BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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„Inklusiv und gleichwertig“ Ismaninger Inklusionsgespräche

Am letzten Wochenende im September findet alljährlich der Welttag der Gehörlosen statt. Ziel ist es, auf die Situation von Menschen mit einer Hörbehinderung hinzuweisen. Denn die Anerkennung der Gebärdensprache und der Gehörlosenkultur ist noch längst nicht vollzogen, wie sie bereits 2006 mit der UN-Behindertenrechtskonvention gefordert wurde.

Stand: 29.09.2018

„Sehen statt Hören“ führt anlässlich des Welttages der Gehörlosen die „Ismaninger Inklusionsgespräche“ durch, um die Situation hörbehinderter Menschen genauer zu beleuchten.

Anke Klingemann führte durch die Diskussion

Bei der diesjährigen Gesprächsrunde wurde das Motto der 6. Kulturtage der Gehörlosen in Potsdam „Inklusiv und gleichwertig“ von der Moderatorin, Anke Klingemann, aufgegriffen und mit spannenden Gästen diskutiert. Im Fokus der Diskussion stand die Frage, wie sich Inklusion im privaten Alltag und im persönlichen Miteinander gestalten kann.

Die Diskussionsrunde stellt sich vor

Was hat sich in Deutschland in den letzten Jahren in Sachen Integration und Inklusion getan? Fühlt sich die Gruppe der hörbehinderten Menschen wahrgenommen und akzeptiert? Ein erstes Brainstorming der Gäste spiegelt unterschiedliche Eindrücke wieder.

„Inklusiv und gleichwertig“ – Wie weit ist Inklusion heute?

Katja Fischer

„Für uns Gehörlose ist Inklusion ohne Gebärdensprache gar nicht möglich. Das ist klar, weil wir ohne Gebärdensprache nicht verstehen können. Die Gesellschaft ist natürlich lautsprachlich ausgerichtet - das macht die Mehrheit aus. […] Es ist schwierig, auf sich aufmerksam zu machen.[…] Ich hatte in meiner Kindheit das Gefühl, dass man mich abwertend betrachtet hat oder sich über mich lustig gemacht hat. […] Heute ist das nicht mehr so. Da hat sich die Stimmung schon verändert. Aber eine vollständige Teilhabe ganz ohne Barrieren ist natürlich noch nicht möglich. Es ist wie ein Prozess, bei dem die Veränderungen langsam kommen.“

Athina Lange

„[…] Ich bin hörend aufgewachsen […] Die Gesellschaft hat mich als „normal“ gesehen. Als ich dann aber plötzlich ertaubt bin, hat sich das für mich persönlich extrem geändert. Ich fragte mich dann auf einmal selber, wie ich Rollstuhlfahrer oder Gebärdensprachler vor meiner Ertaubung wahrgenommen habe. Hätte man mich damals ganz konkret gefragt, was es braucht, hätte ich auch keine Antwort gehabt. Es ist richtig mit den Barrieren; diese sind noch da. Aber es tut sich langsam etwas. Es ist ein langsamer Prozess und es braucht Zeit.“

Dirk Tabbert

„Inklusion ist in der Tat ein Prozess. Inklusion ist nicht irgendwann abgeschlossen. Das braucht viel Zeit und wird einige Generationen dauern. […] Gehörlose sind früher in ihre Vereine gegangen, haben zusammengesessen und sich ein Stück weit bemitleidet […] – es war eine Schicksalsgemeinschaft. Heute spricht man von der eigenen Identität und Kultur und zeigt das auch nach außen. […]Als ich klein war, gab es eine Hand voll Gehörloser in Deutschland, die einen Studienabschluss oder ein Diplom vorweisen konnten. […] Wie viele gehörlose Studenten gibt es heute? Es gibt auch gehörlose Schauspieler. […] Früher gab es überhaupt keine gehörlosen Dozenten an der Uni. […] Es ist eine Veränderung da und es gibt eine positive Entwicklung. Ob sie schon so gut ist, dass man auch von Gleichwertigkeit sprechen kann, glaube ich nicht. […]

