BR Fernsehen - quer


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quer-Jubliäum "quer" wird 20

quer wird 20 Jahre alt. Das Erfolgsgeheimnis der Sendung: Die Kombination von anspruchsvollem Journalismus mit Satire und natürlich der Moderator Christoph Süß.

Stand: 28.02.2018

Header 20 Jahre quer! | Bild: BR

Am 26. Februar 1998 saßen auf einem weißen Sofa in einem Fernsehstudio in Unterföhring zwei Christophs. Der eine war ein berühmter Querdenker, passionierter Regelbrecher und notorischer Nonkonformist. Dieser Mann hieß Christoph Schlingensief. Der andere war ein leicht nervöser Moderations-Novize aus dem Münchener Kabarettprekariat. Dieser Mann hieß Christoph Süß und war gerade zum Gesicht einer Sendung gemacht worden, von der niemand ahnte, welchen Stellenwert sie eines Tages für den gesamten Bayerischen Rundfunk erlangen würde

Seine Berufung verdankte Süß eher dem Zufall als strategischer Karriereplanung: Mitten im Quoten-Niedergang von „Live aus dem Schlachthof“ versuchte der damalige Moderationscoach die Redaktion mit einer VHS-Kassette zu erheitern, die Süß beim Zeitvertreib mit Improvisationsspielen im Castingstudio zeigte. Spontane Aufgabe: Ein Priester, der das Wort zum Sonntag nutzt, um seinen Gebrauchtwagen zu verkaufen. Das Ergebnis war so überzeugend, dass Süß in den Fokus als potentieller Moderator des gerade angedachten „Live aus dem…“-Nachfolgeformates  „quer“ geriet.

Anspruchvoller Journalismus und Satire in einem

Heute ist die Sendung das erfolgreichste und bekannteste Fernsehmagazin Bayerns. In den zwanzig Jahren seit der ersten Ausgabe hat „quer“ seinen Marktanteil immer weiter ausgebaut. Im vergangenen Jahr erreichte das Format im Schnitt 15,2 Prozent der bayerischen Fernsehzuschauer. Dabei ist „quer“ die einzige Regelsendung im BR Fernsehen mit „Lagerfeuer“-Charakter, die alle Altersgruppen – auch unter 40-jährige - erfolgreich anspricht.

Das Erfolgsgeheimnis ist die Kombination von anspruchsvollem Journalismus mit Satire. Beides in einer Sendung zu praktizieren, galt beim Start der Sendung manchem als publizistische „Mission Impossible“. Weil die Zuschauer, so die Befürchtung, Spaß und Ernst nicht unterscheiden und die Sendung im Zweifel nicht für voll nehmen würden. Doch die quer-Macher hielten es schon damals für einen Fehler, den Zuschauern Intelligenz abzusprechen. Und das Konzept ging auf. Christoph Süß hält die zynische Haltung von manchen Fernsehleuten, das Publikum herablassend zu betrachten, für „beleidigend blöd und unvorstellbar unhöflich“. Und er ist es auch, der die ironischen und die ernsthaften „quer“-Inhalte so miteinander verbindet, dass man jederzeit weiß, was ernst gemeint ist und was Satire.

Für die Redaktions-Crew von „quer“ bedeutet dieser Mix vor allem, bei jedem Thema eine „quer“-typische Haltung und Idee zu entwickeln. Das Publikum erwartet, dass in der Sendung Themen nicht bloß abgebildet, sondern eingeordnet werden. Und am besten auch noch pointiert präsentiert. Damit Christoph Süß in seinen wechselnden Rollen als Moderator, Kabarettist und Schauspieler auf der „quer“-Bühne von der jeweils passenden Kulisse umgeben ist, produziert der BR die Sendung von Beginn an in einem virtuellen Studio bei Pro7Sat1. Dort verwandelt sich der Journalist Süß wöchentlich nach Bedarf in Figuren wie den Kini, den Terminator, das Milchmädchen, den Rentner oder gleich in mehrere Charity-Ladies aus der Münchener Bussi-Gesellschaft. Um danach wieder als Christoph Süß völlig unironisch den nächsten Beitrag anzumoderieren. Am Schluss jeder Ausgabe tritt außerdem der Parodist Wolfgang Krebs in wechselnden Rollen auf, als Horst Seehofer und Markus Söder, wahlweise flankiert von der verhinderten Thronfolgerin Ilse Aigner oder der ungeliebten Verbündeten Angela Merkel.

