BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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TV, Kino, Theater Gehörlose Schauspieler im Einsatz?!

Gehörlosigkeit wird immer häufiger in Fernsehfilmen und -serien thematisiert. Aber welches Bild von Gehörlosen wird vermittelt? "Sehen statt Hören" hat verschiedene Beispiele gemeinsam mit einigen Profis diskutiert.

Stand: 09.01.2018

Gehörlose Schauspieler | Bild: BR

Unter drei verschiedenen Gesichtspunkten sah sich unsere Expertenrunde die drei Sendungen „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte: Wer wagt, gewinnt“, „Dr. Klein“ und „Frühling – Schritt ins Licht“ an: Welche Geschichten werden über Gehörlose erzählt? Wie werden die Rollen besetzt? Welches Bild von Gehörlosen wird vermittelt?

Unsere Expertenrunde

Kassandra Wedel

Tänzerin und Schauspielerin. Sie hat bereits in einigen Filmen als gehörlose Schauspielerin mitgewirkt.

Thomas Mitterhuber

Kommunikationswissenschaftler. Er schreibt für die Deutsche Gehörlosenzeitung unter anderem auch Film- und Theaterkritiken.

Mathias Schäfer

Gebärdensprach-Fachmann. Er coacht hörende Schauspieler in Gebärdensprache.

Die drei Filme – Zusammenfassung & Besetzung

In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte: Wer wagt, gewinnt

Die gehörlose Natalie will ein Cochlea-Implantat (CI) und Musikerin werden. Ihr gehörloser Freund Tim ist dagegen, weil er Angst hat, sie zu verlieren. Die Gehörlosenrollen wurden mit hörenden Schauspielern besetzt. Das sehen Gehörlose oft kritisch, nicht authentisch genug. Außerdem werden gehörlosen Schauspielern dabei mögliche Rollen genommen. In diesem Fall wurde Kassandra Wedel als gehörlose Schauspielerin für die Rolle der Natalie angefragt, entschied sich jedoch gegen diese Rolle, weil sie als Gehörlose ohne CI lebt – und keine Rolle übernehmen wollte, die das CI positiv darstellt.

Frühling – Schritt ins Licht

Ein gehörloser Holzschnitzer hat eine hörende Tochter. Zwischen den beiden hat sich einiges an Gefühlen und Problemen angestaut, worüber sie eigentlich reden müssten. Aber sie schaffen es nicht, sich auszusprechen und leiden unter der Situation. Mathias Schäfer hat die beiden hörenden Schauspieler gecoacht – in Gebärdensprache und Gehörlosenkultur.  Als Coach konnte er auch zu wichtigen kulturellen Besonderheiten beraten.

Dr. Klein

Eine Krankenhausserie, die bereits inklusiv angelegt ist: Sie beschäftigt sich mit der kleinwüchsigen Kinderärztin – und zeigt sowohl ihre berufliche als auch private Situation. Unter anderem hat Kassandra Wedel in der Serie mitgespielt, als gehörlose Mutter mit hörendem Sohn, der für seine Eltern dolmetscht. Im Film sollte gezeigt werden, dass es nicht seine Aufgabe ist, für die gehörlose Mutter zu sorgen - sondern dass er auch getrennt von ihr im Internat sein kann, um eine Gesangsausbildung zu machen. Die Rollen wurden authentisch besetzt – der Sohn wurde von einem Coda gespielt.

Meinungen zu „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte: Wer wagt, gewinnt“

Thomas Mitterhuber

Für mich ist an dem Film interessant, dass es zwei verschiedene gehörlose Rollen gibt. Natalie ist offen gegenüber der hörenden Welt, das zeigt sich in ihrer Kommunikation und ihrer Liebe zur Musik. Die andere Rolle zeigt einen Gehörlosen, der eine abwehrende, ängstliche und unsichere Haltung einnimmt und der aggressiv wird. Ich finde gut, dass da zwei unterschiedliche gehörlose Rollen gewählt wurden: Eine offene und eine eher verschlossene. Aber positiv kommt das nicht rüber.

Mathias Schäfer

Das Bild, das durch die Rolle des Gehörlosen vermittelt wird: geringe emotionale Toleranz, Gewaltbereitschaft, fehlendes Abstraktions- und Einfühlungsvermögen und stattdessen Eifersucht und Wut – das erinnert mich, offen gesagt, an ein Tier – an „animalisches“ Verhalten. Das find ich problematisch.

