BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Bilingual Annas Weg in die Inklusion

Als Anna vor 5 Jahren gehörlos geboren wurde, war das für ihre hörenden Eltern erst einmal ein Schock. Kathrin und Manuel Löffelholz waren völlig verunsichert und sahen sich vor eine enorme Herausforderung gestellt. Nach reiflicher Überlegung haben sie sich entschieden, Annas Entwicklung mit Gebärdensprache zu begleiten.

Stand: 20.01.2018

Ein gehörloses Kind wirft bei hörenden Eltern viele Fragen auf. Wie kommunizieren wir mit unserem Kind? Was braucht das Kind? Soll es ein Cochlea Implantat bekommen? Oder setzen wir auf Gebärdensprache? Wie werden wir unserem  Kind gerecht? Was ist nötig, damit es dazu gehört? Um teilzuhaben an der Gesellschaft? Bei Familie Löffelholz dauerte diese erste Entscheidungsphase etwa ein halbes Jahr.

"Wir hatten ein halbes Jahr lang hin und her überlegt. Und ja klar, wir haben auch eine Voruntersuchung für das CI machen lassen, um zu schauen."

Manuel Löffelholz, Vater von Anna

Dann war beiden klar, dass sie sich für Gebärdensprache entscheiden. Dass sie für Anna eine so gravierende Entscheidung mit einem CI fällen sollten, fanden sie problematisch. Es fühlte sich einfach nicht richtig an. Zunächst mussten sie aber selbst anfangen, Gebärdensprache zu lernen.

"Wir haben mit Anna auf dem gleichen Level zu lernen angefangen. Und haben uns mit ihr gleichzeitig weiterentwickelt. Aber ich hoffe, dass wir sie eines Tages überholen werden."

Manuel Löffelholz, Vater von Anna

Der Kindergarten

Anna im Kindergarten

Die Gebärdensprache prägt nun weitere Entscheidungen, z. B. für einen Kindergarten, der offen für ein inklusives Konzept ist. Anna  kommt mit zwei Jahren in den Kindergarten. Am Anfang ist sie das einzige gehörlose Kind. Inzwischen sind sie zu dritt, auch ihr Bruder, der ebenfalls gehörlos geboren wurde, ist dabei. Sie werden unterstützt von einer Gebärdensprachdolmetscherin und einer gehörlosen Kommunikationsassistentin, die zweimal wöchentlich im Wechsel kommen. Die beiden unterstützen vor allem die Kommunikation zwischen den Kindern - die Pädagoginnen haben gleich bei Annas Eintritt in den Kindergarten angefangen, selbst die Gebärdensprache zu erlernen. Anna fühlt sich wohl dort und ist voll integriert.

"Wir waren uns klar, dass wir dann, also das ganze Team, die Deutsche Gebärdensprache lernen sollen, dürfen, können. Und das haben wir dann auch gleich, als Anna kam im September, angefangen."

Schwester Lioba Kaiser, Kindergarten-Leiterin

Die Frühförderung

Ein Antrag auf einen Frühförderungskurs wird zunächst abgelehnt. In einem Frühförderzentrum findet Familie Löffelholz schließlich die Hilfe, die sie benötigt.

"Für die Ämter war das eine völlig neue Information, dass Gehörlose eine eigene Kultur haben, die mit der Gebärdensprache zusammenhängt. Was das bedeutet, davon hatten sie keine Ahnung."

Manuel Löffelholz, Vater von Anna

Die Schulfrage

Nach dem Kindergarten kommt die nächste Hürde: Wie geht es mit der Schule weiter? Eine Einzelinklusion – also ein Dolmetscher für Anna in einer hörenden Klasse - kommt für Annas Familie nicht in Frage. Im Austausch mit anderen betroffenen Eltern wird schnell klar: Gerne würden die Eltern das Konzept des Kindergartens fortführen, also eine inklusive Beschulung, bei der zusätzlich noch in Gebärdensprache kommuniziert wird. Unterstützt werden sie dabei von Kristin Hennies, einer Sonder- und Integratioinspädagogin, die ein bimodal-bilinguales Konzept entwickelt. Inzwischen hat die Interessengemeinschaft der Eltern auch einen Verein gegründet:  Biling e. V. – Verein für bilinguale Bildung in Deutscher Gebärdensprache und Deutscher Lautsprache.

Der Verein Biling e. V.

