BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Chance oder Risiko? Leben mit Cochlea Implantat

Ein Cochlea Implantat (CI) ersetzt als technisches Hilfsmittel die Funktion des Ohres. Dafür ist eine Operation notwendig. Danach werden durch elektrische Impulse vom CI Höreindrücke erzeugt und an das Gehirn weitergeleitet. Vereinfacht ausgedrückt: Ein CI ist ein Hörprothese – mit allen Chancen und Risiken. Wie ergeht es CI-Trägern in ihrem Leben? Was bedeutet ein CI für ihre Identität? Welcher Kulturgemeinschaft fühlen sie sich zugehörig – hörend oder gehörlos? Oder sind sie in beiden Kulturen daheim?

Stand: 17.07.2018

JETTE VON DEETZEN

Jette ist neun Jahre alt, ihr erstes CI hat sie bereits mit sieben Jahren bekommen, das zweite im Alter von acht Jahren. Einmal im Monat geht sie zum Hörtraining und zur Logopädie, denn sie muss noch üben, um richtig hören zu können. Jette geht in die 3.Klasse der Regelgrundschule am Ort. Jette geht gerne zur Schule und ist eine gute Schülerin. Aber sie braucht  auch Ruhepausen . Wenn es Jette zu viel wird, nimmt sie ihre CIs raus – dann wird gebärdet, was längst nicht so anstrengend für sie ist. Das geht aber nur zuhause oder mit gebärdenden Freunden.

Bevor Jette CIs implantiert wurden, hatte sie Hörgeräte. Jettes erster Impuls am Morgen war stets: ‚Ich brauche meine Hörgeräte‘. Ihre Mutter Nadine von Deetzen hat diese technische Abhängigkeit nachdenklich gemacht und sie hat Gebärdensprache als ergänzende Kommunikation entdeckt. Inzwischen trainiert Jette nicht nur Hören, einmal pro Woche kommt auch eine Gebärdensprachlehrerin zu ihr.

"Was ist, wenn es schlechter wird, das Gerät nicht richtig funktioniert? Dann hatte ich diesen Artikel gefunden mit Gebärdensprache und hab gedacht: Die Idee ist ja vielleicht gar nicht so schlecht."

Nadine von Deetzen

Jette fühlt sich wohl bei ihren gehörlosen Freunden, sie genießt die Gebärdensprache hier. Wo sie sich zuhause  fühlt?

"Ich bin alles, ich bin gehörlos am Abend ganz oft und am Morgen. Und tagsüber bin ich schwerhörig und hörend."

Jette von Deetzen

THOMAS HANKE

Thomas arbeitet in der Entwicklungsabteilung von BMW. Ohne CI wäre er hier nicht gelandet – davon ist der 32-Jährige überzeugt. Denn in der freien Marktwirtschaft trifft er jeden Tag andere Menschen, mit denen er unterschiedlich kommunizieren muss.

"Hier wird sehr viel kommuniziert: Ich muss mit den Ingenieuren über Problemlösungen diskutieren, mit den Arbeitskollegen sprechen und auch mit neuen Kollegen, die auf mich zukommen. Und bei all diesen Gesprächen gibt es niemanden, der Gebärdensprache kann."

Thomas Hanke

Ganz einfach fiel ihm das Hören nicht – und ist es bis heute für ihn noch nicht: Gerade, wenn es im Umfeld laut ist, fällt die Kommunikation schwerer. Dann versucht Thomas vom Mundbild abzulesen – oder wechselt den Ort mit seinem Gesprächspartner.

Schon mit sechs Jahren bekam Thomas ein CI. Für ihn waren die Erfahrungen keinesfalls nur positiv.

"CI-Träger waren damals noch Außenseiter. Schwerhörige, also die ein Hörgerät trugen, aber auch die ohne, hielten fest zusammen. CI-Träger waren ausgeschlossen, nicht willkommen. Es war sehr schwer für mich, in diese Gemeinschaft reinzukommen und Freunde oder eine Clique zu finden, weil diese Gruppen sich ja schon gefunden hatten. Da von außen Zugang zu finden, war leider sehr schwer."