„Der Body: Auch nicht übel“

So lang die Sendung existiert, so lange gibt es auch schon die Vermutung, dass Süß und seine Redaktion pausenlos gegen Repressalien aus Politik oder der Sender-Chefetage zu kämpfen hätten. Stimmt aber nicht. Darüber hat sich auch die Redaktion anfangs gewundert. „Wir waren schon irritiert, weil man uns so wenig reingeredet hat“, erinnert sich Wolfgang Mezger, der Redaktionsleiter. Wenn der Fernsehdirektor mal einen Beitrag verhindert hat, dann war es ein politisch unverdächtiger Streifzug über eine Erotikmesse in Amberg. Und das auch nur, weil die Sendung nachmittags wiederholt wird. Ansonsten standen die BR-Oberen zumindest nach außen stets hinter „quer“. Selbst dann, wenn sich der Kanzler persönlich beschwerte. Wie Helmut Kohl, für den ein Team der Sendung auf dem Höhepunkt des Parteispendenskandals in der Müchener Fußgängerzone eine satirische Geldsammlung durchführte. Erlös: Gut dreißig Mark, die per Brief von „quer“ in Kohls Büro geschickt wurden. Daraufhin intervenierte der unfreiwillig Beschenkte bei Chefredakteur und Fernsehdirektor. Der nahm seine Leute nach außen in Schutz und wurde nach innen ziemlich laut. Das größte öffentliche Aufsehen erregte „quer“ bezeichnenderweise nicht mit einem politischen Skandal, sondern mit einem Nacktauftritt von Christoph Süß im Studio. „Der Body: Auch nicht übel“, urteilte gnädig die in solchen Fragen sachkundige Münchener „tz“.

„Aufgeklärte Heimatliebe“

Dass „quer“ von politischen Einflussversuchen weitgehend verschont bleibt, dürfte auch daran liegen, dass die Sendung von vielen gleichzeitig als kritisch und als „wertkonservativ“ („Die Welt“) wahrgenommen wird. „Aufgeklärte Heimatliebe“ hat das die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ einmal genannt, und damit eine Grundhaltung beschrieben, die bei den bayerischen Zuschauern hervorragend ankommt: Einerseits keinen Hehl daraus zu machen, wie paradiesisch das Bayernland ist, und andererseits die Missstände in diesem glückstrunkenen Dahoam nicht zu verschweigen. Ob im Coburger Schlachthof Abfälle als Frischfleisch deklariert werden oder an der Alz Chemiegefahren verharmlost werden – „quer“ steht auch für investigative Berichte jenseits weißblauer „Dahoamity“.

In zwanzig Jahren hat die Sendung sich dabei sehr verändert. Aktueller ist „quer“ geworden und auch relevanter in der Auswahl der Themen. Die Frage, was die Menschen in Bayern in der Sendungswoche am meisten umtreibt, bestimmt den Inhalt der fünfundvierzig Minuten. Auf dem Sendeplatz um viertel nach acht wartet ein Primetime-Massenpublikum, das Randthemen ohne Belang nicht mehr akzeptiert.

 Und was lineare Zuschauer interessiert, wird auch von digitalen Usern gemocht. „quer“ ist auch im Netz erfolgreich, bezeichnenderweise vor allem mit den Inhalten aus der Fernsehsendung. Mit rund zweihundertfünfzigtausend Fans auf Facebook und flankierenden Beiträgen auf Twitter, Youtube und Instagram zeigt „quer“, dass öffentlich-rechtlicher Journalismus auch im Netz erfolgreich sein kann.

