BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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„Die Hauptsache“ Eine Bühne, zwei Sprachen

Die Spannung war riesig: „Die Hauptsache“, die neue Produktion des Deutschen Gehörlosen-Theaters erstmals im Zusammenspiel gehörloser und hörender Schauspieler*innen. Ein wichtiger Schritt in Sachen Inklusion und Vielfalt?

Stand: 12.03.2019

Alle fiebern erwartungsvoll auf die besondere Premiere des Deutschen Gehörlosentheaters hin – das Publikum genauso wie die Schauspieler*innen. Vorausgegangen ist eine intensive Proben- und Entwicklungszeit. Sehen statt Hören dürfte den Prozess begleiten.

Wunsch nach Neuem

Der Wunsch, etwas Neues auszuprobieren – das war der Anstoß für das Deutsche Gehörlosentheater, Jeffrey Döring als Regisseur zu verpflichten und mit seinem Konzept hörende Schauspieler*innen in das neue Programm einzubauen. Und zwar nicht so, wie man es landläufig unter dem Begriff „Inklusion“ kennt: mit Dolmetschern am Bühnenrand oder mit eingeblendeten Obertiteln. Es soll anders kommuniziert werden.

"Das Deutsche Gehörlosentheater hat mit seinen Stücken bisher immer den traditionellen Weg bestritten. Jetzt war der Wunsch da, etwas Neues auszuprobieren, einen anderen Weg zu gehen. Also aus der Komfortzone rauszukommen und das Abenteuer zu wagen."

Matthias Pointner, Deutsches Gehörlosentheater

Inklusion – auch im Theater machbar?

Mathias Schäfer, Gebärdensprach-Coach

„Bisher hat ja das Deutsche Gehörlosen-Theater immer gehörlose Darsteller eingesetzt. Jetzt kommen auch hörende Schauspieler zum Einsatz. Ich persönlich war anfangs sehr irritiert und wusste nicht so recht. Das war bevor ich hierherkam. Denn hörende Schauspieler haben alle Möglichkeiten, in anderen Theatern Arrangements zu bekommen. Für Gehörlose gibt es auf hohem Niveau nur eines.“

Jan Kress, Schauspieler

„Ich finde es schade, wenn Gehörlose immer nur unter sich bleiben. Wie sollen sie so jemals dazulernen? Wenn man mit Hörenden zusammenspielt und den Austausch hat, dann kann man viel lernen. Mit diesem Austausch ist man mehr gestärkt und weiß mehr. Das macht es für ein nächstes Projekt einfacher.“

Athina Lange, Schauspielerin

„Man muss ausprobieren. Es muss sich entwickeln. Jetzt ist die Zeit für Entwicklung! Und das ist schön. Ich bin so dankbar, dass ich dabei sein darf.“

Eine Abenteuerreise

Und das Abenteuer beginnt schon mit der Besetzung des Stücks: Es gibt ein öffentliches Casting – auf das sich über 150 Schauspieler*innen bewerben. Eine besondere Erfahrung nicht nur für die Theaterführungsriege. Am Ende werden vier gehörlose und fünf hörende Schauspieler*innen engagiert.

Eindrücke vom Casting

Jan Kress, Schauspieler

„Als ich dahin kam, saßen acht Leute am Tisch, alle in einer Reihe nebeneinander. Mir war schon mulmig. Aber ich dachte mir, dass es normal ist, dass es so viele Leute sind. Bei den Hörenden ist es ja auch so.“

Andreas Mayer, Schauspieler

„Also ich hatte zum ersten Mal mit Gehörlosen zu tun und ich war sehr beeindruckt von deren Ausdrucksstärke und der Ausstrahlung, die sie haben. Und es entstanden dann ganz viele Missverständnisse, weil ich wusste nicht, dass die ja auch aufs Lautbild achten und ich verstand die Gebärden nicht.“

Lea Beier, Schauspielerin

„Eigentlich gab‘s einen festgelegten Text, aber ich habe dann in dem Spiel mit Mathias, weil ich irgendwie auch verstehen wollte, was er sagt und um was es geht, meinen Text völlig vergessen, irgendwas improvisiert und anscheinend war‘s aber trotzdem ganz gut.“

Jeffrey Döring, Regisseur

„Also mir war in den Castings wichtig, dass die Bewerber*innen irgendwie offen sind gegenüber der anderen Sprachengruppe, dem jeweils anderen Anspielpartner und ob sie sich einfach darauf fallen lassen und einfach frei fallen können. Oder ob sie immer Sicherheit brauchen.“

Anne Zander, Schauspielerin 

„Ich war schon ganz schön aufgeregt, weil … na ja es war eine neue Herausforderung. Ich musste den Text üben, mich mit dem Inhalt beschäftigen und mir Gedanken machen. Es war schon viel Vorbereitung.“

Riesige Herausforderung

Ein Theaterstück von Laut- in Gebärdensprache zu übersetzen und diese beiden dann noch so zusammenzufügen, dass sich eine flüssige und ansprechende Inszenierung ergibt: Die Herausforderung für „Die Hauptsache“ ist schon ab dem ersten Moment riesig.

