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Die "Kammerklicke" im Rampenlicht "Win Place Show 2018"

In den Münchner Kammerspielen gibt der hauseigene Jugendclub "Kammerklicke" die "Win Place Show 2018". Theaterbegeisterte junge Menschen spielen Szenen, die sich so oder so ähnlich in ihrem Leben zugetragen haben könnten. Das Schicksal im Symbol eines Glücksrades.

Von: Andreas Krieger

Stand: 05.06.2018

"Jeder ist seines Glückes Schmied" - so heißt es. Oder ist alles doch Schicksal? Schließlich kann keiner etwas dafür, in welches Land, in welche Gesellschaft er hineingeboren wird. Und davon hängt doch einiges ab. Um den Sinn des Lebens, um Chancengleichheit, und was es bedeutet, von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen zu sein, geht es in der "Win Place Show 2018". Junge Menschen fordern ihr Glück heraus und spielen mit dem, was sich so oder so ähnlich in ihrem Leben zugetragen hat.

Ein großartiges Projekt der Münchner Kammerspiele mit dem hauseigenen Jugendclub: der "Kammerklicke". Diese jungen Menschen, denen vermutlich mehr als einmal gesagt wurde: "Ihr gehört nicht dazu!" - sie gewinnen Platz, Raum, Präsenz.

"Ein Kamerad von mir ist angeschossen worden", erzählt Sofia Kieffa auf der Bühne der Kammerspiele. "Und ich habe ihn nicht liegen und sterben lassen. Sondern ich habe ihn auf meinem Rücken getragen und dann hat es geballert."

Ein Glücksrad als Symbol des Schicksals bestimmt den Ablauf des Abends. Alles ist möglich. Was bedeutet Glück für sie, möchten wir von Sofia Kieffa wissen. "Das ist eine sehr schwere Frage. Besonders für mich, weil ich das Gefühl habe, so viel Glück im Leben zu haben und es zugleich so wenig wert zu schätzen und unzufrieden zu sein und nach immer mehr zu streben."

"Also ich muss sagen, dass mir Sofia ziemlich aus der Seele gesprochen hat, weil ich viel zu undankbar bin mit dem, was mir gegeben wurde", sagt Lina Fabienne Richter. "Und dass ich auch danach strebe, immer mehr und eigentlich hättest du das besser machen können."

Energien bündeln, Menschen ernst nehmen, sie erzählen lassen: damit arbeitet Regisseurin Christine Umpfenbach. Die Darsteller kommen aus Afghanistan, dem Kongo, Rumänien, Südafrika, Deutschland, Syrien und der Ukraine. Einige haben schwierigste Situationen erlebt, aber dennoch: Sie stecken an mit ihrer Lebensfreude.

Ob sie ein glücklicher, zufriedener Mensch sei, möchten wir von Elif Ünlü wissen. "Mein Glück habe ich in der Theatergruppe gefunden. Davor war ich kein wirklich glücklicher Mensch." - Warum war sie davor nicht glücklich? - "Es sind viele Sachen bei mir passiert." - Und warum schafft es diese Gruppe, sie glücklich zu machen, ihr dieses Gefühl zu geben? - "Ich weiß nicht. Diese Gruppe ist eine zweite Familie für mich."

Ihre eigenen Geschichten mischen sich mit Erlebnissen und Zitaten ihrer Vorbilder. Ünlü singt ein Lied von Adele.

Diese Freude, das Leben selbst in die Hand zu nehmen! "Ich bin immer glücklich", sagt Faiz Teymuri. "Egal, wo ich bin. Im Krieg. Oder in meinem Leben. Hier in Deutschland. Oder in meinem Land." - Und seine Familie, wo hat er die? - "Ich habe hier momentan nur einen Bruder und er wohnt hier in München. Meine Mutter und mein Vater sind in meiner Heimat schon gestorben. Ich habe schon beide verloren. Ich war sehr traurig, weil ich meine Familie verloren habe. Aber jetzt bin ich glücklich, weil ich auch eine Familie habe und bin ich nicht alleine. Das gefällt mir sehr."

