BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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"BILINGs" Was wurde aus den ersten bilingualen Schülern Deutschlands?

Eine Gruppe engagierter Eltern, Lehrer, Wissenschaftler und Vertreter von Gehörlosenverbände demonstrieren auf Hamburgs Straßen – für einen bilingualen Schulversuch. Über 20 Jahre ist das mittlerweile her. Was daraus wurde? Sehen statt Hören hat nachgefragt.

Stand: 30.07.2018

Demonstration 1992 in Hamburg für bilinguale Bildung in der Schule | Bild: BR

An der Gehörlosenschule der Hansestadt soll ein zweisprachiger Schulversuch starten – so das Anliegen der engagierten Gruppe. 1992 sorgt das für eine kontroverse Debatte. Warum? Unterricht in Gebärdensprache gibt es damals nirgendwo in Deutschland.

Die Kinder der ersten Stunde

Erste Bilingual-Klasse in Hamburg

Marlene ist eines der insgesamt zwölf Schulkinder, die damals erstmals mit Gebärdensprache in der Hamburger Elbschule unterrichtet werden. Heute ist sie 29 Jahre alt – und erinnert sich noch lebhaft an die Zeit.  Auch Alexander war damals dabei, genau wie Swantje.

Marlene als Kind

"Ich erinnere mich noch gut, dass uns im Fach Deutsch oft Bücher vorgelesen wurden. Schön war, dass eine gehörlose Lehrkraft, die Inhalte in DGS erzählt hat. Wir waren fasziniert von ihrer bildhaften gebärdensprachlichen Erzählung in unsrer Muttersprache. Danach haben wir den Text Satz für Satz mit der hörenden Lehrerin in LBG bearbeitet. Sie schrieb an die Tafel und wir konnten gut verstehen, weil wir den Zusammenhang der Geschichte in DGS verstanden hatten. Das war super!"

Marlene Bayer

Alexander als Kind

"Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern. Wir gehörten zur zweiten Gruppe, die mit der ersten bilingualen Klasse viel zusammen waren. Das war eine tolle Erfahrung, Wir Jüngeren hatten die Gebärdensprache noch nicht wirklich verinnerlicht. Aber die Älteren aus der ersten Gruppe waren sich ihrer Sprache schon bewusst und gebärdeten viel klarer. Das waren viele neue Erfahrungen und ich bin dankbar für meine Entwicklung." Alexander Schwab

Swantje als Kind

"Ich war frei, konnte mich durch Gebärdensprache frei und spontan ausdrücken und sagen, was ich denke und fühle. Ich bin dankbar für die Sprache meiner Hände." Swantje Marks

Wie ging es mit den Kindern nach der Elbschule weiter?

Marlene und Swantje wechseln nach der 10.Klasse ans Berufskolleg für Gehörlose in Essen, um ihr Abitur zu machen. Für beide eine große Umstellung, weil dort im Unterricht kaum Gebärdensprache benutzt wird.

"Der Unterricht sah so aus, dass wir die Inhalte von der Tafel abschreiben sollten, das war alles. In Deutsch brauchten wir für eine Seite Text ganze zwei Stunden – viel zu lang! Das war in Hamburg nicht so – in Gebärdensprache haben wir mehr diskutiert: mit den Lehrern und untereinander; es gab Gruppenarbeit und – was mich am meisten irritiert hat – ich war gewohnt, Referate in DGS zu halten und den Text in Deutsch abzuliefern. In Essen musste ich das Referat in LBG halten und sogar noch dazu sprechen. Das war schon sehr anders!"

Marlene Bayer

Und danach?

Marlene

Marlene studiert seit drei Jahren „Kindheitspädagogik“ in Hamburg. Gerade schreibt sie ihre Bachelor-Arbeit – zum Thema „Bilingualer Spracherwerb“.

Swantje

Swantje studiert mittlerweile Lehramt und will später gehörlose Kinder unterrichten. Studiert hat sie zusammen mit Hörenden. Ganz einfach war das nicht: Durch den benötigten Dolmetscher verzögerte sich die Kommunikation. Auch heute, nach fast einem Vierteljahrhundert, ist die Ausbildung für Gehörlose noch immer nicht barrierefrei.

Alexander

Alexander hat seit seiner Schulzeit einiges ausprobiert: Nach einer Auszeit fängt er eine Ausbildung zum Konditor an, was ihm aber nicht gefällt. Zur Berufsorientierung absolviert er das BvB, die sogenannte Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme, bei der er ein Jahr lang Einblicke in verschiedene Berufe bekommt. Alexander entscheidet sich für den Beruf des Zerspanungsmechanikers und besteht die Prüfungen. Danach ist er zwei Jahre arbeitslos. Jetzt macht er eine Weiterbildung für Gebärdensprachpädagogik.

Zurück in die Schule

Die Elbschule

Für alle drei war der bilinguale Schulbesuch prägend: Marlene, Alexander und Swantje wollen sich auch beruflich für Gebärdensprache engagieren.  Ihre eigenen positiven Erfahrungen können sie dabei gut einbringen. Und bei einem Besuch an ihrer alten Schule stellen sie fest, dass auch in neuen Unterrichtsräumen bewährte Schulmaterialien eingesetzt werden…


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