Mathias Schäfer als Gebärdencoach

Ein Theaterstück von Laut- in Gebärdensprache zu übersetzen und beide Sprachen dann noch so zusammenzufügen, dass sich eine flüssige und ansprechende Inszenierung ergibt: Eine große Herausforderung. Mathias Schäfer, Gebärdensprachdozent, hatte das Buch bereits im Vorfeld für die gehörlosen Schauspieler*innen übersetzt und eine Art „Video-Drehbuch“ erstellt. Der hörende Regisseur Jeffrey Döring bedauert, dabei nicht helfen zu können – und ist offen für die Angebote seiner aktiven und kreativen Schauspieler*innen.

"Das Lustige ist ja irgendwie: Bei der Regie glaubt man immer, das ist der, der das erfindet oder es ist der, der die Strippen hat. Ich hab‘ das Gefühl, ich bin eher der, der das organisiert, also der eher eine Struktur schafft. Also der sagt: Ok, das hab‘ ich jetzt und das und das und da baue ich mir jetzt eine Struktur draus zusammen. Weil die Teile bringen mir die Schauspieler schon mit. Das muss ich denen ja nicht sagen."

Jeffrey Döring, Regisseur

Ein Stück, das sich entwickelt

Probenarbeit

Das Stück entsteht also auch in der Probenarbeit. Vieles wird integriert: Texthänger-Momente genauso wie Missverständnisse. „Die Hauptsache“ wird zum Gemeinschaftsprodukt – eine Entwicklung. Doch die Übersetzung und die Dramaturgie ist nur das eine – die Kommunikation und Verbindung zwischen Laut- und Gebärdensprache die eigentliche Herausforderung.

Das Ergebnis?

Kann man sich noch bis Ende des Jahres quer durch Deutschland live auf verschiedenen Bühnen ansehen. Alle Infos hier:

Erwartungen der Zuseher - einige Zitate

„In der Zeit von Inklusion finde ich das einen sehr guten Start, dass Hörende und Gehörlose zusammen… Jetzt kommt es nur auf die Kommunikationsform an - ob das jetzt gezwungen Gehörlosenkultur ist oder ob die hörende Kultur da auch seinen Part hat.“

„Sie können schon mitmachen, aber ich meine es passt nicht, wenn Hörende mitspielen, weil es „Gehörlosen-Theater“ heißt. Hörende Schauspieler haben alle Möglichkeiten, Gehörlose nicht. Das ist meine Sicht. Zum Inhalt kann ich noch nichts sagen. Das werde ich dann sehen, wie es wird.“

 

„Und interessant ist auch, ob die hörenden Schauspieler gebärden oder sprechen werden. Und wie das die gehörlosen Schauspieler verstehen.“

Inhalt „Die Hauptsache“:

Das Leben ist ein Trauerspiel – zumindest für die Besucher*innen einer mysteriösen Wahrsagerin in einem namenlosen russischen Städtchen. Hunger und Krankheit, aber noch schlimmer Trübsinn und Einsamkeit greifen um sich und verdüstern die Gedanken der Leute.

Doch steckt in jeder Tragödie auch ein Lustspiel, sowie in jeder Komödie die Tragik liegt, und so macht es sich ein reicher Lebemann zur Aufgabe die Gemüter dieser Personen aufzuhellen. Doch wie erwärmt man das kalte Herz eines Menschen?

Mit der Kraft der Maskerade, mit dem Zauber des Theaters! Flugs beschafft sich besagter Wohltäter drei weitere, äußerst erfolglose Schauspierler*innen und zieht mit ihnen verdeckt in ein russisches Wirtshaus, wo sich all die traurigen Gäste der Wahrsagerin bereits einquartiert haben. Dort beginnt nun ein Verwirrspiel der Gefühle. Die junge Tänzerin gibt sich als Hausmädchen aus und verführt den selbstmörderischen Studenten. Ihr Ehemann, der Schauspieler, mimt den beflissenen Angestellten und flirtet mit der blässlich kranken Stenotypistin, währen die Komikerin ununterbrochen Wodka trinkt und nebenbei der verbitterten Oberlehrerin ein Beruhigungsmittel nach dem anderen verabreicht.

Herzen werden entflammt, Paare verlieren und finden sich und über all dem wacht mit einem milden Lächeln der ominöse Wohltäter. Finden die Paare die wahre Liebe und das Glück? Enttarnen die Pensionsgäste die maskierten Schauspieler*innen? Und wo steckt eigentlich dieser Ehebrecher, den scheinbar alle suchen?

Die Hauptsache ist eine bunte Komödie aus der Feder des 1953 verstorbenen, russischen Theatermachers Nikolai Evreinov. Das Deutsche Gehörlosentheater unter der künstlerischen Leitung von Jeffrey Döring schreibt diese heitere Maskerade um und kreiert einen Abend über Liebe, Verstellung und die Kunst, sich trotz sprachlicher Hürden zu verständigen.

(Quelle: Deutsches Gehörlosen-Theater e.V.)


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