Raul Krauthausen

„[…]Ich persönlich als hörender Mensch denke eher: „Krass, wie wenig wir erreicht haben“. […] Dass Menschen, die auf Gebärdensprache angewiesen sind, monatelang warten müssen, bis sie einen Arzttermin finden, wo auch ein Gebärdensprachdolmetscher Zeit hat […] Sicherlich haben wir da viel erreicht, aber womit vergleichen wir das? […] Vergleichen wir es mit den letzten 20, 30 Jahren, finde ich es schon irgendwie ein bisschen beschämend wenig. Wenn man mal guckt, wie viel in den USA passiert ist, wie viel in Großbritannien passiert ist.

Eine Frage der Haltung

Offensichtlich hat sich schon einiges getan in Deutschland; jedoch nicht genug, wenn es nach den Wünschen der Betroffenen geht. Woran liegt es also, dass wir immer noch nicht so weit sind? Warum ist die Gesellschaft noch so wenig über die Welt der Gehörlosen und über Gebärdensprache informiert? Liegt es vielleicht auch an der Einstellung und Haltung Gehörloser, die zu wenig tun, um diese notwendigen Veränderungen zu erreichen? Wie schafft man ein selbstverständliches Miteinander?

Wie kann man Inklusion im Alltag umsetzen?

Katja Fischer

„Ich sage da ganz einfach: Gehörlose müssen mehr ihren Mund aufmachen. Bisher heißt es ständig: „Immer diese Barrieren und Diskriminierungen usw.“ Es ist ein ständiges Klagen […]. Deshalb war ich auch aktiv und habe über politische Ereignisse und Themen informiert, damit Gehörlose aufmerksam werden […] Es fehlt auch der Mut und es braucht Ideen und Engagement. Sich damit zu entschuldigen, dass man keine Zeit hat und Stress, bringt nichts. Wer Veränderungen will, muss auch die Ärmel hochkrempeln. Entweder weiter meckern oder etwas dagegen tun. Ich habe das Gefühl, ich mache immer wieder etwas und wenige andere auch, aber die Mehrheit macht nichts. Das ist nicht der richtige Weg. Man muss ernsthaft an die Sache gehen, wenn man Veränderungen will.

Athina Lange

[…] Gehörlose müssen sich auflehnen und ganz konkret sagen, was sie brauchen! Sie müssen das einfordern. Wichtig ist, dass sie sich nicht klein machen […] Nein, Mut haben und sich auflehnen. Das ist wichtig. Im Alltag ist es für mich nochmal etwas anderes. Ich bin ja hörend aufgewachsen und kann sprechen. Aber wenn ich zu Hörenden spreche, muss ich vom Gegenüber auch ablesen. Anfangs war das für mich schwierig, weil es mir peinlich war. […] Ich habe typischerweise das Wort „Entschuldigung“ benutzt. „Entschuldigung, ich bin taub.“ [….] Es ist nicht meine Schuld. Ich muss mich nicht immer entschuldigen. […] Es ist typisch, dass Hörende erst einmal erschrecken und nicht wissen, wie sie kommunizieren müssen, weil da jemand gehörlos ist […] Gehörlose müssen eine offene Haltung haben und Hörende nicht mit Vorurteilen begegnen und sie schlecht betrachten.

Raul Krauthausen

„Ich meine, dass wir momentan das Thema „Inklusion“ immer viel zu sehr auf die Perspektive der Menschen mit Behinderung lenken […] eigentlich geht es auch darum, dass nichtbehinderte Menschen erleben und erfahren, wie es ist, Menschen mit Behinderung in ihrer Umgebung zu haben […] Man sagt ja, dass 10 Prozent unserer Gesellschaft behindert ist oder behindert wird. Und diese 10 Prozent enthalten wir permanent den Nicht-Behinderten vor. […] Wie bunt könnte eine Welt sein, wenn wir alle gemeinsam alles zusammen erleben. Und wenn wir rauskommen aus diesem Defizitdenken und hinkommen, die Vielfalt zu sehen und auch wertzuschätzen, dann sind wir mit dem Thema „Inklusion“ ein ganzes Stück weiter.

