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„Insektenhotels“ Sinnvoll oder nicht?

Ob in Baumärkten oder in Gartencentern, sogenannte „Insektenhotels“ findet man mittlerweile immer häufiger. Gefüllt mit Zapfen, Rinde oder Schilfstängeln sollen sie Insekten anlocken. Aber funktioniert das überhaupt?

Stand: 30.05.2018

Wir haben jemanden gefragt, der sich damit auskennt: Werner David aus Erding, Biologe und Naturbalkonbesitzer. Er nimmt die einzelnen Materialien dieser „Insektenhotels“ mal genauer unter die Lupe.

Zapfen für Marienkäfer?

„Versteck- und Überwinterungsquartiere in einer Nisthilfe sind völlig sinnfrei. Insekten suchen keine Verstecke, sie suchen Lebensräume. Also Bereiche, in denen die elementaren Ansprüche wie Nahrung, Partner und die Entwicklung der Jungen erfüllt werden. Und genau da halten sie sich auf. Und ein Kästchen Kiefernzapfen hat keine Anziehungskraft. Zum Thema Marienkäfer: Marienkäfer haben eine Warntracht und sind randvoll mit dem giftigen Alkaloid Coccinellin. Das heißt, die Tiere wollen auf sich aufmerksam machen und warnen. Sie wollen sich nicht verstecken, eher genau das Gegenteil.“

Überwinterungsquartier für Schmetterlinge?

"Von unseren 180 Tagfalterarten überwintern überhaupt gerade einmal 6 Arten als Schmetterling. Die anderen als Raupe, als Ei oder als Puppe. Von diesen 6 sind 2 extrem selten und bei einem kennt man den Überwinterungsort noch gar nicht; und ein Falter überwintert ausschließlich auf Pflanzen. Das heißt es bleiben 2 Arten. Und für diese 2 Arten sind diese Quartiere völlig uninteressant, das bestätigen auch Schmetterlingsforscher."

Werner David

Röhren für Wildbienen

Röhren als Nistplatz für Wildbienen sind da schon sinnvoller. In vielen Nisthilfen sieht man daher angebohrte Holzklötzchen. Die bestehen jedoch meist aus Weichholz und stellen bei Feuchtigkeit im Innern der Röhren die Fasern auf. Zudem ist meist ins Stirnholz gebohrt, was die Rissbildung fördert. Röhren aus Schilf oder Bambus werden in der Regel gut angenommen, solange die Kanten sauber geschliffen sind.

Hotel oder nicht?

Der Begriff „Insektenhotel“ ist nicht passend, meint Werner David. Schließlich ist der Besuch in einem Hotel eine eher kurzfristige Sache, während Wildbienen fast ihr ganzes Leben an den künstlich geschaffenen Nistplätzen verbringen. „Nisthilfe“ ist daher treffender.

Die richtigen Nisthilfen - Tipps von Werner David

Unabhängig vom Material gilt: Die Lochdurchmesser wählt man zwischen 2 und 9 mm, wobei die Durchmesser von 3-6 mm mengenmäßig dominieren sollten, da häufig gerade die kleineren Gänge Mangelware an Nisthilfen sind. Die Mindesttiefe der Röhren beträgt 10 cm. Es gilt aber: je tiefer, desto besser. Wichtig: die Röhren müssen hinten geschlossen sein.

Materialbeispiele:

Hohle Pflanzenstängel (z.B. Bambus oder Schilf)
- Stängel unmittelbar hinter einem Knoten schneiden
- Halme mit einer feinen Säge einkürzen
- unsaubere Kanten mit Schleifpapier glätten
- weicht man die Halme über Nacht in Wasser ein, splittern sie beim Sägen nicht so leicht
- das Mark entfernen, z.B. mit einer Schraube
- Halme bündeln, z.B. mit Kabelbinder oder in einer Dose

Abgelagertes Hartholz (z.B. Esche, Buche oder Obstgehölze)
- nie ins Stirnholz bohren (Bedeutet: nicht von oben in die Stammscheibe. Sonst bilden sich Risse, durch die Pilze und Parasiten eindringen)
saubere Bohrungen
- Späne entfernen, etwa durch ausklopfen oder mit einem Pfeifenreiniger
- Oberfläche Abschleifen, um Holzfasern an den Locheingängen zu entfernen.

Standort
- sonnig, trocken und windgeschützt
- Ausrichtung nach Südosten oder Südwesten
- die Einflugschneise muss frei sein
- stabile Aufhängung, Nisthilfe darf nicht schwingen

Was bringen Nisthilfen?

Nisthilfen haben nach Werner Davids Ansicht vorwiegend pädagogischen Nutzen. Denn von den über 550 heimischen Wildbienenarten nisten drei Viertel im Boden. Und die Arten, die vorhandene Hohlräume besiedeln und an Nisthilfen auftauchen, sind in der Regel Arten, die auch ohne Nisthilfen zurechtkommen würden. Viel wichtiger ist es, Lebensräume zu schaffen, etwa strukturreiche Naturgärten mit heimischen Wildpflanzen. „Dann erreiche ich nicht nur die Wildbienen, sondern ich schaffe für alle Tiere Lebensräume. Und dann noch als krönendes I-Tüpfelchen eine Nisthilfe ist völlig ok, aber es sollte wirklich nur das Sahnehäubchen sein.“ Um Menschen an das Thema Wildbienen heranzuführen, haben Nisthilfen also durchaus eine Nutzen. Denn die Tiere beim Brutgeschäft zu beobachten ist absolut faszinierend.

Hier finden Sie eine Auswahl an Pflanzen, die gerne von Wildbienen besucht werden:

Internet-Tipp

Viele weitere Informationen zu den Themen Naturgarten, Lebensweise von Wildbienen und Sinn und Unsinn verschiedener Nisthilfen für Insekten hat Werner David auf seiner Internet-Seite zusammengestellt:

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