BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Angst vor Anschlägen Die Bedrohungslage in Deutschland

Ein Mann, der wahllos um sich schießt. Einer, der im Zug mit einem Beil auf Menschen los geht. Und noch einer, der sich vor einem Konzert in die Luft sprengt. Spätestens seit diesem Sommer ist die Angst vor Anschlägen, Terror und Amokläufen in Deutschland konkret geworden. Seither stellen sich viele Fragen. Einige versuchen wir zu beantworten.

Stand: 05.10.2016

Polizeipräsenz | Bild: BR

66 „Phantom-Tatorte“ gab es im Juli in München während des Amoklaufs am Olympia-Einkaufszentrum.

Fliehende Menschen am Münchner Stachus - einer von 66 "Phantom-Tatorte"

Im Hofbräuhaus sprangen beispielsweise Menschen aus geschlossenen Fenstern, weil sie dachten, Schüsse in der Wirtschaft gehört zu haben. Auch am Stachus entstand eine Massenpanik – viele Menschen meldeten unabhängig voneinander weitere Schüsse. Die Lage blieb für Stunden in der ganzen Stadt chaotisch. Am Ende stellte sich heraus, dass es sich um einen Einzeltäter handelte, der am OEZ um sich schoss.

Soziale Netzwerke – Fluch oder Segen?

Auf dem Twitter-Acount der Münchner Polizei bekam die Bevölkerung Hinweise

Doch wie kam es zu diesen Falschmeldungen? Über die sozialen Netzwerke verbreiteten sich sämtliche Mutmaßungen, Videos und Fotos wie im Flug.  Sogar Live-Streams vom Tatort wurden gesendet – und 100.000 Menschen haben diese verfolgt. Hysterie entstand – nicht zuletzt, weil die Menschen die Bilder vergangener Terrorakte im Kopf hatten. Sind die sozialen Medien also ein Fluch? Zum Teil sicher. Doch die Münchner Polizei nutzte Twitter und Facebook auch dazu, Ruhe in die Bevölkerung zu bringen, schnell zu informieren und Anweisungen zu geben. Also auch ein Segen?

Wer sind die Täter?

Der Würzburger Attentäter in seinem IS-Bekenner-Video

Und was ist überhaupt mit den Tätern? Sind sie psychisch krank? Fanatisch? Rechtsextrem? Islamisten? Durch Killerspiele enthemmt? Die Menschen möchten möglichst klare Aussagen zum Täter. Sie sehnen sich nach einfachen Schubladen: Wer hat Schuld? Was ist der Grund? Wie kann man es in Zukunft verhindern? Doch oft ist das nicht möglich. Und auch das verunsichert. Paradox mutet dazu eine belegte Aussage an: So wenige Verbrechen wie heute gab es eigentlich noch nie in Deutschland.

Sehen statt Hören sprach mit Experten und Betroffenen.

"Wir leben tatsächlich heute in einer Zeit, die so wenig Gewalt im Frieden ausstrahlt, wie das selten der Fall gewesen ist. Wenn man sich überlegt, dass seit 1993 die Zahl der Toten, die durch Verbrechen zu Schaden gekommen sind, auf ein Drittel gesunken ist … Also von ungefähr 2.000 auf jetzt 700. Da muss man sagen, sind wir in einer Phase, in der wir wirklich relativ sicher leben und weitaus weniger Tote haben, als das in anderen Zeiten der Fall war."

Prof. Dr. Norbert Nedopil, forensischer Psychiater, Klinik der Universität München

Der Amoklauf in München – wie er erlebt wurde …

Lisa und Christoph

Die beiden sind während des Amoklaufs in München in der Fußgängerzone unterwegs. Das erste Anzeichen für sie, dass etwas nicht stimmt: Die Leute rennen in eine Richtung, alle sind am Handy. Es werden Schüsse gemeldet -  in der Fußgängerzone. Die beiden suchen Zuflucht in einem Kaufhaus. Gemeinsam mit 70 oder 80 Leuten sitzen sie in den Büroräumen im 5. Stock eines Bekleidungsgeschäfts am Münchner Marienplatz – etwa sechs Stunden lang. Lisa denkt  sofort an einen Anschlag der IS. Die Mitarbeiter sind da und informieren die Wartenden regelmäßig über die Lage. Für die beiden Gehörlosen nicht so einfach – doch die Chefin des Hauses informiert Lisa und Christoph persönlich. Gegen ein Uhr nachts können sie ihre Zuflucht verlassen, die Mitarbeiter bringen einige von ihnen nach Hause. Lisa und Christoph sind nicht dabei – denn in Richtung Olympiazentrum, wo Lisa lebt, ist immer noch kein Durchkommen. So verbringen die beiden die restliche Nacht in einem Hotel. Lisa geht nach wie vor im OEZ einkaufen. Wichtig ist ihr nur, ihr Handy dabei zu haben. Und ein Ladegerät.

