immer nur von Gehörlosen gemacht werden? Wo sind die Hörenden? Die könnte man beim Thema Poesie durch einen gemeinsamen inklusiven Poetry Slam einbinden. Ohne solche Aktionen stellt sich mir die Frage nach der Inklusion schon sehr stark.“

Bisher war es ja auch oft so, dass es die Besucher sehr genossen haben, endlich unter sich zu sein. Ein paar Tage nur in der eigenen Welt und die Hörenden mal ganz vergessen. Findest Du, Hörende sollten selbstverständlich immer eingebunden werden?

„Wenn man sie schon unter ein solches Motto stellt, muss man auch die eigenen Ansprüche erfüllen. Mit einem anderen Motto kann man auch unter sich bleiben. Das muss man sich aber vorher überlegen, denn ein Motto erzeugt ja auch eine Erwartungshaltung und da habe ich mir dieses Mal schon tatsächlich Inklusion erwartet. Dem war aber nicht so. Inklusion meint ja auch noch viel mehr. Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel. Wo waren denn Vorträge in türkischer Gebärdensprache oder zur Situation in anderen Ländern. Es gab kaum Besucher aus dem Ausland. Da sehe ich schon ein paar Widersprüche. Was heißt eigentlich gleichwertig? Wie viel gleichwertig ist genug, fünfzig - fünfzig oder schon ein bisschen drunter? Das ist so schwer zu beantworten. Ich weiß wirklich nicht, warum man sich für dieses Motto entschieden hat.“

Die nächsten Kulturtage sind in vier Jahren. Was sollte man da deiner Meinung nach besser machen?

„Für die Kulturtage in vier Jahren erwarte ich mir, dass Politik bei den Vortragsthemen nicht mehr so einen großen Stellenwert hat. Das ist ein wichtiges Thema, keine Frage, aber man sollte sich begrenzen. Dafür muss die Kunst mehr Raum bekommen, in ganz unterschiedlichen Facetten. Also Kunst in Form von Poesie mit einem Wettbewerb. Ein Fotografie Wettbewerb, den es dieses Jahr schon gab, sollte im Programm bleiben, um diesen Bereich zu fördern. Außerdem ein Poetry Slam und was alles noch zum Thema Kultur gehört. Ein Wettbewerb von Malern und Grafikern, da gibt es tolle Künstler unter uns Gehörlosen. Viele Ausstellungen und die Besucher als Jury, denn damit erzeugt man ein Gefühl, wirklich teilnehmen zu können und aktiv dabei zu sein. Zusätzlich sollte es ein Programm geben, dass Jung und Alt gleichermaßen anspricht und natürlich Menschen aus anderen Ländern, wie der Türkei oder Italien. Im Moment leben hier auch viele Menschen aus Syrien und anderen arabischen Ländern. Auch sie sollten eingebunden werden. Es ist wichtig, ihnen dazu mehr Möglichkeiten zu bieten. Das gilt auch für die Frauen, mir ist bei allem Respekt, der Männeranteil auf der Bühne manchmal einfach zu groß, das darf gerne ausgeglichener sein. Ich wünsche mir einfach ein bunteres Programm, Potsdam war gut, aber da geht auf jeden Fall noch mehr.“

Die Kulturtage 2022

Es laufen bereits die Vorbereitungen für die Kulturtage 2022. Wo sie stattfinden? Im Rennen waren zuletzt nur drei Städte: Bremen, Mainz und Friedrichshafen. Gewonnen hat am Ende Friedrichshafen am Bodensee – konnte sich aber erst im zweiten Wahlgang ganz knapp gegen Bremen durchsetzen. Da war die Freude groß in der kleinen Stadt, die idyllisch am Wasser liegt. Doch was hat die Jury am Ende überzeugt?

"Der letzte sehr wichtige Grund ist die Nähe zur Schweiz und Österreich, auch über deren Verbände könnte man Besucher einladen. Warum immer nur Deutschland? Der Erfahrungs- und Meinungsaustausch über unsere Grenzen hinaus mit den Nachbarn kann sehr spannend und vorteilhaft sein."

Andreas Frucht, Vorstand des Landesverbandes Baden-Württemberg

Und natürlich haben die Ausrichter für  2022 schon erste Pläne: Das Ziel der Baden-Württemberger ist es, mehr Programmpunkte für die Jugend, Familien und Codas anzubieten. Die Kulturtage sollen auch für die Menschen, , die sonst eher alleine zu Hause sitzen, attraktiv sein.Wichtig ist , dass das Organisationsteam vom BAO, also vom Gehörlosenverein Bodensee-Allgäu-Oberschwaben, ein tolles Programm zusammenstellt.  Das sind gute Aussichten – und die Vorfreude wächst.


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