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Fragen eines Geflüchteten Wie lange ist man Flüchtling?

Wie lange bleibt man eigentlich Flüchtling, auch wenn man längst nicht mehr auf der Flucht ist? Wann wird man endlich als Mensch, als Individuum gesehen? Wann fühlt man sich endlich "angekommen"? Und wovon hängt es ab?

Von: Anna-Louise Bath

Stand: 27.05.2019

Fragen wie diese beschäftigen Ameen Nasir, seit er 2014 aus Syrien nach Deutschland kam. In der Begegnung mit dem Münchener Kulturschaffenden und Schriftsteller Denijen Pauljevic findet er Antworten. Auch Pauljevic, der aus Serbien stammt, kam einst als Geflüchteter nach Deutschland - vor 26 Jahren. Auch er musste seine Heimat verlassen, weil dort Krieg herrschte. Aus Ex-Jugoslawien flüchteten damals rund eine halbe Million Menschen nach Deutschland.

Die Stimmung der Deutschen ihnen gegenüber erlebte Pauljevic als sehr ambivalent.

"Also die Menschen waren sehr freundlich zu mir in München. Aber die Behörden, das war eine ganz andere Geschichte. Da habe ich mich alles andere als willkommen gefühlt."

Denijen Pauljevic

Viele, die wie Pauljevic geflüchtet waren, wurden wieder abgeschoben, auch nachdem sie schon zwei Jahrzehnte in Deutschland gelebt hatten. Was sich seit den 90er-Jahren seiner Meinung nach inzwischen stark verändert hat, ist der Umgang mit Asylsuchenden in deutschen Behörden:

"Der Unterschied ist, dass es zu meiner Zeit, nicht so wie heute, diese ganzen Kulturprojekte und Kurse gab und so viele engagierte Menschen. Ich glaube, es liegt auch daran, dass inzwischen sehr viele Sachbearbeiter selbst Migrationshintergrund haben."

Denijen Pauljevic

Wie im Falle von Ameen Nasir, der im Herbst dieses Jahres eine Ausbildung beim Kreisverwaltungsreferat beginnt: Seine eigene Fluchtgeschichte ermöglicht ihm dann in Zukunft vielleicht ganz besondere Kompetenz in der Beratung Geflüchteter. Er möchte aber auf keinen Fall mit Abschiebungen beauftragt werden.

"Ich persönlich, als ein Mensch mit Fluchthintergrund, finde es schwierig, einfach die Flucht von anderen Menschen abzulehnen. Moralisch ist das für mich ganz schwierig."

Ameen Nasir

Im KVR spielt auch Pauljevics aktueller Roman, der im Frühjahr 2020 erscheint. Er ist aus der Sicht einer Mitarbeiterin der Ausländerbehörde in den 90er-Jahren geschildert.

Auch wenn er nach vielen Jahren der Unsicherheit schließlich ein Bleiberecht und zuletzt auch den deutschen Pass erhielt - wirkliches "angekommen sein" hat für Pauljevic nichts mit einem Stempel auf dem Papier zu tun. Er verbindet es vor allem mit der deutschen Sprache, mit der er sich seit seiner Ankunft in Deutschland sehr intensiv befasst hat.

"Da habe ich mich nach ein paar Jahren schon fast so wohl gefühlt, sage ich jetzt mal, wie in meiner Muttersprache Serbisch. Was aber auch für mich wichtig war, ist, dass ich dabei aktiv war. (…) Auch weil ich wusste, ich will Autor werden."

Denijen Pauljevic

Trotz der heutigen "Willkommenskultur", die das Ankommen deutlich erleichtert, erinnern ihn die Ablehnung, Ängste und Vorbehalte der Deutschen gegenüber Geflüchteten noch immer an früher:

"Also Rechtsextremismus war sehr stark und weit verbreitet. Das war auch so die Zeit, wo die ersten Asylheime im Norden von Deutschland gebrannt haben. Und der damalige Außenminister Klaus Kinkel hat diesen alten Spruch wieder aufleben lassen: 'Das Boot ist voll'."

Denijen Pauljevic

Weil er den heutigen Fremdenhass vor allem gegen Muslime gerichtet sieht, empfindet Pauljevic in besonderer Weise mit ihnen mit. Als Ameen Nasir Menschen auf der Straße zum Thema "Islam" befragt, begegnet er unter anderem auch Angst machenden Unwahrheiten:

"Es gibt also eine Sure, aus der eben hervorgeht, dass der Islam die Weltherrschaft anstrebt. Und das ist etwas, was mir Angst macht."

Aussage eines älteren Mannes in einer Straßenumfrage

Dass manche in seiner Religion eine Bedrohung sehen, erschreckt Ameen Nasir. Nach Syrien zurückgehen kann er nicht. Wenn er jedoch nach vielen Jahren in Deutschland auf heute zurückblicken wird, so hofft er, werden Aussehen, Herkunft oder Konfession längst keinen Einfluss mehr darauf haben, wie sehr man sich hier zu Hause fühlt.


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