Thomas Hanke

Seine Familie hat ihn konsequent auf den Weg der Lautsprache geführt: Er besuchte die Schwerhörigenschule, wurde aber in seiner Freizeit und seinen Hobbys – besonders Fußball – in hörende Gruppen integriert. Der Weg bis zu seiner heutigen Arbeitsposition war mühevoll. Gerade der Wechsel an eine Regel-Berufsschule mit hörenden Mitschülern fiel ihm schwer – und er musste kämpfen, um dort nicht unterzugehen.

Doch mittlerweile ist er auch in einer anderen Welt angekommen – in der Welt der Gehörlosen: Zum einen durch seinen Sport in Gehörlosen-Mannschaften, zum anderen natürlich durch seine Frau. Katrin trug beim Kennenlernen Hörgeräte, heute hat sie selbst ein CI. Ihr war es aber gleichgültig, ob Thomas CI-Träger ist oder nicht.  Durch sie erlernte er die Gebärdensprache – und das ist auch ihre Kommunikationsform. Bis heute.

"Ich muss meiner Frau wirklich dankbar sein, weil ich durch sie Gebärdensprache gelernt habe. Dadurch fällt es mir im Leben auch leichter, Kontakte zu knüpfen."

Thomas Hanke

LENA PETERKE

Die 32-Jährige hat ein CI getragen – und mittlerweile abgelegt. Denn ihre eigentliche Identität hat sie inzwischen als Gehörlose gefunden.

"Das ist meine Welt, meine Sprache. Alle sind hier so wie ich."

Lena Peterke

Lena ging im Pfalz-Institut für Hören und Kommunikation in Frankenthal zur Schule – vor 25 Jahren wurde sie dort eingeschult. Damals war Gebärdensprache verboten. Sie war eine ehrgeizige Schülerin. Als eine Mitschülerin ein CI bekam, deren Leistungen besser wurden und sie dafür großes Lob von den Lehrern bekam, entschied sich auch Lena für diese Operation.

Mit neun Jahren bekam sie ein CI. Die ersten Erfahrungen waren jedoch traumatisierend: Sie wurde mit einem lauten Knall, einem auf den Tisch fallenden Buch, in der hörenden Welt begrüßt.

"Aber andererseits habe ich auch gelernt, Geräusche wie das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes zu unterscheiden. Oder das Kratzen auf einer Tischplatte. Ich konnte auf weite Entfernung hören, wie Tropfen ins Wasser fallen. Das war alles neu und ungewohnt. Ich denke, in den ersten Jahren war ich damit völlig überfordert. Diese ganzen Höreindrücke sind für ein ursprünglich taubes Kind sehr belastend."

Lena Peterke

Auch Lena musste  konsequent hören üben – und plötzlich drehte sich in ihrer Welt alles nur noch um das CI. Sie machte Fortschritte. Und dennoch gab es den Moment, in dem Lena anfing, über sich nachzudenken. Während der Pubertät geriet sie in eine Identitätskrise.

"Ich fragte mich, wer bin ich eigentlich? Es gab von außen so viel Druck und alles drehte sich um das CI. Die Hörenden in meiner Umgebung verlangten immer, dass ich es anmache, dass ich spreche – ich wollte aber gebärden. Ich war hin- und hergerissen."

Lena Peterke

Lena verbringt immer mehr Zeit mit Gehörlosen.  Mit CI fühlt sie sich dort aber nicht willkommen. Mit etwa 18 Jahren beginnt Lena, ihr CI immer häufiger abzulegen. 2013 zieht sie nach Berlin und fängt dort neu an. Ihr CI legt sie nach 20 Jahren ab. Sie fühlt sich inzwischen vollständig gehörlos und kommt mit ihrer  „neuen“ Identität gut zurecht.

"Also meiner Tochter oder uns als Eltern hab ich damals mitgegeben, dass ich nicht möchte, dass andere mein Kind als behindert ansehen, sondern, dass sie ihren Weg geht, dass sie ihren Weg schafft. Und bis jetzt bin ich ganz stolz, das hat sie gut gemeistert."

Heike Peterke, Mutter von Lena


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