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60 Jahre nach dem Skandal Hörgeschädigt durch Contergan

"Contergan" – dieser Begriff steht für einen der größten Medizinskandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vor 60 Jahren kam das Präparat auf den Markt und wurde wegen seiner beruhigenden und schlaffördernden Wirkung vor allem an Schwangere verkauft. Millionenfach und rezeptfrei. Mit dramatischen Folgen.

Von: Anne-Madlen Gallert (Film), Claudia Erl (Online-Text)

Stand: 05.10.2017

Contergantabletten | Bild: BR

Im Oktober 1957 kann man Contergan erstmals in deutschen Apotheken kaufen. Das Schlaf- und Beruhigungsmittel gilt als vollkommen unbedenklich. Besonders Müttern in den ersten Schwangerschaftsmonaten könne es helfen – auch gegen die Übelkeit, heißt es. Ein fataler Irrtum. Wie sich später herausstellt: Oftmals reicht eine einzige Tablette, um den Fötus zu schädigen. Immer mehr Säuglinge mit verstümmelten Armen und Beinen werden geboren, teilweise fehlen ganze Gliedmaßen. Aber auch Taubheit wird durch Contergan verursacht. Weltweit werden etwa 10.000 contergangeschädigte Kinder geboren.

Zahlen und Fakten zu Contergan

Im Oktober 1957 kommt Contergan auf den Markt.

Es ist rezeptfrei zu kaufen und wird als gut verträgliches Schlaf- und Beruhigungsmittel beworben, besonders auch für Schwangere. Außerdem gilt es als gutes Mittel gegen die typische Schwangerschaftsübelkeit.

Rund 10.000 Contergan-Geschädigte werden ab 1957 weltweit geboren.

Etwa 2.400 Menschen, die von den Folgen von Contergan betroffen sind, leben heute noch in Deutschland.

Es gibt zahllose Auswirkungen des Medikaments. Die Augenscheinlichsten sind die verkürzten oder fehlenden Gliedmaßen. Aber auch Hörbehinderungen bis hin zum Fehlen der Gehörgänge kamen vor.

Schon 1958 werden die Fehlbildungen bei den Neugeborenen im Bundestag diskutiert. Die Vermutung damals: ein Zusammenhang mit Kernwaffentests.

Mediziner Widukind Lenz beginnt zu forschen, woher die Fehlbildungen der Neugeborenen stammen.

Ende 1961 wird der Zusammenhang mit dem Medikament Contergan erkannt und somit der größte Arzneimittelskandal in Deutschland aufgedeckt. Der Wirkstoff Thalidomid konnte in der frühen Schwangerschaft Schäden in der Wachstumsentwicklung bei den Föten hervorrufen. Das Medikament wird vom Markt genommen.

Arzneimittelrechte werden verschärft, sowie die Zulassung von Medikamenten deutlich strenger gehandhabt.

1968 wird der Hersteller Grünenthal von über 300 Betroffenen wegen vorsätzlicher und fahrlässiger Körperverletzung, wegen fahrlässiger Tötung und einem schweren Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz angeklagt. Das Verfahren zieht sich bis 1970 hin – Befangenheitsantrag des Richters inklusive. 100 Millionen Deutsche Mark muss die Firma Grünenthal schließlich in die Conterganstiftung einzahlen. Dafür verzichten die Eltern auf eine weitere Klage.

Aus dieser Stiftung werden Entschädigungen und monatliche Renten ausbezahlt. Der Bund zahlt seit Beginn regelmäßig dreistellige DM-Millionenbeträge bzw. zweistellige Euro-Millionenbeträge in die Stiftung ein.

2008 wird vom Bundestag eine Verdoppelung der monatlichen Entschädigungszahlungen beschlossen. Und auch Grünenthal zahlt weitere 50 Millionen Euro in die Stiftung ein. 2013 folgt eine weitere deutliche Erhöhung der Renten. Im Jahr sind dafür 90 Millionen Euro nötig und es entsteht ein Sonderfonds mit 30 Millionen Euro pro Jahr für individuelle Anträge.

Erst im Jahr 2012 entschuldigte sich ein Vertreter des Contergan-Herstellers bei den Geschädigten. Auch für das 50-jährige Schweigen seines Unternehmens. Zuvor wurde mehrfach von Seiten Grünenthals ein Bedauern über die "Tragödie" geäußert. Direkt bei den Geschädigten hatte sich noch niemand entschuldigt. Trotzdem: Eine echte Schuld läge zum damaligen Stand nicht vor, betonte der Geschäftsführer.

Ulrike

Ulrike als Baby mit ihrer Mutter

Eines davon ist Ulrike. Sie hat keine Ohren – von Geburt an. Eine Folge von Contergan. Ihre Mutter hatte eine einzige Tablette auf Rat ihres Ehemannes eingenommen, gegen ihre Beschwerden.

