BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Vor Gericht Kein Cochlea Implantat als Kindeswohlgefährdung?

Gefährden die Eltern das Kindeswohl, wenn sie sich gegen ein CI entscheiden? Und wer bestimmt über das Kindeswohl? Darüber entscheidet demnächst ein Gericht.

Stand: 19.12.2017

Wenn gehörlose Eltern gehörlose Kinder bekommen, so sehen Sie ihre Kinder als gesund an. Die Kinder wachsen mit der vollwertigen Gebärdensprache und der Gehörlosenkultur auf. Die Eltern vermitteln dem Kind Werte, Normen und Traditionen - so, wie es andere Eltern auch in ihrem jeweiligen Sprach- und Kulturkreis tun. Gehörlose Eltern haben gute Gründe sich gegen eine Hörprothese zu entscheiden, weil in ihren Augen ihr Kind eine gute Entwicklung nehmen wird. Doch dürfen sich Eltern gegen eine Versorgung mit einem CI entscheiden?

Von Eltern- und Grundrechten

Im Grundgesetz ist das Elternrecht auf „Pflege und Erziehung“ der Kinder fest verankert. Dieses Recht zählt sogar zu den Grundrechten, die besonders geschützt sind. Der Staat darf nur dann in dieses Grundrecht eingreifen, wenn Gefahr für das Kind besteht, wenn also das Kindeswohl gefährdet ist.

Genau mit diesem Vorwurf der Kindeswohlgefährdung sehen sich Jasmina und Dennis konfrontiert: Als sie ihren zweijährigen Sohn zur Krippe anmelden, werden sie von ihrem HNO-Arzt zur Einholung einer Zweitmeinung an das Städtische Klinikum Braunschweig überwiesen. Dort wird die angeborene Taubheit des Kindes  bestätigt. Ein CI für den Kleinen lehnen die Eltern ab.

Die Eltern Dennis und Jasmina

Zwei Wochen später kam dann ein Brief aus dem Klinikum an – mit der Aufforderung, einen weiteren Termin für ein MRT und CT zu vereinbaren. Der Grund: Der Chefarzt des Klinikums sieht sich ungeachtet der Entscheidung der Eltern in der Pflicht, „potentiell irreparable Schäden vom Kind abzuwenden“. Das Klinikum schaltet über eine Anwaltskanzlei das Jugendamt ein, da das Wohl des Kindes in Gefahr sei.

Besuch vom Jugendamt

Das Jugendamt kam zu den Eltern – auf ein Gespräch, in dem die Eltern  ihre Gebärdensprache und Gehörlosenkultur erklärten und dass man alle Möglichkeiten hätte. Das Jugendamt kam jedoch zu einer anderen Beurteilung.

"Ich kann nachvollziehen, dass Eltern, die in dieser Community leben, dass sie auch natürlich eine Bindung haben zu ihrem Kind und natürlich auch das Beste wollen für das Kind. Das ist erst einmal unbestritten. Aber es gibt vielleicht daneben – neben dieser ich sage mal radikalen Haltung da – auch Verfechter, die sagen, wir müssen auch das Kind im Blick haben. Das Kind hat möglicherweise, wenn es gehörlos aufwächst, dann später Einschränkungen in der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft."

Frank Dreßler, Jugendamt Goslar

Vor Gericht

Der Fall wird an das zuständige Familiengericht in Goslar weitergeleitet. Hier muss die Richterin bei einer Anhörung abwägen, ob der Staat eingreifen muss. Ist dieser Fall, bei dem Eltern gegen ihre Entscheidung dazu verurteilt werden könnten, ihrem gehörlosen Kind Hörprothesen zu implantieren, vor Gericht wirklich gut aufgehoben? Gehörlose sind höchst besorgt, denn ein ähnlicher Fall soll nun auch in Trier verhandelt werden.

Wie geht’s weiter?

Das Gericht in Goslar hat zu diesem Fall ein Gutachten angefordert. Prof. Dr. Thomas Lenarz, Direktor der HNO-Klinik und des Deutschen Hörzentrums der Medizinischen Hochschule Hannover, soll die Fragen des Gerichts nach jetzigem Stand bis zum 30. Januar 2018 in einem Gutachten beantworten.

Sehen statt Hören bleibt dran an dem Fall.

Zitate

Dennis, Vater

„Der Vorwurf war für mich wirklich auch ein Schock. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Wir schlagen unser Kind nicht und so. Es geht hier nur um das CI? Das macht mich sprachlos. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll. Ich bin einfach nur durcheinander.“

Karin Kestner

„Wenn es ein Cochlea-Implantat oder zwei sogar hat, wird es zum Dauerpatienten; ständige Therapien, man muss mit dem Kind zum Arzt gehen, untersuchen lassen, der Techniker muss neu einstellen, neu justieren, Logopädie ohne Ende, 60 Tage glaube ich auf 3 Jahre und dann interessiert es aber keinem mehr, ob das Kind spricht oder nicht.“

Alexander Lawin, Rechtsanwalt

„Es ist nicht Aufgabe des Staates, das bestmögliche oder aus seiner Sicht richtige zu tun, sondern das ist natürlich das Elternrecht, das verfassungsmäßige Elternrecht, für das wir eintreten und das wir geltend machen.“

Prof. Dr. Christian Rathmann, Sprachwissenschaftler

„Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive, oder auch aus Sicht der Psycholinguistik und der Kognitionsforschung ist die ganz klare Aussage zu machen, dass die Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist; mit einer eigenen Grammatik, einem Wortschatz und vielen anderen Dingen. Dies ist also eine wunderbare Voraussetzung für eine kognitive Entwicklung. Das heißt, dass ein Kind Aufmerksamkeitsstrategien und sogenannte exekutive Funktionen – wie Problemlösungsstrategien entwickelt. All das wird ohne Zweifel durch die Gebärdensprache erreicht. Die Diskussion darüber, dass ohne ein CI alles aus wäre und somit eine Kindeswohlgefährdung vorläge, ist vollkommener Quatsch. Als Wissenschaftler bin ich schockiert.“

Stephan Kuip, Deutscher Ethikrat

„Für mich wäre entscheidend: ,Gibt es ausreichend Sicherheit, dass man vorhersagen kann, dass dieses Kind mit Implantat wesentlich besser am Leben teilhaben kann, eine gute Ausbildung erreicht, an sozialen Beziehungen teilhaben kann als ohne Implantat?. Aus meiner Sicht ist das eine Abwägung, die auch Risiken und Nebenwirkungen berücksichtigen muss. Vor allen Dingen dann, wenn in der Familie ohnehin Gehörlosensprache benutzt wird. Diese Abwägung ist nicht einfach.“

Stellungnahmen zum CI-Zwang

Stellungnahme Deutsche Cochlea-Implantat Gesellschaft e.V. (DCIG) Format: PDF Größe: 896,18 KB


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