BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Visuell vs. akustisch „Der barrierefreie Fahrstuhl“

Wenn der Aufzug stecken bleibt? Drückt man den Notruf – bekommt als Gehörloser aber keine Rückmeldung. Denn bislang funktioniert die Notkommunikation fast ausschließlich akustisch über Lautsprache. Doch es gibt ihn schon: den barrierefreien Aufzug.

Stand: 09.10.2018

Auslöser für die Einführung des barrierefreien Aufzugs war tatsächlich eine Frau, die nicht kommunizieren konnte als sie in einem Aufzug stecken blieb. Daraufhin fand man eine Firma, die ein Lösung entwickelte, mit Unterstützung einer Arbeitsgruppe.  Oliver Wiedenfeld ist neben dem Aufzugsbetreiber, der Herstellerfirma und der Schwerbehindertenbeauftragten Mitglied dieser Gruppe. Er hat selbst bereits die Erfahrung gemacht, in einem Aufzug festzustecken.

"[…] Das war schon unheimlich. Ich wusste gar nicht was ich tun sollte. Ich hab' auf den Notruf-Knopf gedrückt und immer wieder gerufen: „Ich bin taub! Ich bin taub! Ich bin taub!“ Aber ich wusste ja noch nicht mal, ob die mich verstehen. Dann rief ich per Handy meinen Büroleiter an und sagte ihm, dass ich im Aufzug feststecke. Er wusste schon Bescheid und schrieb zurück, ich sollte Geduld haben. Ich musste noch etwa 20 Minuten warten bis endlich die Tür aufging. Da fiel mir ein Stein vom Herzen."

Oliver Wiedenfeld

Wie funktioniert der barrierefreie Aufzug?

Oliver Wiedenfeld testet mit Moderator Thomas Zander einen barrierefreien Fahrstuhl

Wenn der Aufzug steckenbleibt, wird wie üblich der Notrufknopf gedrückt. Die Notrufzentrale meldet sich zunächst akustisch – auf dem Bildschirm steht  dann „Bitte sprechen“. Wenn keine Antwort in der Zentrale ankommt, schaltet sich die Kamera an, das Aufzugsinnere wird gefilmt. Zunächst wird dabei geprüft, ob die Personen im Aufzug medizinische Hilfe benötigen. Dann beginnt die Kommunikation schriftlich über das Display. Die eigentliche Forderung, dass in Gebärdensprache kommuniziert wird, ist noch nicht umgesetzt – es ist eine Frage der Kosten und der geschulten Mitarbeiter.

Nur 250 barrierefreie Aufzüge bundesweit

20 hörbehinderte Notrufe konnte der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW bislang verbauen. Noch wird das System optimiert, aber es kommt jetzt schon sehr gut an.

"Wir bieten das grundsätzlich jedem unserer Kunden an im öffentlichen Dienst. Zuspruch haben wir von der Oberfinanzdirektion bekommen, von Finanzämtern, von der Polizei sogar auch, da diese Gebäude öffentlich zugänglich sind."

Bastian Rodowski, Bau-und Liegenschaftsbetrieb NRW

Der Bahnhof berlin hat einen barrierefreien Aufzug

Insgesamt gibt es bundesweit 250 Aufzüge mit einem gehörlosengerechten Notrufsystem. Viel zu wenig. Und das, obwohl das System mit 17 Fremdsprachangeboten auch für Touristen interessant wäre.

Die DIN-Norm

Gesetzlich verpflichtend ist das, was in den neuen DIN-Normen aus dem Jahr 2013 verankert ist.

Für Hörgeschädigte ist das Folgendes:

1.     Alarme und Notsignale bei Gefahr für Leib und Leben müssen so gestaltet werden, dass sie jeder mitbekommt.

2.     Informationen, die man nicht hören und verstehen kann, muss man sehen oder lesen können.

3.     Die Kommunikation von Hörgeschädigten muss unterstützt werden.

Nicht konsequent umgesetzt

Eigentlich sind die DIN-Normen für jedes öffentliche Gebäude verpflichtend – doch es hakt in der Umsetzung, wie Akustikingenieur Carsten Ruhe weiß. Er hat bereits 200 öffentliche Gebäude hörbehindertengerecht ausgestattet und arbeitet seit über 30 Jahren an den DIN-Normen mit.

"In dem Augenblick, in dem jemand eine Baugenehmigung für ein öffentliches Gebäude beantragt, muss er die Norm berücksichtigen. Sonst gibt es „eigentlich“ keine Baugenehmigung. Aber die Prüfung, ob das tatsächlich gemacht wurde, die wird deswegen so nachlässig gehandhabt, weil die Prüfer keine Ahnung von Barrierefreiheit haben. Denen fällt nicht auf, wenn etwas nicht gemacht wird."

Carsten Ruhe, Akustikingenieur

Zugänglich für alle?

Auch in anderen öffentlichen Bereichen steckt die Barrierefreiheit häufig noch in den Kinderschuhen.

"Deutschland wird regelmäßig angemahnt, dass gerade im Kulturbereich das Prinzip der Zugänglichkeit für alle nicht wirklich umgesetzt wird. Inzwischen ist es Voraussetzung, um Bundesgelder auch zu bekommen."

Friedrun Portele-Anyangbe, Deutsches Historisches Museum Berlin

Im Deutschen Historischen Museum Berlin ist man darin vorbildlich: Derzeit gibt es immer eine barrierefreie Ausstellung und es sollen mehr werden. Und davon profitieren Menschen mit und ohne Einschränkung – denn im Zwei-Sinne-Prinzip kann man die Ausstellung nicht nur sehen oder hören, sondern eben auch fühlen. Das Zwei-Sinne-Prinzip ist auch in den DIN-Normen zur Barrierefreiheit festgelegt.

Norm beantragen

Übrigens: Jeder kann eine Norm beim Deutschen Institut für Normung beantragen. Und das ist gerade für Betroffene eine Chance, etwas in ihrem Alltag zu verändern.

Ganze Sendung zum Nachschauen


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