BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Teil 1 Die 6. Kulturtage in Potsdam

Die Kulturtage sind ein ganz besonderer Höhepunkt in der Gehörlosengemeinschaft. Zum sechsten Mal fanden sie gerade eben in Potsdam statt. „Sehen statt Hören“ war mit einem großen Team vor Ort, um über die vielen Veranstaltungen zu berichten.

Stand: 30.05.2018

„Unsere Kultur mit Gebärdensprache: inklusiv und gleichwertig“ – unter diesem Motto  haben sich rund 2.500 Besucher im Filmpark Babelsberg eingefunden .  „Inklusiv und gleichwertig“ war auch die Überschrift für den neu eingerichteten Film- und Fotowettbewerb. Aus allen Einsendungen wurden die besten drei Fotos und Filme prämiert und vor Ort noch jeweils ein Publikumspreis vergeben.

"Wir finden in der UN-Behindertenrechtskonvention beide Begriffe - „inklusiv“ und „gleichwertig“. Daran sollten sich alle messen lassen. Aber in der Realität, im gesellschaftlichen Leben stoßen wir noch sehr oft auf Barrieren. Wir werden von hörenden Menschen oft bevormundet und  damit überfahren."

Andreas Nagel, Fotograf und Gewinner des Foto-Wettbewerbs

Die hohe Beteiligung an den Wettbewerben lässt hoffen, dass bei den nächsten Kulturtagen eine Neuauflage geprüft wird.

Unzählige Vorträge und Themen

Drei Tage, Eröffnungsveranstaltung, Podiumsdiskussionen, 36 Foren, rund 90 Referenten und Referentinnen. Die spannende Vielfalt von politischen, gesellschaftlichen und sozialen Themen machte bisweilen die Auswahl schwer.

"So gesehen sind die Kulturtage auch immer eine fachliche ‚Inspiration‘ und ein Ideengeber, u.a. für neue, übergreifende Projekte, Ziele und Pläne der Gebärdensprachgemeinschaft bzw. des Deutschen Gehörlosen-Bundes mit seinen 26 Mitgliedsverbänden."

Helmut Vogel, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes.  

Mit einem SignMob (bedeutet politische Aktion, mit der man auf sich aufmerksam macht) und einer großen Luftballon-Aktion machte sich die Gebärdensprachgemeinschaft mitten auf dem Potsdamer Luisenplatz dann für alle sichtbar.  

Erfahrungen, Wünsche und Visionen

Thomas Worsek, Referent

„Ich habe eine heiße Diskussion in meinem Verband entfacht: Ich denke, dass das Wort “gehörlos” wie eine Mauer wirkt, wie eine Barriere für Menschen, die von außen auf uns schauen. Warum ich das denke? Weil beispielsweise Kinder, die mit CI oder Hörgeräten versorgt oder an Regelschulen sind, sich nicht als  Gehörlose fühlen. Sie fühlen sich nicht so. Oder wie sieht es mit Codas aus? Fühlen sie sich in einem Gehörlosenverein willkommen? Auch hier wird eine Mauer gebaut. Ist der Begriff  “gehörlos” heute noch zeitgemäß? Ich denke, wir brauchen ein neues Wort mit dem wir mehr Menschen willkommen heißen als ausschließen.“

Zuschauerin

"Mein Wunsch oder mein Ziel wäre auch, dass in Zukunft alle gemeinsam eine Gruppe bilden – Schwerhörige, CI-Träger,Gehörlose – und gemeinsam kämpfen, denn zusammen sind wir stärker! Das wäre das Ziel... Aber den Anfang müssen wir dann in der Schule machen. Das heißt bilingualer Unterricht für alle, egal ob schwerhörig oder Codas, die profitieren doch auch vom bilingualen Unterricht. Alle sollten die Möglichkeit haben, beide Sprachen zu lernen und dann wäre das Ziel ein „Gebärdensprach-Verein“."

Zuschauer

"Ich hatte die Sorge, dass meine Gebärdensprache abnimmt, wenn ich nicht mehr sehe. Also dass ich dann auch weniger gebärde. Tatsache ist aber, dass ich nun schon fast 30 Jahre erblindet bin und ich bis heute noch gebärde! Warum? Weil Gebärdensprache meine Muttersprache ist. Die Muttersprache stirbt nie!"

"Zu dieser Veranstaltung, den „Kulturtagen“ kommen natürlich vorwiegend Gehörlose. Aber auch hörende Menschen, die irgendwie mit Gehörlosen zu tun haben – vor allem Studierende der verschiedenen Fachrichtungen. Aber die Öffentlichkeit kommt da normalerweise nur selten hin. Das war jetzt die drei Tage lang auch so, keiner kam spontan vorbei. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch nach draußen gehen und uns zeigen, dass wir gesehen werden. Dann sind hörende Menschen auch bereit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wenn wir humorvoll und sympathisch auftreten, fangen die Menschen an, nachzufragen und wir können Öffentlichkeitsarbeit machen, die in den Köpfen der Leute ankommt."

Helmut Vogel, DGB-Präsident

Einige Zuschauer-Reaktionen zu den Kulturtagen

"Ich als Hörende bin inklusiv unterwegs hier. Ich kann frei entscheiden, nehm ich die Kopfhörer für den Vortrag, weil ich nicht weiß, ob ich alle Gebärden verstehe. Oder leg ich die Kopfhörer einfach ab und folge dem Vortrag direkt in Gebärdensprache. Für mich ist  das super!"

"Wir haben ja das Motto „Inklusiv und Gleichwertig“ – aber ich sehe, dass es hier eigentlich so nicht umgesetzt wird. Es sind nur gehörlose Referenten auf der Bühne. Ist dann die Perspektive, dass die Kulturtage nur für Gehörlose sind? Oder sollten wir bei diesem Motto auch Vorträge von hörenden Referenten zulassen?"

"Ich finde es toll, wie die Halle in kleinere Säle aufgeteilt wurde. Und wir können  sie  als großen Raum zu nutzen und haben viele Sitzgelegenheiten. Das finde ich toll! Früher hieß es oft: „Der Raum ist voll, Sie müssen raus!"

Der Galaabend

Der große Höhepunkt der 6. Kulturtage: Der Galaabend mitsamt Verleihung des Kulturpreises. Die Preisträger sind Christina Schönfeld, Sabine Fries, Roland Kühnlein und Jürgen Stachlewitz. Ein Sonderpreis wurde in diesem  Jahr an Viola Kunkel, Tina Fiberg und Silvia Gegenfurtner für ihre Aktion „Rettet den DGB“ vergeben.

Mehr Infos unter

Die bange Frage…

Und wie sieht es mit den Finanzen aus? Ist der DGB in Potsdam besser aufgestellt? Dazu hat Sehen statt Hören ein Exklusiv-Interview mit Helmut Vogel geführt.

Danke!

Wir von "Sehen statt Hören" haben ja die Zuschauer gefragt: wer hätte ihn wirklich verdient und warum? Es sind eine Menge Antworten bei uns eingegangen. Vielen Dank! Wenn deine Einsendung jetzt nicht dabei war: keine Sorge. Die Vorschläge bleiben ja auch für die nächsten Kulturtage in vier Jahren noch erhalten.


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