BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Unvergessen Gunter Trube

Er war offen, voller Ideen und begeisternd. Er war wild, schillernd und einzigartig. Er war ein Kämpfer mit großem Herz und scheute sich nicht, Tabu-Themen anzusprechen. Gunter Trubes plötzlicher Tod hat eine große Lücke hinterlassen, die auch nach Jahren noch klafft.

Stand: 24.06.2018

„So wie Gunter war, das gab es kein zweites Mal.“ Diesen Satz von Gunters Bruder können wohl nahezu alle Menschen unterschreiben, denen Gunter begegnet ist. Egal ob Familie, ehemalige Klassenkameraden, ob Mitstreiter oder Wegbegleiter, ob enge Freunde und Vertraute – auf alle hat Gunter einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Sehen statt Hören“ sprach mit vielen von ihnen.

Kindheit in einfachen Verhältnissen

Sein Leben ist alles andere als langweilig oder geradlinig. Gunter wird am 20.08.1960 geboren. Er wächst gemeinsam mit seinem ebenfalls gehörlosen Bruder Rolf bei seiner Mutter auf, die alleinerziehend ist. Er lebt als Kind in einfachen Verhältnissen, in der Schule holt er sich die Aufmerksamkeit, die er zuhause nicht haben kann. Gunter hat schon als Kind die Gabe zu unterhalten. Und das ist nicht sein einziges Talent. Auch im Sport kann er begeistern und gewinnt als Leichtathlet viele Medaillen.    

Outing

Eine besondere Wende bekommt sein Leben, als er sich als homosexuell outet. Sogar seine Mutter ist geschockt. Zunächst.

"Als ich erfahren habe, dass Gunter schwul ist, habe ich mit dem Wort „schwul“ fast gar nichts anfangen können. Und dann habe ich gedacht: „Wenn er den Weg genommen hat oder gehen will und damit glücklich ist, dann soll er es tun, und ich würde mich nie dagegen stellen."

Helga Puttrich-Reignard, Mutter von Gunter

Mit 14 nach Frankreich

Gunter geht seinen Weg: Schon mit 14 Jahren geht er nach Paris, weil er dort beim Theater mitmachen will. Er entdeckt, dass er sehr begabt ist. In Frankreich bekommt er viel Anerkennung dafür und knüpft Kontakt mit anderen wichtigen Künstlern. Zurück in Deutschland wird ihm diese versagt – was wohl an seiner Homosexualität liegt.

Arbeit für die Toleranz

Gunter lässt sich aber nicht einbremsen: Er lebt offen schwul, ist jedes Jahr beim Christopher-Street-Day dabei und gründet mit den „Verkehrten 85“ den ersten Schwulenverein Berlins für Gehörlose. Gunter bietet viel Aufklärungsarbeit, spricht mit Schwulen, die „versteckt“ leben und gibt ihnen Selbstbewusstsein. Als dann die ersten Fälle von HIV-Infektionen bekannt werden, wird Gunter noch aktiver: Er klärt auf über Aids, Ansteckung und kämpft gegen die Hysterie in der Bevölkerung. Unvergessen bleibt die Broschüre der Aids-Hilfe. Mit der Fotografin, Barbara Stauss, entsteht ein Heft,  das mit anschaulichen Fotos und klaren Aussagen  vor allem an Gehörlose adressiert ist.

Barmann und Künstler

Gunter ist mit seinem Beruf als Technischer Zeichner unzufrieden und schmeißt ihn hin. Er zieht nach Berlin, putzt eine Zeit lang in einem Club, bis er dann hinter der Bar eines Schwulenclub landet – dem legendären „Kumpelnest 3000“. Das Szenelokal wird für Gunter ein Ort mit vielen wichtigen Begegnungen. Doch mit der Arbeit in der Bar allein gibt er sich nicht zufrieden. Durch eine witzige Idee eines Freundes macht er Karriere in Amerika – als professioneller Künstler. Bis er diesen Status auch in Deutschland hat, vergehen Jahre. 2001 bekommt er den Kulturpreis in München.

"Ich glaube, das war tief in ihm drin und er hat sich sehr, sehr gefreut, dass er dann den Kulturpreis bekommen hat, weil das war wirklich für ihn so eine Anerkennung von offizieller Stelle, dass er nicht nur so ein bunter Vogel ist, der Travestie macht und mit Frauenkleidern auftritt und Späße macht, sondern dass … auch was er dann für die Aidsaufklärung gemacht hat, was er da in den Kofos gemacht hat, dass da die Offiziellen gesagt haben: Ja, Hut ab. Dafür geben wir ihm den Preis."

Thomas Trube

Gunter und die Poesie

Er ist auch extrem rührig und kreativ: Gunter Trube verwirklicht Fotoprojekte über Gebärdenpoesie, denn Poesie – das ist seines. In nahezu all seinen künstlerischen Projekten spielt sie eine Rolle. Durch seine Art und Ausstrahlung findet er auch Zugang in die Promiwelt – wie etwa zu Karl Lagerfeld.

Das Glück seines Lebens

Das Kumpelnest wird für Gunter in mehrfacher Hinsicht zum Glücksbringer: Dort  lernt er Thomas Trube kennen. Die Liebe seines Lebens.

"Ich bin keinem Gehörlosen begegnet, in den ich mich verliebte. Die ganze Zeit war mein Herz auf der Suche. Ich war ja schwul … na klar. Dann gab es vielleicht mal Eintagsfliegen, die einfach nur verpufften, nichts weiter. Irgendwie wollte sich mein Herz nicht öffnen, bis ich dann auf Tom traf. Da ging mein Herz auf."

Gunter Trube

Die beiden heiraten im Juli 2003. Am 29. Juni 2008 stirbt Gunter völlig überraschend. Ein schillerndes Leben voller Energie und Kreativität geht zu Ende. Seine Welt bleibt erstarrt zurück. Die Lücke, die Gunter Trube hinterlässt, ist riesig - und bis heute vorhanden.


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