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WM in Russland Zu Gast bei Nachbarn

Die Welt spielt Fußball und blickt auf Russland. Ein Land, das in letzter Zeit vor allem mit Putins Politik in Verbindung gebracht wird. Und mit Wodka. Und mit Kälte. Doch interessieren sich Russen überhaupt für Fußball? Und wo findet russisches Leben in München statt? Eine kleine Spurensuche.

Von: Michaela Paul

Stand: 25.06.2018

Wer einmal Irkutsk besuchen möchte, muss nicht erst die sibirische Eisenbahn besteigen und quer durch Russland fahren. Denn mitten in München-Schwabing liegt Irkutsk, genauer gesagt: der Salon Irkutsk. In der kleinen gemütlichen Bar mit den türkis gestrichenen Wänden und der feuerroten Theke kann man essen und trinken wie bei Mütterchen Russland. Zu traditionellen Speisen wie Borschtsch, Pelmeni oder Wareniki kommen hauseigene Wodka-Kreationen auf den Tisch - und das nicht nur während der Fußball-WM.

Benannt ist die Bar tatsächlich nach der Stadt Irkutsk in Sibirien, die im 19. Jahrhundert Freidenkern, politisch Verfolgten und Oppositionellen des Zarenreiches Zuflucht bot. Der Geist längst vergangener Zeiten lebt auch heute im Salon Irkutsk weiter, sagt Besitzer Daniel Richter.

"Es ist diese russische Idee, dass man sagt, es ist ein Kunstrefugium. Es geht darum, dass jeder Künstler und Musiker, der woanders nicht so ein Standing hat, gerne bei uns spielen darf."

Daniel Richter, Betreiber des Salon Irkutsk

Salon Irkutsk - Ein Kunstrefugium für jedermann

Nicht nur russische Künstler finden im Salon ein Refugium für sich und ihre Kunst. Künstler aus aller Welt, russische Seelen oder bayerische Gemüter treffen sich hier auf ein Gläschen Wein, Wermut oder auf ein Glas Wodka. Denn was wäre eine russische Bar ohne das berühmte russische Wässerchen? Im Salon Irkutsk gibt es eine überwältigende Auswahl an selbst kreierten Wodka-Variationen. Wodka sei mehr als einfach nur Nationalgetränk der Russen, sagt Daniel Richter, Wodka stehe für Geselligkeit und werde zelebriert.

"Man trinkt Wodka nicht nur, weil Feierabend ist, sondern weil man zusammenkommt, sich zu einem besonderen Anlass trifft, etwa einer Hochzeit, und auf etwas trinkt. Es gibt einen Spruch, dass man Wodka nie alleine trinkt."

Daniel Richter

Wanja Belaga - Multitalent und Lebenskünstler

Wir besuchen den Mitbegründer des Salon Irkutsk, Wanja Belaga, der heute die Kunstbar "Provisorium", ehemals "Paris Bar", in Haidhausen betreibt. Wanja Belaga ist nicht nur Gastronom. Er ist vor allem Maler, Karikaturist, Autor und Pianist. Ein Multitalent, Künstler und Lebenskünstler zugleich, der sich immer wieder neu erfindet und Neues schafft. Geboren ist Wanja Belaga im Moskau der späten 60er-Jahre. Mitte der 70er-Jahre zwingt das Sowjet-Regime seine Familie zur Ausreise und so wächst Wanja in Deutschland auf.

Mehr als vier Millionen russischsprachige Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion leben heute in Deutschland. Ihre Kultur und ihre Geschichte ist vielfältig und facettenreich. Doch die Russen und ihr Land würden allzu oft auf russische Politik reduziert werden, bedauert Wanja.

"So, wie nicht jeder Jude was für die israelische Staatspolitik kann, so kann auch nicht jeder Russe was für Doping etc. Das wird immer politisiert. (...) Man spricht gerne über die negativen Dinge und skandalisiert alles. Das spüren die Russen und empfinden das als Ausgrenzung."

Wanja Belaga, Gastronom, Künstler und Musiker

Von Klischees, in denen manchmal ein Fünkchen Wahrheit steckt

Stereotype Bilder wie das des "Wodka trinkenden Russen" irritieren Wanja Belaga. Sei man erst dann ein typischer Russe, wenn man kurzrasierte Haare habe, wie Putin betont männlich auftrete oder müsse man als typischer Russe vergeistigt die russische Seele baumeln lassen - Wanja Belaga stellt das infrage.

An der in der Literatur viel beschriebenen und in Liedern besungenen Melancholie der Russen sei allerdings tatsächlich etwas dran.

"Die Melancholie ist durchaus etwas, was den Russen eigen ist. Ich glaube, das hat was mit der Sonne zu tun. Weil das eine melancholische Stimmung erzeugt, die auf den Volkscharakter abfärbt."

Wanja Belaga

Die WM in Russland - Eine Chance zur Annäherung

Als waschechten "russisch-ukrainischen Bayern" bezeichnet sich Wanja Belaga selbst. Bei der Fußball-WM schlägt sein Herz dann aber doch irgendwie für die russische Nationalmannschaft. Selbst, wenn er sich nicht zu den allergrößten Fußballfans zählt, so leide und freue er sich natürlich mit der russischen Nationalmannschaft.

Zwar hat Russland in der Vergangenheit auf politischer Ebene immer wieder negative Schlagzeilen geschrieben. Vielleicht bietet die WM 2018 aber die Möglichkeit, den Blick auf ein vielseitiges Russlands zu lenken und ist gleichzeitig eine Chance zur Annäherung mit den russischen Nachbarn - nicht politisch, sondern menschlich.

Weiterführende Informationen

Salon Irkutsk
www.salonirkutsk.com

Bar Provisorium
facebook: dasprovisorium

Wanja Belaga
www.wanjabelaga.net


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