BR Fernsehen - puzzle


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Die Frage "Woher kommst du?"

"Woher kommst du?" Diese eigentlich harmlose Frage birgt viel Zündstoff. Denn sie bekommen viele Deutsche zu hören, die nicht dem Bild des blonden, blauäugigen "Klischeedeutschen" entsprechen.

Von: Katharina Wysocka

Stand: 06.05.2019

Viele der Gefragten haben zwar eine Familie mit Migrationsgeschichte, leben aber schon viele Jahre in Deutschland oder sind hier geboren und fühlen sich zugehörig. Sie stört diese Frage vor allem dann, wenn sie gleich zu Beginn einer Unterhaltung gestellt wird, weil sie einen prompt auf das Äußere reduziert.

Einigen Gefragten reißt der Geduldsfaden. Sie fordern ein anderes Verständnis von "Deutschsein", eines, das alle Deutschen einbezieht, auch die mit Migrationshintergrund. Die Journalistin Ferda Ataman berichtet in ihrem Buch "Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!" über ihre Erlebnisse.

Ferda Ataman ist in Deutschland geboren und fühlt sich hier zugehörig. Dennoch wird ihr immer wieder klar gemacht, dass sie für viele nicht dazu gehört: Durch die Frage gleich zu Anfang eines Gesprächs "Woher kommst du?“.

"Wir haben meiner Meinung nach das Problem in Deutschland, dass viele Menschen wirklich noch glauben, sie erkennen am Aussehen oder am Namen wer von hier ist und wer Ausländer, und das ist Quatsch. Wir leben im Jahr 2019, seit 70 Jahren, seit es die Bundesrepublik gibt, gibt es Einwanderung, und viele Menschen leben hier in der x-ten Generation. Und zu glauben, man erkennt, wer ein echter Deutscher ist und wer nicht, das ist ein echtes Problem, im Sinne einer Wahrnehmungsstörung, so würde ich es sogar nennen."

Ferda Ataman, Publizistin

In ihrem Buch "Hört auf zu fragen! Ich bin von hier!" stellt Ferda Ataman auch fest, dass sich die Stimmung in Deutschland seit 2015 verschärft hat. Menschen mit Migrationsgeschichte, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben, werden wieder öfter als Ausländer bezeichnet.

"Wenn ich einen Innenminister höre, der sagt: 'Migration ist die Mutter aller Probleme', da geht mir der Arsch auf Grundeis. Denn wenn ich mich nicht mehr darauf verlassen kann, dass ein Bundesinnenminister die Problemursache erkennt, dann mache ich mir schon große Sorgen."

Ferda Ataman

Für Ferda Ataman hat Deutschland kein Migrations-, sondern ein Demokratieproblem. So sei der Rechtsruck oft zu erklären. Menschen, die sich abgehängt fühlen durch prekäre Arbeitsverhältnisse und Perspektivlosigkeit, wenden sich ab von der Demokratie und hin zu Rechtspopulismus. Politiker instrumentalisieren Flüchtlinge als Ursache der Schwierigkeiten. Doch Abschiebungen lösen keine sozialpolitischen Probleme und machen Rechtsradikale nicht weltoffener.

"Solche Leute fühlen sich nicht mitgenommen, die sind nicht Teil unseres freiheitlich demokratischen Grundordnungsverständnisses, die haben da keine Lust drauf. Und da muss man doch ansetzen, da muss man die Leute herholen. Zu glauben, man könne mit mehr Abschiebungen Menschen zurückholen in die Demokratie und sie zufriedenstellen, ist leider so was von, ich nenne es freundlich, unterkomplex."

Ferda Ataman

Migration ist in Deutschland kein Ausnahmezustand, sondern Alltag. Das müssen die Menschen verstehen, fordert Ferda Ataman. Dazu braucht es ihrer Meinung nach eine neue Migrationspolitik: weg von Angst und Abschottung, hin zu einer offenen, modernen Gesellschaft. Und dafür braucht es auch ein neues Selbstverständnis, wer wir Deutschen sind. Wer Integration fordere, sei selbst auch in der Bringschuld, müsse bereit sein, Menschen mit Migrationshintergrund gleichberechtigt teilhaben zu lassen, so Ataman.

"Die Leute müssen Platz machen und Jobs teilen und nicht mehr nur Ausländer dulden, die ihre Toiletten putzen, sondern auch damit klarkommen, dass eben mal jemand mit einem fremdländischen Hintergrund am Cheftisch sitzt und vielleicht sogar mal das Sagen hat oder zumindest mitspricht bei den Chefentscheidungen. Und das fällt offenbar einigen Leuten schon schwer."

Ferda Ataman

Woher kommst du? Wichtiger als diese Frage ist: Wohin wollen wir gemeinsam gehen?


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