Kulturtage der Gehörlosen - inklusiv oder nicht?

Veranstaltungen wie die Kulturtage in Potsdam sind echte Highlights in der Gehörlosen-Gemeinschaft. Doch haben die Kulturtage überhaupt eine Außenwirkung auf Hörende?

Werden Hörende in die Kultur der Gehörlosen eingebunden?

Athina Lange

[…] Wo waren denn die Hörenden?! Wo? 90 Prozent aller Besucher der Kulturtage waren gehörlos oder hörgeschädigt. Ich habe mich gefragt, wo sie waren? Okay, es mag sein, dass wir als Gehörlose das Gefühl haben, dass wir von Hörenden behindert werden. Das heißt aber, dass wir den ersten Schritt machen müssen. Und man muss Werbung für die Kulturtage machen. Viele Themen, politische Vorträge sind für Hörende wichtig. Das wäre der erste Schritt. […] Man hätte das Plakat auch ganz anders gestalten oder formulieren können, zum Beispiel: „Wir sind eine Welt“; […] Aber nicht diese Worte „inklusiv“ und „gleichwertig“. Das setzt man automatisch mit Behinderten gleich.

Dirk Tabbert

[…] 2004 wurde das erste Coda-Treffen organisiert. Seitdem gibt es das zweimal jährlich. […] Dabei geht es auch darum, dass die Teilnehmer ein Bewusstsein für ihre gehörlosen Eltern bekommen und nicht nur das Gefühl des Bedauerns haben, sondern genau erfahren, was es bedeutet in zwei Welten aufzuwachsen. Zum Thema „Coda“ war bei den Kulturtagen nichts zu sehen! Gibt es also kein Interesse für das eigene hörende Kind? Ist es also nicht Teil der Gemeinschaft? […] Mein Eindruck ist, dass das eigene hörende Kind noch nicht so selbstverständlich Teil der Gehörlosengemeinschaft ist - was schade ist, denn die Kinder können ein positives Bild von Gehörlosen nach außen tragen, von der tollen Kultur berichten […].“

Raul Krauthausen

„[…] Also ich hatte nicht das Gefühl, dass die Gehörlosen-Kulturtage in Potsdam für die Öffentlichkeit waren, sondern ich hatte das Gefühl, das ist für die Gehörlosengemeinschaft, damit sie sich mal untereinander kennenlernen, austauschen können. Auch eine Selbstwirksamkeit empfinden können, dass sie dann doch nicht alleine sind jeder für sich, sondern eine große Gemeinschaft. Das heißt, sie hatte vielleicht auch gar nicht den großen Anspruch […] die hörende Welt zu erreichen. Ich würde empfehlen, die großartigen Talente in der gehörlosen Community, die es gibt, als Botschafterinnen und Botschafter einzusetzen. […]“

Ein Fazit

Umfassende Teilhabe und Gleichstellung in allen Lebensbereichen kann nur dann gelingen, wenn Inklusion von verschiedenen Seiten angestrebt wird. Der Gesellschaft muss es gelingen, die noch vielen sichtbaren und unsichtbaren Barrieren zu beseitigen und für eine bunte, offene Gesellschaft zu werben. Und Gehörlose müssen noch aktiver auf Hörende zugehen und über ihre eigene Kultur und Sprache informieren.  

"Wir brauchen Talente oder Aktivisten, die eine Bühne bekommen und nach außen treten können. Diese Personen brauchen die Unterstützung und den Rückhalt der ganzen Gehörlosengemeinschaft. Das haben wir nicht. Es ist auch immer die Frage, wie kommt man in die Gruppe der Hörenden, in die Gesellschaft rein? […] Da ist die Schwelle, die überwunden werden muss, um beide Seiten mehr zusammenzuführen. Wir brauchen Beziehungen. Kommunikation ist ein sehr wichtiger Bestandteil. Und ohne Gebärdensprache sind Kommunikation und Kontakte nicht möglich."

Katja Fischer


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