Das Stück entwickelt sich immer anders als man denkt. Ausgelassene Tanzeinlagen. Intensive Selbstporträts. Glück. Trauer. Wut. Das Rad entscheidet, wo es hingeht. Ihre Idole werden zitiert. Doch die Stars sind an diesem Abend sie selbst.

Ob sie ein Vorbild habe, wollen wir von Anastasiya Khaytova wissen. "Nein, habe ich nicht." - Warum nicht? - "Weil ich finde, man soll nicht so sein wie ein anderer Mensch, der sich so gebildet hat, sondern ich versuche von Leuten, die ich mag, ein paar Kleinigkeiten abzuschauen. Ich mache es jetzt nicht genauso wie die, aber ich sehe dann, wie die es machen, und versuche es auch so zu machen, aber vielleicht ein bisschen besser."

Für Fadi Mattawa ist sein Onkel sein Vorbild: "Er ist ein Arzt in meiner Heimat. Was er für Sachen macht und was er sagt und so weiter." - Was ist der wichtigste Satz von ihm, den er in seinem Herzen trägt? - "Sein wichtigster Satz ist: Immer weiter machen, egal wie viel du auf den Boden fällst. Immer aufstehen und weiter machen."

Senzeni Mtshali trägt Lederhose, tanzt aber keinen Schuhplattler. Sondern: den Stiefeltanz. So kommunizierten die Arbeiter in den Minen Südafrikas. Weil sie nicht sprechen durften.

"Als ich hierher kam, war ich geschockt", sagt Senzeni Mtshali. "So viele Kinder hier werden von beiden Elternteilen erzogen. Ich habe nie Liebe von meinem Vater bekommen. Ein Kind aufziehen, ihm Liebe geben, das kostet doch nichts. Seinem Kind Liebe geben. Für es da sein. Und es motivieren. Es kostet nichts. Warum hat mein Vater darin versagt und mir das nicht gegeben?"

Was ist mein Leben? Was kann ich daraus machen? Wo endet das Schicksal, wo beginnt die eigene Verantwortung?

"Ich versuche grundsätzlich immer sehr positiv und wie ein kleiner Energie-Flummi zu sein", sagt Fernanda von Sachsen Gessaphe. "Und versuche irgendwie alle anzustecken."

Die Hälfte der jungen Menschen in der "Kammerklicke" haben eine Fluchtbiografie. Aber nicht alle. Das macht das Projekt spannend, weil die Themen kontrovers verhandelt werden. Es geht immer um den Raum, den man hat - zu viel oder gar nicht.

Das Vorbild von Mokonzi Matondo ist Leonardo da Vinci. "Oder meine Pflegefamilie. Oder die hier. Die sind auch ein Vorbild für mich. Weil manchmal ist es zwar ein bisschen schwierig bei mir. Aber ich habe in unserem Stück gelernt, dass man nicht traurig sein muss. Man kann die Traurigkeit hinter sich lassen. Und immer nach vorne schauen."

Den Schmerz wegtanzen. Und dann wieder ganz bei sich sein. Eine Übung in Lebensmut.

Glauben Sie an Schicksal? "Was passieren wird, wird passieren. Ich habe keine Angst davor", sagt Shahab Nazari. "Manchmal hast du die Chance. Manchmal hast du Glück. Manchmal nicht", sagt Said Nazari.

"Ich glaube, dass Schicksal nur eine Ausrede ist", sagt Alireza Ekhlasi. "Wenn wir Menschen etwas nicht schaffen können und wenn wir etwas Schlechtes abbekommen, dann sagen wir: Das ist unser Schicksal. Das ist nur eine Ausrede. Es gibt kein Schicksal."

Von ihren eigenen Geschichten bis hin zu Bollywood-Fantasien: ein Regenbogen!  Es ist die Herzlichkeit und Dynamik, die diese "Kammerklicke" so besonders macht. Jedes Individuum hat hier seinen Platz gefunden, bekommt so viel Raum, wie es braucht und verdient. Die Verwirklichung einer utopischen Gesellschaft.

"Win Place Show 2018"

Münchner Kammerspiele
Regie: Christine Umpfenbach

3. Juli/Münchner Kammerspiele
7. Juli/Junges Theater Regensburg


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