Kassandra Wedel

Man kann im Film ja nicht immer nur das Positive zeigen. Es gibt solche Charaktere ja nicht nur bei Gehörlosen, sondern genauso auch bei Hörenden. Das ist unabhängig davon, ob man hören kann oder nicht. Es gibt einfach Menschen, die es nicht schaffen, ihre Emotionen kommunikativ auszudrücken. Sie werden aggressiv und sind vielleicht auch gewaltbereiter. Ihr Verhalten ist grob und hart. Das halte ich durchaus für realistisch. Vielleicht sollten wir Gehörlose da auch ein Stück weit offen sein. Nur weil diese eine Rolle so angelegt ist, heißt das ja nicht, dass alle Gehörlosen so sind.

Meinungen zu „Frühling – Schritt ins Licht“

Mathias Schäfer

Beim Filmdreh ist die Zeit sehr knapp bemessen! Normalerweise fange ich mit hörenden Schauspielern bei Null an und erfahrungsgemäß entwickeln sie sich dann ziemlich schnell und können ihre Sätze ganz gut gebärden. Bei Ottokar Lehrner war es so, dass er durch seine gehörlose Frau schon gebärden konnte. Er hatte aber seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Das funktioniert für die Kommunikation mit seiner Frau ganz gut, so dass er seine eigene Form der Gebärdensprache tief verinnerlicht hatte. Nur konnte man gerade daran erkennen, dass er nicht gehörlos ist. Das habe ich versucht zu ändern, aber wir hatten zu wenig Zeit. Cordula Zielonka hat sich sehr gut entwickelt – klar, sie spielte ja auch die Rolle der Coda, also der hörenden Tochter. Ob ich mit dem Ergebnis ganz zufrieden bin? Nun, ich würde sagen, es hätte besser sein können.

Thomas Mitterhuber

Ich finde spannend, dass in den Filmen über Gehörlosigkeit oft auch das Thema Coda eine Rolle spielt. Typisch ist dabei auch das Bild von einem selbstständigen Handwerker, der auf sein hörendes Kind angewiesen ist, damit er zurechtkommt. Da frage ich mich schon, was die Botschaft ist? Haben Gehörlose keine Chance in Firmen eingestellt zu werde und müssen deshalb selbstständige Handwerker werden? Gibt es keine anderen Berufe für sie? Ich finde schade, dass hier ein falsches Bild gezeichnet wird. Denn natürlich können Gehörlose eigenständig arbeiten mit Unterstützung durch Arbeitsassistenten oder andere Hilfen, aber das wird leider ausgeblendet.  Schade! 

Kassandra Wedel

Als Schauspielerin wünschte ich mir, dass die Rolle nicht nur auf die Gehörlosigkeit reduziert wird oder sich immer nur auf die Probleme konzentriert. Für mich ist eine Rolle dann interessant, wenn sie einen Charakter darstellt. Und nicht, wenn es nur um äußere Merkmale geht, wie rote Haare oder Sommersprossen. Als Gehörloser hat man ja auch immer einen eigenen Charakter, den man nicht ablegen kann. Wenn man sich darauf konzentriert, kann man mutiger damit umgehen.

Meinung zur Serie „Dr. Klein“

Kassandra Wedel

Für mich war sehr interessant, zu sehen, wie es abläuft. Der Vorteil bei dieser Produktion war: Der Regisseur suchte von vornherein eine gehörlose Schauspielerin. Ich denke, das war schon mal ein wichtiger erster Schritt. Später hat er dann rückblickend auch gesagt, dass es für ihn die richtige Entscheidung war. Man merke schon einen Unterschied. Er hat verstanden, warum es besser ist, mit gehörlosen Schauspielern zu arbeiten. Andererseits war es auch für die hörenden Kollegen am Set eine völlig neue Erfahrung. Sie konnten nicht so schnell spielen, wie sie es bei den Dialogen gewohnt waren. Ich sagte, es sieht nicht natürlich aus. In DGS muss man mit der Antwort warten, bis der andere fertig gebärdet hat. Das kostet mehr Zeit. Das mussten alle erst mal lernen. Sie hatten bis dahin noch nie mit Gehörlosen zu tun gehabt und wussten nicht, wie sich das im wahren Leben auswirkt. Ich habe meine Erfahrung mit eingebracht. Alle mussten dazulernen. Aber sie waren offen und interessiert. Einige wollten sogar einzelne Gebärden lernen. Und die Rolle meines Sohnes hat ein Coda übernommen. Ich denke, das war eine gute Wahl.