Diesen Erfolg hätten nach der ersten Sendung wohl wenige vorhergesagt. Zum Studiotalk mit Christoph Schlingensief bemerkte die „Süddeutsche Zeitung“, dem neuen BR-Gesicht Süß „fehlten ein wenig die Kräfte, um sein Revier abzustecken.“ Alles sei noch etwas unausgegoren, fand die Kritikerin und mahnte, dass „man heutzutage im TV-Geschäft nicht mehr viel Zeit bekommt, sich zu etablieren“. Heute steht fest: „quer“ hat die Zeit bestens genutzt.


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Detlef Singer, Donnerstag, 08.März, 06:52 Uhr

15. Gekaufte Wissenschaft

Lieber Herr Süß,
Eine Anregung möchte ich Ihnen gerne geben: Ich bin der Meinung, dass der grösste und für unsere Gesundheit bedeutenste Skandal unserer Zeit der mangelnde Schutz vor dem immer mehr umsich greifenden und unser Leben bestimmenden Mobilfunk ist. Ich frage mich, wo bleibt hier das Vorsorge-Prinzip, das mit Recht für die Zulassung von Medikamenten hohe Hürden und Beweise für die Unbedenklichkeit vorsieht? Neben Suchtproblemen ist die Wirkung der gepulsten Strahlung auf Zellebene das noch grösste Problem, was seriöse Forschung herausgefunden hat, aber erfolgreich unterdrückt wird. Leider ist das Kastl hier so klein, dass man keinen grösseren Beitrag hineinstellen kann. Bei Bedarf kann ich Ihnen Material zusenden, z.B. aus Schweden, wo ich wohne. Nur soviel: Inzwischen sind tausende Menschen auf der Flucht vor der Mobilfunk-Strahlung, aber sie werden in die Psycho-Ecke gestellt.
Bitte kontaktieren: Prof. Kreiß (Beitrag BR Kontrovers vom 7.3. und SZ Gekaufte Wissenschaft 26.

Seepferd, Samstag, 03.März, 17:19 Uhr

14. Glückwunsch - Weiter so!

Dafür zahle ich gerne meinen Rundfunkbeitrag. Der BR ist qualitativ sehr hochwertig. quer, Nockherberg, Münchner Tatort, Franken Tatort, Dahoam, Kabarett, u.s.w. ... schau ich alles gern und das kostet halt. Also, herzlichen Glückwunsch quer, ich freue mich auf weitere 20 Jahre :o)

Jawad, Samstag, 03.März, 14:04 Uhr

13. Quer

Vielen Dank für diese Sendung! Neben extra3 gilt ihre Sendung zu den besten! Für einen nicht-Muttersprachler war das ganze eine Herausforderung! Im Nachhinein gewohnt man ja sich dran ;) ich liebe es, wie sie die CSU auseinander nehmen :)))))
Alles gute und weiter sooooo

Peter, Freitag, 02.März, 17:38 Uhr

12. Weiter so

Weiter SO!
Aber bitte mit etwas mehr Biss.
Leider sind Satireformate wichtiger den je, da sie , einem Hofnarr gleich, noch die Wahrheit sagen und Missstände anprangern dürfen.

Trauen sie sich auch mal wieder was gegen die Altparteien, behandeln sie die mit dem selben Biss wie die AfD , dann rührt sich vielleicht wieder was im Land.

Auch wenn sie vielleicht manchmal etwas einseitig über die Stränge schlagen, schauen sie sich ihre alten Sendungen an, das ist die Qualität die ich in letzter Zeit etwas vermisse.

steinlaus, Freitag, 02.März, 10:49 Uhr

11. Spielverderber

ich schließe mich dem Reigen der Gratulanten n i c h t an. Eine durchschnittliche Sendung mit möchtegern Aufregern. Nach zwanzig Jahren Ist es Zeit zu sagen:
Time to say goodbye!