"Erst bei der Geburt hat man die Folgen gesehen. In der Schwangerschaft hatte sie keine Schmerzen, war nicht krank, gar nichts. Bis zur Geburt war alles ganz normal."

Ulrike

Ulrike in der Schule

Das war im Jahr 1960. Erst mit etwa 10 Jahren fällt Ulrike, Jüngste von drei Geschwistern, selbst auf, dass ihre Ohren fehlen. 1966 wird Ulrike eingeschult. Erst hier, in der Gehörlosenschule, trifft sie andere Contergan-Geschädigte. Sie findet gute Freundinnen. Manchmal – gerade in der Pubertät – hadert Ulrike jedoch mit ihrem Schicksal, macht der Mutter Vorwürfe, sie sei schuld an ihrer Behinderung. Doch sie nimmt ihre Beeinträchtigungen schließlich an – nachdem einer ihrer Onkel nichts unversucht gelassen hatte, gemeinsam mit Ärzten Ulrikes Hörvermögen herzustellen.

Ulrike denkt mittlerweile positiv.

Ulrike bekommt bis zum Lebensende eine monatliche Entschädigung. Doch durch ihre Knieprobleme – als Kind ist sie wegen ihres fehlenden Gleichgewichtsorgans häufig gestürzt – und anderen Folgeschäden, geht sie frühzeitig in Rente. Die körperliche Arbeit als Reinigungskraft wird schlichtweg eine zu große Belastung. Sie hat ihr Leben so akzeptiert, wie es ist. Und mittlerweile denkt sie positiv.

"Ich für mich sehe das ganz locker. Klar, manchmal starren mich die Leute an. Sollen sie doch. Ich gehe trotzdem ganz unbeirrt meinen Weg. Ja, ich habe mir da ein dickes Fell zugelegt. Wie eine Löwin, die aufrecht ihren Weg geht."

Ulrike

Andreas

Andreas als Baby

Andreas kommt mit verkürzten Armen und unterschiedlich langen Beinen zur Welt . Zudem ist er schwerhörig. Als er 1961 geboren wird, hat die Mutter tagelang keine Ahnung, was mit ihrem Neugeborenen ist.

"[…]Es war eine schwere Geburt gewesen. Und da hab ich gedacht, was könnte denn das sein? Dann haben sie ihn reingebracht und da war er ja schon ganz eingegipst. Am 9. Tag bin ich mitgefahren in die Klinik zum Eingipsen - und da hab ich das erst gesehen, dass er gar kein Ellenbogen hat, keine Schultern… Das war schon hart."

Andreas‘ Mutter

Dass Andreas keine Gehörgänge hat, wird erst später beim HNO-Arzt festgestellt. Da ist Andreas sechs Jahre alt. Überhaupt würde er "ein Blödel bleiben", sagt sogar ein Professor. Die Mutter aber glaubt an ihren Sohn. Ihr Credo: "Das Beste daraus machen".

Andreas mit seiner Mutter heute

Heute hat Andreas eine Familie, er arbeitet für den Deutschen Schwerhörigenbund. Er hat Geschichte und Politik studiert und sich schon sehr früh politisch engagiert. Er war der erste hörgeschädigte Politiker im Hessischen Landtag – und setzt sich hier für die Belange von Menschen mit Hörbehinderung ein.

Andreas ist zufrieden mit seinem Leben.

Bis heute hat er mit seinen unterschiedlichen Beinlängen und den daraus resultierenden Problemen zu kämpfen. Nicht alle orthopädischen Leistungen werden zudem komplett von der Krankenkasse übernommen. Insgesamt ist Andreas aber zufrieden mit seinem Leben.

"[…] Konsequenzen wurden gezogen, man kann sich darüber streiten, ob sie ausreichend sind. […] Ich habe sozusagen den Waffenstillstand beschlossen und freue mich über jede Verbesserung, die angeboten wird. Und wenn ich ein Anliegen habe, weiß ich, dass die Conterganstiftung eine Anlaufstelle für mich ist."

Andreas

Einige nützliche Links und Informationen

Das Contergan Inforportal bietet auch Videos in Gebärdensprache.

Im Oktober gibt es in Berlin eine große Veranstaltung zum Thema "60 Jahre Contergan - eine einzige Tablette verbindet Generationen". Veranstalter ist der Bundesverband Contergangeschädigter in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Berlin. Die Veranstaltung soll auch gebärdensprachliche Angebote beinhalten, so dass auch gehörlose/schwerhörige Contergan-Betroffene daran teilnehmen können. Mehr Infos unter:

Der Deutsche Gehörlosen-Bund hat einen eigenen Beauftragten für Contergangeschädigte: Christian Schara


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