Meinungen zur Darstellung von Gehörlosen im Fernsehen

Thomas Mitterhuber

Hörende Zuschauer sehen in dem Film (In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte, Anmerkung der Redaktion) die verschiedenen Rollen: Ärzte, Eltern und so weiter. Die Zuschauer können das mit ihren eigenen Erfahrungen abgleichen und so zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Hörende haben aber wenig Kontakt mit Gehörlosen und wissen nichts über sie. Das Bild, das der Film vermittelt, hat dann weitaus stärkere Wirkung und prägt sich leider ein. Wenn der Arzt übertrieben dargestellt wird, wissen die Zuschauer das. Bei Gehörlosen fehlt ihnen die Erfahrung. Das Bild bleibt so hängen – das kann ein Nachteil sein.  

Thomas Mitterhuber

(…) die Gesellschaft hat eine eher negative Vorstellung von Gehörlosigkeit. Deshalb reagieren wir sehr sensibel und schauen genau hin, wenn es eine gehörlose Rolle gibt. Von wem wird sie gespielt und welches Bild wird da vermittelt? Wir sind da sehr kritisch und es macht uns wütend, wenn die Rolle nicht passend besetzt oder gespielt wurde, weil damit das negative Bild noch bestätigt und die Stigmatisierung schlimmer wird.

Mathias Schäfer

Gehörlose sehen sich selbst nicht als Behinderte, wie das die Mehrheitsgesellschaft tut. Wir sehen uns als Sprachgemeinschaft, als eigene kulturelle Gruppe, fast als eigenes „Volk“. Das Besondere und Wertvolle daran wird aber von der Gesellschaft nicht wahrgenommen. Da braucht es Aufklärungsarbeit.

Die Situation gehörloser Schauspieler

Flexibilität – das ist das oberste Gebot für gehörlose Schauspieler in Deutschland, sagt Eyk Kauly. Er hat gemerkt, dass er von den hörenden Entscheidungsträgern nicht erwarten kann, dass sie auf seine Wünsche in Sachen Gebärdensprache eingehen. „Lieber ist mir, wenn ein Entscheider selbst auf die Idee kommt, einen Film über Gehörlose zu drehen – und den Kontakt sucht. Wenn er von der Gebärdensprache so fasziniert ist, dass er eine Idee entwickelt.“, sagt der Schauspieler. Athina Lange wünscht sich mehr Zusammenhalt unter den gehörlosen Akteuren. Zudem wüssten die meisten Agenturen gar nicht, dass es gehörlose Schauspieler gibt. Jeanne Zander wünscht sich, dass es mehr Projekte gibt – egal ob Film, Fernsehen oder Theater – bei denen Gehörlose Platz finden. Mittlerweile haben Agenturen für Schauspieler dazu aufgerufen, sensibler an die Besetzung von Rollen heranzugehen. So sollen Menschen mit Behinderung eben auch von Menschen mit Behinderung gespielt werden.

"Ich würde mir natürlich wünschen, dass es mehr Schauspielausbildung geben würde für Gehörlose, dass sie diesen Beruf auch ergreifen. Nur, wir haben ja auch geguckt, und es war wahnsinnig schwer, Schauspieler zu finden, die das authentisch rüberbringen. Das gleiche Problem hatten wir aber auch als wir zwei Blindengeschichten erzählt haben. Da kommen wir an unsere Grenzen und das tut uns auch leid, dass man merkt, dass es keine gehörlosen Schauspieler sind. Wir können's uns nicht backen."

Andreas Wachte, Head-Autor 'In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte'

"Aber wir können als Gehörlose nicht immer nur warten, bis hörende Autoren eine Rolle für uns erschaffen. Vielleicht müssen wir dafür sorgen, dass wir durch bessere Bildung auch selbst Drehbücher schreiben und einreichen oder Positionen im Filmbereich besetzen. Wenn wir Gleichberechtigung wollen und mehr Inklusion in allen Bereichen, müssen wir uns den entsprechenden Bildungsweg vornehmen und Entwicklungen zulassen, so dass Gehörlose selbst Bücher schreiben und Geschichten erfinden; dass sie als Regieassistenten arbeiten. Ohne Bildung und Ausbildung wird das nicht möglich sein, fehlt es am nötigen Selbstbewusstsein und den Fertigkeiten. Wir können nicht darauf warten und fordern, dass sich etwas verändert und für uns gemacht wird."

Kassandra Wedel

Ein Fazit

Es ist schön, dass das Thema "Gehörlosigkeit" immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, auch in Fernsehfilmen und Serien. Und vielleicht gibt es ja künftig auch mehr Rollen, die nicht das Defizit betonen und Gehörlose als bedauernswerte Opfer beschreiben, sondern die Normalität vermitteln. Und die Erfahrung lehrt, dass man auf diese Entwicklung nicht warten sollte …


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