BR Fernsehen - Sehen statt Hören


5

Erinnerung an einen großen Künstler Albert "Fisé" Fischer

Albert Fischer war besser bekannt als "Fisé". Klingt ein bisschen nach "fies" – war aber sein Künstlername, den auch er selbst sehr mochte. Sehen statt Hören erinnert an das das Werk des großen Künstlers.

Stand: 28.01.2021

Albert Fischer wurde am 13. Oktober 1940 in München geboren. Im Alter von einem Jahr ertaubte er in Folge einer Hirnhautentzündung. Von 1956 bis 1959 studierte er Kunst bei Prof. Karl Blocherer in München – und zeigte dort sein außerordentliches Talent.

Die Künstlergemeinschaft

An der Kunstakademie lernte Fisé seine engsten Freunde kennen, mit denen er den "Blauen Kreis", eine Künstlergemeinschaft gründete.

"Der Blaue Kreis deshalb – wir hatten uns damals mit Paul Cezanne beschäftigt und hatten dann ein Fachbuch von Kurt Batt studiert, diskutiert, gemeinsam vorgelesen. Unter anderem ist dort ein Kapitel über die Farbe Blau drin. Und bei Cezanne spielt die Farbe Blau eine ganz wichtige Rolle."

Mario Trapanese, Künstler

Albert Fischer galt in diesem Kreis als Kunst-Fanatiker. Er war der, der den Pinsel nie aus der Hand legen konnte. Eines seiner großen Vorbilder war Paul Klee. An ihm orientierte er sich, war aber mit seinen eigenen Ergebnissen nie zufrieden. Er malte wie ein Verrückter, sprach nahezu ausschließlich über Kunst und seine Bilder.

Herausragender Restaurator

Nach dem Studium absolvierte Albert Fischer ein Volontariat als Gemälderestaurator, bildete sich fort und machte sich Mitte der 1960er Jahre als Restaurator selbstständig. In München gab es damals 1.000 Gemälderestauratoren, doch Albert Fischer gehörte zu den besten fünf. Fisé eröffnete außerdem in der Münchner Müllerstraße ein Geschäft für den An- und Verkauf von alten Gemälden – und galt schon bald als exzellenter Kenner von Gemälden des 17. bis 19. Jahrhunderts.

Noch nicht bei sich selbst

Und natürlich arbeitete er auch weiter an eigenen Gemälden. Albert Fischer konzentrierte sich zunächst auf seine handwerklichen Fähigkeiten. Herausragend war seine Aquarelltechnik. Zum einen nutzte er nur Wasser aus der Natur, im Winter malte er mit halb aufgetautem Schnee. Zum anderen hatte er eine spezielle Begabung.

"Winteraquarelle waren seine besondere Stärke. Da staunten auch Kenner, wie er diese Winterbilder ganz ohne weiße Farbe malte. Er nutzte das Weiß vom Papier selbst und malte nur die Umrisse und Schattierungen. Die Leute sagten: Unmöglich, das gibt es nicht!. Doch, Albert konnte das! Es reicht ihm, nur die Umrisse zu malen. Viele staunten, dass er diese Begabung hatte."

Heidemarie Fischer, Ehefrau

Doch zu sich gefunden, hatte er damals offenbar noch nicht.

"Er malte Aquarelle, war Restaurator, er hat die Natur gemalt. Aber das war nie seine Welt. Das hat er sich früher vielleicht angeeignet, aus der Schule, wo er die Grundbasis der Malerei gelernt hat. Aber er war nie er selbst."

Oliver Fischer, Sohn

Zu sich gefunden

Doch was war denn dann seine eigene, ganz persönliche und unverwechselbare Kunstform in der Malerei? Sie kam zu dem Zeitpunkt, als sich Albert Fischer mit dem Gehörlosenthema in seiner Kunst beschäftigte.

"Er malte oft Fische. Zum einen, weil sein Name ja Fischer war. Aber vor allem waren Fische für ihn Symbole der Gehörlosigkeit. Fische haben keine Ohren. Anstatt Flossen malte er gebärdende Hände. Gehörlose können sich eben unter Wasser unterhalten. Hörende können sich nicht in Gebärdensprache unterhalten, sie würden ertrinken."

Heidemarie Fischer, Ehefrau

Und er begann, Skulpturen zum Fühlen zu gestalten - für Taubblinde und Blinde. Auf diese Idee kam er, als ein Blinder auf einer Ausstellung seine Bilder abtastete. Danach begann er, von seinen Bildern auch dreidimensionale Skulpturen anzufertigen. Blinde konnten diese nun fühlen.

Fisé

Und dann gab es da natürlich noch "Fisé", das "dicke" Männchen mit der langen, spitzen Nase. Schon 1959 hat Albert Fischer diese Figur zum ersten Mal gezeichnet. Danach verschwand Fisé für ganz lange in der Schublade. Er wusste nicht recht, was er mit ihm anfangen sollte. Er holte ihn erst wieder Ende der 1980er Jahre aus der Schublade – und gibt ihm eine ganz besondere Aufgabe: Mit ihm wird Albert Fischer zum Kämpfer für die Anerkennung der Gebärdensprache und der Gehörlosenkultur. Die Karikatur Fisé ist Mittelpunkt seiner Illustrationen, mit der er die damalige Gesellschaft in der Zeitschrift "Selbstbewusst werden" abbildet. Seine Illustrationen polarisieren und das weiß er auch. Doch sie bringen Erfolge.

"Fisé steht für den Urmenschen, er ist ein Symbol für alles, was mit mir und der Gehörlosenkultur zusammenhängt."

Albert Fischer

Den wahren Durchbruch hatte Fisé mit seiner gleichnamigen Figur aber erst, als sie farbig wurde – nachdem Fisé aus der Zeitschrift heraussprang.  Fisé wurde Fischers künstlerischer Doppelgänger, sein künstlerischer Zwilling.        

Plötzlicher Abschied

Auf dem Höhepunkt seiner kreativen Schaffenskraft erkrankt Albert Fischer 2003 ganz plötzlich. Die Diagnose: unheilbarer Krebs. Noch im selben Jahr verstirbt der Maler. Seinen Freunden bleibt er als intelligenter, durchaus skurriler und diskussionsfreudiger und einmaliger Mensch in Erinnerung. Und was hinterlässt er für alle anderen? Insgesamt hat Fisé mehr als 900 große Bilder und über 500 Skizzen und kleinere Bilder hinterlassen. Diese Sammlung sollte unbedingt öffentlich gemacht werden – so wünschen es sich seine Freunde und Weggefährten.

"Was vom Albert erhalten bleiben sollte: Es ist unwahrscheinlich wichtig, dass sein Werk erhalten bleibt […] Und dieses Werk gehört unbedingt in eine öffentliche Sammlung. Weil dieses Werk ist so wichtig und die meisten Leute kennen es einfach nicht. […]“"

Gerhard Gerstberger       


5