BR Fernsehen - Querbeet

Saatgutvielfalt Vielfalt braucht Platz

Tomaten sind rot, Karotten gelb, Salat grün und bei Paprikas gibt es einen Rekord – sie liegen tatsächlich in VIER Farben im Supermarktregal! Ebenso trostlos ist es in manchen Gärten. Statt buntem Gemüse gibt es Rasen, Thujen und Kiesschüttungen.

Stand: 09.04.2018

Überspitzt oder Realität?

Natürlich ist das jetzt überspitzt formuliert, doch schaut man in die Gemüseregale der Supermärkte und Lebensmitteldiscounter, sieht man, wie verarmt das Gemüsesortiment ist. Viele Nutzpflanzensorten, die seit Jahrtausenden von Menschen ausgelesen und selektiert wurden, die sich angepasst haben an regionale Gegebenheiten, an die Witterung und den Boden, sind vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden. Geschätzt wird, dass seit dem 19. Jahrhundert weltweit über 75 Prozent aller Kulturpflanzen ausgestorben sind, in Europa sogar an die 90 Prozent!

Gemüseparadies in Unterfranken

Barbara Keller aus dem unterfränkischen Mainstockheim hat sich deshalb ganz den alten Sorten verschrieben, baut in ihrem Garten jedes Jahr bis zu 70 verschiedene Arten und Sorten an. Die meisten Gemüse sind jedoch nicht für die Küche bestimmt, sondern um Samen zu ernten. Denn alle hier wachsenden Gemüse sind sogenannte samenfeste Sorten. Über 30 Tomaten- und 50 Bohnensorten erhält die Gärtnerin allein in ihrem Garten am Leben, sichert dadurch die genetische Vielfalt für die kommenden Generationen. Nur die schönsten Früchte eignen sich zum Vermehren. Das ‚schön‘ bezieht sich allerdings nicht auf ein makelloses Äußeres, sondern auf sortentypische Eigenschaften. Vor allem in Bezug auf Farbe, Form, Geschmack, Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit.

Zeit und Energie…

…kostet das erhalten der alten Sorten. Denn kaum ist ein Beet abgeerntet, geht’s wieder ans Aussäen. Jede freie Minute verbringt Barbara Keller im Garten. Häufig mit dabei: ihr Mann Martin. Der freiberufliche Architekt tauscht regelmäßig Zeichenstift mit Gartenschere, um beispielsweise reife, trockene Salatsamen vor drohendem Regen zu retten. Anbau und Ernte von Spinat, Bohne und Tomate sind nur ein Teil der Arbeit. Der nächste Part, die Saatgut-Aufbereitung, ist mindestens ebenso wichtig. Es gilt die Samen von ihren Hüllen zu befreien, sie zu trocknen und schließlich einzulagern. Für das Ehepaar Keller eine typische Wochenend- und Feierabendarbeit. Doch warum machen sich die beiden so viel Arbeit?

"Wenn man Samenbau macht, taucht man viel tiefer ein in die Welt der Pflanzen, lernt die Pflanzen noch besser kennen. Denn im Abreifen sind sie gänzlich anders, als sonst. Zudem gärtnert man immer für die übernächste Saison und nicht nur für das, was man auf dem Teller hat. Und man kann sich darauf freuen, wenn dann im nächsten und übernächsten Jahr wieder die großen Krautköpfe wachsen. Und dadurch, dass man die Sorten selber vermehrt, kann man seine Lieblinge behalten und muss nicht auf das zurückgreifen, was man von den großen Konzernen so vorgesetzt bekommt."

Barbara Keller

Und die Lieblingsgemüse der Familie Keller füllen schon als Saatgut ganze Kisten und Regale, mehrere hundert Sorten warten hier auf ihre Aussaat. Um möglichst viele Menschen für alte Gemüsesorten zu begeistern, halten Barbara und Martin Keller überall in Bayern Vorträge und organisieren einmal jährlich ein Fest der Vielfalt.