BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Christine Sun Kim Von Sound-Etiquette zur Kunst

Als gehörloses Kind lernte sie, dass es so etwas wie eine Sound-Etiquette gibt - wann "man" leiser zu sein hat, und wann man laut sein darf. Dieser Blick einer Gehörlosen auf Geräusche, war der Startschuss für ihren Weg zur international anerkannten Soundkünstlerin: Christine Sun Kim visualisiert Sound. Geräusche, die sie nur aus Beschreibungen oder dem Feedback Hörender schließt, komponiert sie in sichtbare Dynamiken zwischen absoluter Stille und maximalem Fortissimo.

Von: Ace Mahbaz (Film), Steffi Wolf (Online-Text)

Stand: 09.09.2020

Christine Sun Kim und ihr Mann Thomas Mader, ebenfalls Künstler

Freunde beschreiben sie als lustig, hibbelig, Energiebündel, als eine Frau, die viel redet und viel lacht - und andere zum Nachdenken anregt. Ihr Ehemann Thomas bewundert ihre Kraft, ihr Selbstbewusstsein und dass sie ganz cool ihre Entscheidungen trifft, gemäß dem Motto "Ich bin hier, ich will es und ich weiß, dass ich es haben kann."

Doch Christine Sun Kim war nicht immer so. Sie musste sich ihren Weg erkämpfen. Als sie ihren zweiten Master of Fine Arts an der Bard zwei Stunden nördlich von New York machte, war es besonders hart:

"Ich weinte viel, hatte oft keine Kraft mehr und dachte, ich schaffe es nicht. Ich hatte zwar Dolmetscherinnen, hatte aber immer das Gefühl, noch mehr Kraft aufbringen zu müssen. Und wenn ich gerade keine Dolmetscherinnen hatte, weil sie Pausen machten oder zu Hause schon schliefen, musste ich aufpassen, nicht wieder unterzugehen."

Christine Sun Kim

Die Konsequenz, die Christine Sun Kim aus dieser Erfahrung zog war ein neuer, ein anderer Umgang mit Hörenden: Sie feilte an ihren Fähigkeiten und alternativen Möglichkeiten ohne Dolmetscher zu kommunizieren und schaffte es mit der Zeit, dass ihr Taubsein keine Rolle mehr spielt.

Werk von Christine Sun Kim

Auch für sie war es zunächst geradezu absurd, mit Sound arbeiten zu wollen. Sie schob ihre Gedanken beiseite, doch das Gefühl, genau das machen zu müssen, blieb - und siegte.

Christine Sun Kim hat als Künstlerin längst ein Standing auf internationalem Parkett. "Mit dieser Sicherheit kann ich mich mit meiner Kunst und auch als taube Künstlerin frei entfalten."

"Piano, 'p', ist mein liebstes musikalisches Symbol. Es bedeutet, sanft zu spielen. Wenn man ein Musikinstrument spielt und in der Partitur ein 'p' bemerkt, muss man sanfter spielen. Zwei 'p' – noch sanfter. Vier 'p' – extrem sanft. Das ist meine Zeichnung eines p-Baums, die zeigt, egal wie viele abertausende 'p' es gibt, man erreicht nie vollkommene Stille. Das ist meine aktuelle Definition von Stille: ein sehr dunkler Klang."

Christine Sun Kim


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