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Auf Augenhöhe Deaf-Mentoring und Peer Counseling

„Peer Counseling“- der Begriff kommt aus dem Amerikanischen und bezeichnet eine Beratungsmethode von Betroffenen für Betroffene. Immer auf Augenhöhe. Schon in den 60er-Jahren entstand diese Idee in den USA. Jetzt gibt es auch in Deutschland Deaf-Mentoren – und das Angebot in Gebärdensprache.

Stand: 28.06.2017

Dass Barbara Ringwelski wieder malt, verdankt sie auch Anna Cebulla.

Anna Cebulla berät Barbara Ringwelski

Die hat vor einem Jahr eine Schulung für Deaf-Mentoren besucht und berät nun andere Gehörlose. Nach einem intensiven Erstgespräch hat sie Barbara geraten, ihrer Lieblingsbegabung wieder mehr Raum zu geben – und ihren Traum zu verwirklichen: ihre Bilder auszustellen und ihr Wissen weiterzugeben.

Die Kunst, die Distanz zu wahren

Anna Cebulla

Anna Cebulla ist Barbara Ringwelskis gehörlose Mentorin. Ihre Ausbildung hat sie in Form von DeafMentoring-Schulungen im Gehörlosenzentrum Bremen erhalten. Hier lernen Gehörlose, wie sie andere Gehörlose bei der Arbeitssuche unterstützen und begleiten  können. Die Kunst liegt auch darin, eine gewisse Distanz zu seinem Mentee zu wahren - nicht zu werten oder sich einzumischen, -  sondern zu  motivieren, zu beraten, die Ressourcen des anderen zu entdecken und zu entwickeln. Und das muss trainiert werden.

Die Suche nach einem Mentee

Mohammed

Und wie geht es nach der Schulung weiter?  Danach  haben die Teilnehmer drei Monate Zeit, ihren ersten Mentee zu finden – also einen anderen Gehörlosen, der eine Beratung wünscht. Zehn gemeinsame Sitzungen stehen auf dem Programm, eine Zielvereinbarung inklusive. Auch Tim Krenke hat die Schulung durchlaufen – doch es gestaltete sich, wie so häufig, gar nicht so einfach, einen Mentee zu finden. Schließlich wurde er fündig – und betreut jetzt Mohammed, einen Flüchtling. Für ihn ist Tim eine große Hilfe. Das große Ziel für Mohammed ist, sich selbstständig in Deutschland zurechtzufinden.

"Solange alles neu ist und ihn überfordert, helfe ich. Wenn er den Ablauf kennt, schafft er das auch allein. Bei Problemen bin ich weiterhin Ansprechpartner."

Tim Krenke

Woher kommt die Idee?

Das Projektteam

„DeafMentoring“ - ein durchweg positives Projekt, von dem sowohl die Mentoren als auch die Mentees profitieren. Doch wer hatte die Idee, das Projekt auf Deutschland zu übertragen? Die Universität Köln und die RWTH Aachen haben zusammen ein Projektteam mit zwölf Leuten gebildet, von denen die Hälfte gehörlose Mitarbeiter sind. Diese Partner haben dafür gesorgt, dass mittlerweile in sechs Städten Schulungen angeboten werden, an denen schon 60 Gehörlose teilgenommen haben. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales BMAS.

Wer kann Mentor werden?

Teilnehmen kann jeder, der langjährige Berufserfahrung mitbringt, bereits Erfahrungen mit ehrenamtlichen organisatorischen Aufgaben hat oder selbstständig ein Geschäft geführt oder aufgebaut hat. Einfach jeder, der  als gutes Vorbild fungieren kann. Für die Mentoren ist diese Aufgabe auf jeden Fall eine große Herausforderung:  Andere Menschen mit dem eigenen Erfahrungshorizont positiv zu unterstützen. Die Mentess  nicht ändern zu wollen und gleichzeitig  einfühlsam deren Verhalten zu analysieren. Lieber zuhören und dann an den Bedürfnissen des Mentee orientiert gezielt  Ratschläge zu geben. Und das alles ehrenamtlich?

"Mir hat es insgesamt sehr gut gefallen: Einen Kritikpunkt habe ich jedoch: dass die Arbeit ehrenamtlich ist. Eigentlich müsste man das als richtigen Job machen. Einen Mentee, den kann man noch gut betreuen. Aber wenn dann der Zweite, dritte und vierte kommt, wird es schnell zu viel. Ehrenamtlich ist das nicht mehr zu leisten. Man braucht Zeit, um die Mentees zu treffen, man muss sich zu Hause vorbereiten. Das kostet alles sehr viel Zeit."

Sandra Gogol, Schulungsteilnehmerin       

Vom Ehrenamt zum Hauptamt

Doch wer weiß – vielleicht bietet sich ja künftig die Chance, hauptberuflich als Deaf-Mentor zu arbeiten? Nach Information des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sollen im Rahmen des Bundesteilhabe-Gesetzes  in den nächsten Jahren unabhängige Beratungsstellen entstehen, in denen Betroffene andere Betroffene beraten. Dafür stellt der Bund in den nächsten fünf Jahren großen Summen an Fördermitteln zur Verfügung: Pro Jahr sind im Bundesteilhabe-Gesetz 58 Millionen Euro dafür vorgesehen. Ein wichtiges Signal  für die Anerkennung der ehrenamtlichen Leistungen in den den letzten Jahren.  Aus Sicht der Betroffenen ein Schritt in die richtige Richtung.


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