Der Verein setzt sich für bilinguale Bildungsangebote in Deutscher Gebärdensprache und Deutscher Lautsprache ein, um so die Bildungschancen von hörbeeinträchtigten Kindern zu verbessern. Ein wichtiges  Ziel ist auch, den Erfahrungsaustausch zwischen Eltern gehörloser Kinder zu stärken. Ganz konkret wurde im Verein gemeinsam ein bilingualer Schulansatz erarbeitet und letztendlich auch eine gehörlose Lehrkraft zur Umsetzung des Planes gefunden. Die Prämisse des Vereins: Die Kinder sollen beide Welten – die der Hörenden und die der Gehörlosen – kennenlernen und sich keinesfalls abschotten. Und auch die hörenden Kinder sollen profitieren, ihre Hemmungen verlieren und sich mit Gehörlosen ganz selbstverständlich verständigen können.
Mehr Infos unter:

Hochmotiviert präsentiert Kristin Hennies bei der ersten Schule ihr Konzept – und wird abgelehnt. Die zweite Schule lehnt ebenfalls ab, mit Verweis auf die sonderpädagogischen Angebote. Erst die dritte Schule – eine Gemeinschaftsschule – sagt zu.

"Ich erzähle mit größter Freude immer dieses Beispiel, um zu zeigen, dass Inklusion eigentlich für alle immer ganz große Vorteile hat. [...] Die Nichtdeutschen haben eine zusätzliche Kommunikationsmöglichkeit. Diejenigen, die Gebärdensprache brauchen, kommen mit anderen Kindern zusammen. Und ganz, ganz wichtig, [...] es spielt auf einmal nicht nur die Sprache eine Rolle, die Lautstärke, sondern auch Gestik und Mimik. Und wir wissen auch, dass es viele Kinder gibt, die kennen nur einen Gesichtsausdruck und die kennen nur eine Sprachhöhe. Ja, das heißt also, es wird alles viel sensibler. Und es klappt ja auch wunderbar."

Falko Stolp, Schulleiter der Gemeinschaftsschule am roten Berg in Erfurt

Das bilinguale Schulprojekt wird auch wissenschaftlich begleitet, von Professor Dr. Johannes Hennies von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

"Bisher haben wir gehörlose Kinder nur in der Einzel-Inklusion mit Dolmetschern an Regelschulen gehabt. Das funktioniert, was die Wissensvermittlung angeht, auch ganz gut. Aber es gibt zwei Bereiche, da ist es nicht so einfach: Zum einen bei Kindern, deren Eltern hörend sind, und Gebärdensprache lernen. Diese Kinder brauchen Sprachvorbilder. Da reichen Dolmetscher nicht aus. Nötig sind erwachsene Gehörlose und andere Kinder, die in Gebärdensprache kommunizieren. Zum zweiten brauchen die Kinder für ihre soziale Entwicklung Peer-Kontakte. Das können hörende Peers sein, aber auch gehörlose. Und der dritte Bereich ist die Didaktik. Nur mit Dolmetschern klappt es nicht. Man braucht z. B. für den Schriftspracherwerb einen anderen didaktischen Ansatz. Deshalb haben wir uns bei diesem Projekt entschieden, nicht Dolmetscher, sondern eine gebärdensprach-kompetente hörbehinderte Lehrerin einzusetzen, die im Team mit einer hörenden Lehrerin arbeitet."

Professor Dr. Johannes Hennies

Ein bislang einmaliges Projekt

Anna in der Schule

Anna besucht nun seit einigen Wochen die Schule. In ihrer Klasse sind acht hörbehinderte und zwölf hörende Kinder, unter ihnen auch zwei Codas. Eine solche Gruppeninklusion ist bisher einmalig in Deutschland – und eine große Herausforderung, der sich die Schule stellen will. Und die sie bisher schon sehr gut meistert. Doch es gibt noch einige Hürden zu nehmen und Erfahrungen zu sammeln.

Für Annas Eltern ist der Weg des Lernens und der Erfahrungen noch lange nicht zu Ende. Sie lernen weiter fleißig Gebärdensprache, engagieren sich im Verein und vernetzen sich mit anderen Familien. Ihr größter Wunsch ist, dass Anna eine klare Identität und Selbstbewusstsein entwickelt und sie weiß, dass ihre Eltern sie so akzeptieren, wie sie ist.


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