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Wladimir Kaminer "Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger"

Ein russisches Sprichwort sagt: "Die Wiederholung ist die Mutter der Weisheit". Vielleicht schreibt "Russendisko"- und Bestsellerautor Wladimir Kaminer auch deshalb gefühlt einmal pro Jahr ein Buch über sich selbst, seine Welt und seine Familie: nach den eigenen Kindern und der Schwiegermutter ist diesmal die eigene Mutti dran.

Stand: 04.11.2016

Wladimir Kaminer | Bild: BR

Lustige, präzise Verdichtungen der Wirklichkeit. Aber das ist die Kunst von Kaminer: In den kleinen, zugespitzten Begebenheiten des Alltags kann er die großen Fragen der Gegenwart verhandeln.

Was wäre Mann - ohne Mutti? …

Nicht vorzustellen! Wladimir Kaminer ist herzlich. Man ist schnell per du, sonst fühle er sich alt. Und gleich mittendrin. Schon jammert der Mann, der über Mutti schreibt, über die lieben Kleinen, die nicht loslassen. "Meine Tochter möchte dreimal die Woche zu uns zum Essen kommen und die Katzen streicheln. Dann möchte sie am Wochenende noch ihre Wäsche bringen. Dann sagte ich: 'Dann brauchst du nicht umzuziehen. Das ist doch absurd. Dann bleibst du gleich hier.'" - Aber er lebt doch ja auch mit seiner Mutter in einem Haus. - "Und? Meine Mutter ist zwei Stockwerke höher."

Warum wollte er ein Buch über sein Mutter schreiben? "Ich wollte nicht über die Mutter schreiben. Ich schreibe eigentlich nur über die Tragödien des Lebens. Dass man über die Tragödien lachen lernen muss." Und was ist die Tragödie der Mutter? "Die Tragödie der Mutter ist, dass sie 85 Jahre alt sein wird, aber sich nicht wie 85 fühlt. Sie fühlt sich gerade dabei, die Welt neu kennen zu lernen. Sie war auf einmal bereit auf Weltreisen zu gehen. Neue Menschen kennen zu lernen. Aber war doch ein bisschen spät damit anzufangen."

Ich bin einer von euch

Mutter hat eine unstillbare Neugier aufs Leben. Was bleibt von den Menschen, sagt Kaminer, sind ihre Erzählungen. Auch Kaminers neues Buch "Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger" handelt davon, wie man sich in der Fremde zurechtfindet. Wie war es bei ihm, 1990, als er von Moskau nach Berlin ging? "Ich habe mir damals als ich kam eine Flasche Flensburger gekauft, weil ich bemerkt habe, sehr viele Leute in der U-Bahn und S-Bahn in Berlin hatten die Flaschen in der Hand und ich wollte nicht auffallen. Die kann man auch nachfüllen, weil sie mit Verschluss ist. Immer, wenn ich komisch angeschaut wurde, habe ich einen großen Schluck genommen. Um zu sagen: 'Ich bin einer von euch.' Stell dir vor, erzählt mir ein Syrer jetzt, ein Philosophiestudent, dass er sich in Deutschland als erstes keine Sim-Karte oder keine Currywurst gekauft habe, sondern eine deutsche Zeitung. Eine dicke, deutsche Zeitung. Ohne deutsch zu kennen. Und immer, wenn er schräg angeguckt wurde, hat er die Zeitung aufgemacht. Das war sein Geste. Damit wollte er sagen: 'Ich bin deutsch.'“

Kaminers persönliche Flüchtlingswelle

Es gibt eine Stelle im Buch, da erlebt Kaminer mit seiner Mutter persönlich eine Flüchtlingswelle. - "Wir gehen mit meiner Mutter schwimmen. In einem sehr tollen, großen Bad in Berlin und sie kennen uns dort alle und grüßen uns. Wir fungieren in diesem Bad unter dem Spitznamen 'Schriftsteller mit Mutti'. Meine Mutter ist in der letzten Zeit etwas größer geworden - vom Gewicht her. Aber im Wasser fühlt sie sich leicht wie Feder und sie mag das unglaublich. Sie schwimmt unglaublich gerne, aber sehr langsam. Und wir hatten, das beschreibe ich in diesem Buch, wir hatten diese Flüchtlingswelle, wo 20 Syrer ins Bad reinsprangen. Sie konnten alle nicht schwimmen. Gingen unter wie Steine. Das war ein unglaubliches Chaos. Diese Bademeister, die ich nur als eine Art Immobilie kenne, die immer so in einer Ecke saßen mit Kaffee, die liefen mit hochroten Gesichtern um das Bad herum, zogen an jeder Ecke einen Syrer aus dem Wasser. Und mitten in diesem Chaos surfte meine Mutter auf einer unglaublichen Flüchtlingswelle quer durch das Bad mit einer Geschwindigkeit, die sie noch nie hatte. Sie war sehr glücklich."

Kaminer beobachtet genau, verdichtet pointiert. Sein nächstes Buch wird von Flüchtlingen handeln - oder seiner Frau. Russland kann er zwar jederzeit bereisen, riskiert aber, sagt er, wegen seiner kritischen Äußerungen nicht zurückzukommen. "Die Welt ist so klein geworden. Die ganze Welt besteht jetzt aus gescheiterten Staaten und Völkern, die sich selbst nicht tragen können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man auch hier versteht, dass deren Probleme leider auch unsere sind. Da ist es vollkommen egal, wer die Verursacher sind. Das ist eine deutsche Tugend zu klären, wer schuld ist. Okay, wenn wir es wissen, was weiter? Ich meine, natürlich ist die Welt schlecht und die Menschen schwach. Die Frage ist, wie mit der Tragödie, wie du mit dieser Kenntnis umgehst. Du kannst diese Welt verachten, sie hassen oder versuchen ihr zu helfen."

Autor des Filmbeitrags: Andreas Krieger


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