BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Mit Avatar & Co Digitale Barrierefreiheit

Digitale Technologien sind allgegenwärtig. Sie haben den Alltag verändert und die Kommunikation deutlich verbessert. Besonders Apps auf dem Smartphone tragen zur „digitalen Barrierefreiheit“ der Gebärdensprachnutzer bei. Doch wie weit ist die Technologie schon? Sehen statt Hören hat nachgefragt.

Stand: 14.11.2018

Manche Unternehmen bieten mittlerweile innovative Ideen für ihre Barrierefreiheit an – wie etwa die Deutsche Bahn.

Sie informiert über eine spezielle App über ihren Zugverkehr und nutzt sogenannte Avatare, also animierte Figuren, die dem Kunden weiterhelfen. Damit diese Avatare auch Menschen mit Hörbehinderung weiterhelfen können, müssen die künstlichen Figuren Gebärdensprache beherrschen. Das zu programmieren ist nicht einfach – und hatte zu Beginn so seine Tücken.

"Damals sahen die Animationen der alten Generation sehr merkwürdig aus. Sie glichen Robotern und waren kaum zu verstehen. Und die Welt der Gehörlosen stand ihnen sehr kritisch gegenüber. Heute ist die technische Entwicklung wesentlich weiter"

Patrick Salomon, 3D-Animator

Herausforderung Gebärdensprach-Avatare

Die Herausforderung Gebärdensprach-Avatare zu entwickeln ist sehr hoch. Zum einen braucht man enorm leistungsstarke Computer. Doch das größere Problem sind die hohen Anforderungen, die die Programmierung der Gebärdensprache hat: Die verschiedenen Parameter wie Handform, Handstellung, Ausführungsstelle, Bewegung, Mimik und Körperhaltung sind von großer Bedeutung. Eine echte Herausforderung für die Programmierer.

Entwicklung der Avatare

In Wien bei der Firma Signtime werden Gebärdensprachavatare entwickelt und sehr aufwändig verfeinert. 8 Jahre lang hat die Firma an der Entwicklung ihrer Avatar-Software gearbeitet. An den einzelnen Gebärden der Avatare wird getüftelt und gefeilt -wirklich jede kleinste Bewegung, Handhaltung und Geste ist wichtig. Und auch auf die Geschwindigkeit wird genau geachtet – je nachdem, wo der Avatar schließlich zum Einsatz kommt gebärdet er schneller oder langsamer. Wichtig ist aber nicht nur die Grafik, sondern auch eine richtige Übersetzung der Schrift- in die Gebärdensprache.

"Unser Avatar-System basiert auf einer Datenbank mit tausenden händisch, einzeln animierten Gebärden. Das sind die kleinsten Bausteine unserer Gebärdensprache und diese werden in unserem Softwaresystem aneinandergereiht und damit entsteht sozusagen flüssige Gebärdensprache und wenn wir einmal eine Gebärde nicht haben, dann wird die im Moment händisch animiert, kommt zu unserer Datenbank hinzu und steht damit für zukünftige Animationen zur Verfügung und damit haben wir ein lernendes System, das mit jeder Anwendung intelligenter wird."

Dr. Georg Tschare, Signtime

Warum Avatare statt Menschen?

Sieben 3D-Animatoren arbeiten bei SignTime – und in einer einzigen Minute Inhalte stecken zwei Stunden Arbeitszeit. Doch warum nimmt man dann statt der Avatare nicht echte Menschen? Am Ende sind sie doch viel schneller.

"Die Avatare übersetzen massenweise Content, all die Informationen, die jeden Tag immer wieder neu produziert werden. Ich gebe ein Beispiel: Allein in Deutschland sind 50.000 Arzneimittel zugelassen. Wenn man die alle mit Dolmetschern übersetzen würde, dann würde das Jahre dauern und man wird nie fertig mit dem Projekt. Avatare sind hier eine technische Lösung. Die können sehr schnell große Mengen an Texten übersetzen und sind für solche Aufgaben wesentlich besser geeignet."

Dr. Georg Tschare, Signtime

Ein Ersatz für Dolmetscher kann der Avatar aber nicht sein – denn eine Übersetzung in Echtzeit durch dieseTechnik ist nicht möglich.

Datenbrillen im Einsatz

Doch nicht nur die öffentlichen Stellen, die durch das neue Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) verpflichtet sind, barrierefrei zu informieren, wurden tätig. Es gibt auch private Firmen, die sich für die Barrierefreiheit in ihrem Betrieb engagieren. Wie etwa das Logistikzentrum der Schmaus GmbH in der Nähe von Chemnitz, das sich in Sachen digitale Barrierefreiheit etwas ganz Besonderes einfallen hat lassen – die digitale Datenbrille. Die Idee stammt vom Geschäftsführer Adalbert Schmaus.

Die digitale Datenbrille

Die Brille, die während der Arbeit getragen wird, zeigt dem Träger verschiedenen Informationen an. Diese werden sozusagen in die Gläser projiziert. Das können sowohl Infos zur Arbeit selbst sein, aber auch ein Hinweis, dass sie gerade gerufen wurden. Auch bei Feueralarm gibt sie Bescheid. Je nachdem, worauf sie programmiert ist.

"Die Idee kam beim Autofahren. Das will man vielleicht heute nicht glauben. Mein erster Ausbildungsberuf ist die Fahrzeugtechnik. In meinem Job war ich sehr, sehr viel mit dem Auto unterwegs. Und dieses Prinzip, dass man dem Fahrer durch ein Assistenzsystem bestimmte Informationen in die Windschutzscheibe projiziert, das reizte mich, um nach diesem Prinzip Menschen mit einem Handicap zu unterstützen und zu führen im Fertigungsprozess, im Logistikprozess, hier bei uns. Es war ein langer Weg von der Idee bis zur Umsetzung, aber daher stammt die ursprüngliche technische Idee."

Adalbert Schmaus, Geschäftsführer

Innovationspreis für Idee

Drei Jahre hat Adalbert Schmaus die Brille zusammen mit der TU München entwickelt. Seine Mitarbeiter waren dabei wichtige Ideengeber. Die Technik verbessert sich zusehends und wird von den gehörlosen Mitarbeitern als Vorteil angesehen. Und nicht nur die sehen das Gute der Brille: Für seine digitale Datenbrille hat das Unternehmen einen der diesjährigen Innovationspreise bekommen.


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