Mareicke

Eigentlich will sie längst beim Einkaufen im Olympia-Einkaufszentrum sein. Ihr Freund lässt sich jedoch Zeit unter der Dusche. Als Mareicke dann endlich los will, kommt die Nachricht vom Amoklauf. Trotz der Warnung der Mutter, bloß nicht rauszugehen, starten die beiden – schließlich müssen sie noch einkaufen. Was sie draußen erleben, verunsichert sie: So viele Autos, alle Menschen starren auf ihre Handys. Es wird ein sehr schneller Einkauf.  Mareicke ist sich im ersten Moment sicher: Es muss ein Terroranschlag sein. Es ist aber die Art der reflektierten 18-Jährigen, sich erst einmal breit zu informieren. Das möchte sie auch in ihrem Vortrag zum Thema „Terrorismus“  für das Jugendfestival in Stuttgart weitergeben:  Das komplexe Thema verlangt eine gründliche Recherche ohne voreilige Schlüsse. Vorurteile – beispielsweise gegenüber Muslimen – tun unserer Gesellschaft nicht gut, sagt sie.  Wer weiß, wie der IS arbeitet, wie geschickt der IS die Medien für sich auszunutzen weiß, muss nicht in blinde Panik verfallen.

Locky und Kelly

Auch sie sind während des Amoklaufs in München unterwegs – und haben Panik. Sie wollen sich in einem Gebäude in Sicherheit bringen, erstmal weg von der Straße. Die Bilder von vergangenen Anschlägen der letzten Zeit gehen durch ihre Köpfe – Nizza, Paris, Brüssel – und jetzt München?  In den ersten zwei Wochen nach dem Amoklauf hat Kelly ein ungutes Gefühl, wenn sie in München unterwegs ist. Sie beobachtet die Leute mehr. Doch heute hat sie keine Bedenken mehr, an öffentlichen Orten und Veranstaltungen zu sein. Auch Locky führt ihr Leben normal weiter. Das einzige: Sie achtet jetzt immer darauf, dass ihr Handyakku voll ist.

Fanny

Sie sitzt in der  U-Bahn, ist unterwegs um Freundinnen zu treffen. Über ihr Handy erfährt sie von dem Anschlag. Die U-Bahn fährt nicht weiter, der Bahnsteig füllt sich mit Menschen. Ein komisches Gefühl: so viele Leute steigen auf einmal aus. Aber warum genau?  Das Handy ist in dieser Situation sehr wichtig für Fanny: Sie verfolgt die Tweets der Münchner Polizei, chattet ununterbrochen mit Freunden und bekommt so immer die neuesten Nachrichten und Infos. Außerdem nutzt sie Katwarn – doch hier kommen die Meldungen erst, als sielängst zuhause ist. Fanny lebt ihr Leben normal weiter – doch bei Großveranstaltungen hat sie inzwischen ein mulmiges Gefühl.

Sechs Fragen. Experten kommen zu Wort ...

Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke in Gefährdungslagen bekommen?

"Die Nachrichten, die Videos sind sehr oft wahnsinnig schnell geteilt worden, haben also eine sehr, sehr große Verbreitung gehabt. Sie haben bei dem ein oder anderen mit Sicherheit auch Panikreaktionen hervorgeführt. […]Und das hat dazu geführt, dass grad an größeren Plätzen zum Beispiel Knallgeräusche wie schließende Türen, wie Schüsse wahrgenommen worden sind. Und die Leute haben tatsächlich zum Teil recht panisch reagiert. Wir haben versucht natürlich sofort eine Streife dort hinzuschicken, haben auch festgestellt, dass da tatsächlich nichts war. Aber es hat die ersten ein, zwei Stunden hat das gedauert, bis sich das Ganze wieder beruhigt hatte."
Oliver Timper, Social Media Abteilung der Polizei München

Wie kann die Polizei sachliche Informationen von Spekulationen unterscheiden?

