BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Fußball barrierefrei? Deaf-Fanclubs im Stadion

Für viele ist er die schönste Nebensache der Welt: Mehr als das – er ist eine Leidenschaft, die Menschen verbindet: der Fußball. Fanclubs gehören in den Stadien dazu. Seit einer Weile finden sich immer mehr gehörlose Fans zusammen. Doch sind sie auch gleichberechtigt innerhalb der Fangemeinde? Und können sie barrierefrei an den Spielen teilhaben?

Stand: 02.05.2018

Der erste Deaf-Fußballfanclub wurde 2004 in Köln gegründet. Mittlerweile gibt es bereits 17 solcher Vereinigungen mit über 800 Mitgliedern in Deutschland. „Sehen statt Hören“ begleitet den Deaf-Fanclub  von RB Leipzig – den Deaf Bulls Leipzig - ins Stadion. Die Vorfreude bei der Partie gegen Bayer Leverkusen ist riesig – die Nervosität auch. Die Fans sind stolz auf ihren Verein, der 2016 - innerhalb von nur sieben Jahren - von der Oberliga Nordosten in die Bundesliga augestiegen ist. Und der Fanclub ist bei jedem Heimspiel dabei.

Der Deaf Bulls Leipzig

Gegründet hat die Deaf Bulls Leipzig vor vier Jahren Matthias Mauersberger. Warum?

"Es gab viele Interessierte unter den Gehörlosen, die sich in verschiedenen kleinen Grüppchen zusammenfanden. Ich dachte mir, schöner wäre es eigentlich zusammen."

Matthias Mauersberger, Vorsitzender Deaf Bulls Leipzig

Bei der Vereinsgründung zählten die Deaf Bulls 17 Mitglieder, inzwischen sind 120 dabei. So ein Zusammenschluss macht nicht nur mehr Spaß, er bringt auch Vorteile. Bei den Leipzigern ist der Zulauf laut Mauerberger auch deshalb so groß, weil der Fußballclub sehr familienfreundlich ist. Und vorbildlich barrierefrei.

Vorbildlich barrierefrei

Das ist schon etwas Besonderes – denn andere gehörlose Fanclubs mussten laut Matthias Mauersberger  hart dafür kämpfen, als gleichwertig akzeptiert zu werden. In Leipzig war das anders.

"Ich habe den Bedarf analysiert für gehörlose Fans und das Ganze übergeben. Und siehe da, es wurde mit Windeseile daran gearbeitet unsere Liste umzusetzen."

Matthias Mauersberger, Vorsitzender Deaf Bulls Leipzig

Ab da gab es barrierefreie Stadionführungen, Texte wurden in leichter Sprache verfasst und es werden seither auch Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt – mittlerweile werden die Dolmetscher sogar auf beiden Anzeigetafeln eingeblendet. In deutschen Stadien bislang einmalig.

Erfahrungsaustausch beim Dachverband

Es ist also nicht überraschend, dass die Bundesversammlung des Dachverbandes der Deaf-Fanclubs in Leipzig stattfindet: Die Vertreter der Fußball-Fans sind aus vielen Städten Deutschlands angereist, um sich über ihre Bedürfnisse und Wünsche auszutauschen. Die Vorschläge werden gesammelt und an den Deutschen Fußballbund geschickt. Damit die Stadien barrierefrei und inklusiv werden. 2017 wurde von der Deutschen Fußball Liga die Broschüre „Barrierefrei im Stadion“ herausgegeben, bei der die Wünsche und Forderungen der Gehörlosen eingeflossen sind.

Einer der Wünsche: Gehörlose Fans würden gerne in einem Block zusammensitzen– wegen des Gemeinschaftserlebnisses. Immer mehr Stadien setzen diesen Wunsch um. Trotzdem ist die Barrierefreiheit in den einzelnen Stadien noch sehr unterschiedlich entwickelt, wie der Erfahrungsaustausch beim Leipziger Treffen aufzeigt. Das liegt auch an den unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten der Vereine.

Inklusionsteam des RasenBallsport Leipzig

Beim RB Leipzig ist das Stadion nahezu perfekt ausgestattet: Vor den Spielen trifft sich das Inklusionsteam, das 80 ehrenamtliche Helfer umfasst und das für die Barrierefreiheit im Stadion zuständig ist. Darunter sind Blindenreporter, Gebärdensprachdolmetscher und der gehörlose Fanbetreuer Axel Arndt. Er ist die Bezugsperson für gehörlose Besucher, erklärt ihnen das barrierefreie Stadion. Eine Raffinesse: Jeder Gehörlose erhält ein Gerät für den Vibrationsalarm: Immer wenn das Kästchen vibriert, sollen die Gehörlosen ihre Aufmerksamkeit auf den Dolmetscher lenken – damit sie nichts verpassen. Doch auch für alle anderen Menschen mit Handicap ist viel getan: Das Stadion ist beispielsweise für Rollstuhlfahrer baulich barrierefrei zugänglich, es gibt Spieltagshefte in Braille-Schrift, Dolmetscher und vieles mehr.

"Das Konzept ist, so vielen Menschen wie möglich mit Behinderung die Möglichkeiten zu geben, ins Stadion zu kommen."

Axel Ackermann, Fanbeauftragter Inklusion RB Leipzig

Wie läuft es bei den Bayern?

Der Rekordmeister FC Bayern München geht einen anderen Weg für seine gehörlosen Fans: Hier werden keine Dolmetscher eingesetzt, sondern Untertitel. Umgesetzt wird das mit Hilfe einer Stadion-Brille, in der die Untertitel eingeblendet werden. Alternativ kann man auch eine entsprechende App auf dem Smartphone nutzen.  Nutzer sind allerdings eher enttäuscht: Die Technik ist nicht ausgereift, die WLAN-Verbindung reißt immer wieder ab, bei allzu hellem Wetter sind die Untertitel schlecht zu lesen und über die APP bekommt man nur englische Untertitel. Und während des Spiels wir nicht untertitelt – nur vorher und in der Pause. Die Brille scheint der falsche Weg zu sein und Martina Bechtold, Vorsitzende des Red Deaf Fanclubs sieht als großes Ziel eine Stadiontafel mit Untertiteln oder die Einblendung eines Dolmetschers – ganz nach Vorbild der Leipziger.

Und das Spiel der Leipziger? Ging 4:1 für Leverkusen aus. Man kann eben nicht immer nur gewinnen…


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