"Das sind ganz viele Filter, die da durchlaufen werden. Das eine ist natürlich, dass man sich die Quellen genau angucken muss. Wenn die Info aus unseren Kreisen kommt und noch die Rückfragemöglichkeit besteht: Hat der Kollege die Information selber wahrgenommen oder ist sie im zugetragen worden? Wenn es Informationen von außen sind, warten wir vielleicht noch auf eine sogenannte Kreuzinformation, das heißt eine Information, die das noch mal bestätigt oder widerlegt. Mit ein bisschen Zeit – das ist das Zauberwort und der Schlüssel in dem Ganzen – mit ein bisschen Zeit im Rücken kann man tatsächlich viele, viele Falschinformationen schon rechtzeitig trocken legen und die richtigen Infos herausfiltern."
Marcus da Gloria Martins, Pressesprecher der Polizei München

Sind die Menschen, die Amok laufen oder Attentate begehen  psychisch krank?

"Die meisten Menschen, die andere Menschen töten sind gesund – oder nicht psychisch krank. Ungefähr 2% aller Menschen die töten sind so psychisch krank, dass sie tatsächlich nicht verantwortlich sind für das, was sie tun. Uund bei ungefähr 10% aller Menschen, die töten - bisschen mehr vielleicht sogar - ist durch eine psychische Störung, aber möglicherweise auch durch eine Intoxikation, die Steuerungsfähigkeit so beeinträchtigt, dass er sich nicht wie ein normaler Mensch verhalten kann in einer Konfliktsituation.  Und er deswegen vermindert schuldfähig erachtet wird."
Prof. Dr. Norbert Nedopil, forensischer Psychiater, Klinik der Universität München

Wie radikalisieren sich junge Männer?

"Das Problem dieser Jugendlichen ist, dass sie weder Orientierung haben, noch Selbstbewusstsein, noch irgendeine Bedeutung. Wenn ein junger Mann bedeutungslos ist, dann sucht er sich Bedeutung. Und er findet sie häufig in der Aggression. Das ist etwas, das in der Pubertät und in der Adoleszenz relativ häufig ist - und damit ist er natürlich ein willkommenes Opfer für Verführer. Diesen Jugendlichen eine sinnvolle, eine prosoziale Bedeutung zu geben, wäre eigentlich eine große Aufgabe. Viele die jetzt in Deutschland sind - arbeitslose Jugendliche, Zuwanderer, junge Männer - haben nichts zu tun haben, sind bedeutungslos. Das ist ein Potential, das wir nicht durch wegsperren, nicht durch ausweisen, nicht durch das Problem irgendwo anders hinschieben lösen sollten. Sondern indem wir Wege finden, um diesen Jugendlichen Bedeutung zu vermitteln."
Prof. Dr. Norbert Nedopil, forensischer Psychiater, Klinik der Universität München

Was sollte man künftig anders machen, wenn sich eine Situation wie in München wiederholt?

"Mehr Besonnenheit tatsächlich. Das sagt sich jetzt ganz leicht, und sagt sich vermutlich auch ganz leicht, wenn man nicht grade in einer Gruppe im Stachus-Sperrgeschoss ist, die plötzlich das Schreien und Kreischen anfängt. Aber es ist gerade der hochinfektiöse Virus der Angst, der dazu führt, dass auch Menschen, die eigentlich gar nicht wissen was da grade los ist, unmotiviert das Rennen anfangen, eben weil alle rennen. Und da sollte man tatsächlich vielleicht ganz kurz noch mal versuchen zwei, drei bewusste Atemzüge zu machen und sich die Frage stellen: Warum renne ich hier eigentlich gerade? Das ist schon mal der erste Schritt. Wenn man sich dann vielleicht in einer Mußeminute mal ein paar Fragen stellt „Was passiert, wenn sich so etwas in München noch mal ereignen sollte? Wo geh ich da eigentlich hin? Wen ruf ich an? Mit wem setz ich mich zusammen, mit wem möchte ich zusammen sein.?“ - dann hat man schon einen zweiten ganz wesentlichen Schritt gemacht. Aber das bedingt, dass man tatsächlich diesen Gedankensprung zulässt, dass so etwas Schreckliches tatsächlich passieren kann."
Marcus da Gloria Martins, Pressesprecher der Polizei München

Wie ist die aktuelle Gefahrenlage?

"Die Lage ist bedrohlicher, weil hinter den Aggressionen eine Organisation steht, die wir weitaus weniger im Griff haben als die RAF und eine Bedrohung ist, die weitaus organisierter ist als Einzeltäter. Insofern ist sie bedrohlicher. Auf der anderen Seite ist sie weniger bedrohlich, weil unsere Sicherungsmaßnahmen und auch die Möglichkeiten der Polizei und des Staatsschutzes sehr viel eingreifender sind, sehr viel effektiver sind, sodass man tatsächlich, wenn man am Ende enes Jahres die Zahlen betrachten würde, heute trotzdem sicherer lebt als früher."
Prof. Dr. Norbert Nedopil, forenischer Psychiater, Klinik der Universität München


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