BR Fernsehen - puzzle


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Simon Pearce PEA®CE on Earth

Er macht einfach gute Laune: Simon Pearce. Sohn eines nigeranischen Gastronomen und einer bayerischen Volksschauspielerin. Schön, dass wir ihn wieder treffen.

Stand: 23.04.2018

Als er klein war, bekam die Mama schon mal blöde Sprüche zu hören. Dunkelhäutiges bayerisches Kind! Das hat einige leider überfordert. Wie bitter war das für die Mutter und für ihn?

"Sehr bitter, vor allem, weil sie Volksschauspielerin ist. Und da kam tatsächlich mal ein Fan von der Mama und hat sie gesehen, wie sie mich und meine Schwester auf dem Arm hatte – das hat sie mir nur erzählt, ich war da noch sehr klein – und sagte: 'Ja mei, da haben Sie zwei so süße Neger-Babys, aber die haben Sie adoptiert?' Und dann hat die Mama eben so reagiert, wie sie reagiert und gemeint: Nein, die hat sie selber gemacht. Mit ihrem Mann. Und dann hat sie gesehen bei dieser Frau, dass dann der Schrecken in sie gefahren ist, weil sie realisiert hat: Moment mal, das heißt, meine Volksschauspielerin hat mit einem Schwarzen Sex gehabt. Das war zu viel für die. Adoptieren klar. Das war noch gut. Das macht man. Aber wirklich interagieren. Das ist jetzt im Nachhinein lustig. Aber eigentlich ist es schon sehr traurig. Das war natürlich Anfang der Achtzigerjahre, aber das könnte einem heute auch noch passieren."

Simon Pearce

Und seine Mutter, konnte sie im Nachhinein auch darüber lachen?

"Meine Mutter konnte das immer schon. Das hat sie uns auch mit auf den Weg gegeben: Lachen ist immer die beste Antwort."

Simon Pearce

Jetzt gibt es sein zweites Solo-Programm. Und auch ein Buch: "So viel Weißbier kannst gar ned trinken." Er verträgt recht viel, oder?

"Ich kann, aber ich werde nicht weißer. Ich werde nicht mehr zum Bayern. Optisch. Im Herzen auf jeden Fall."

Simon Pearce

Warum wird er nicht zum Bayern: Etwa, weil die Leute ihn nicht dazu machen wollen, ihn nicht so sehen wollen?

"Sie sehen mich so nicht. Also, die schauen mich nicht an und sagen: Du bist ein Bayer. Und das wird ja jetzt aktuell immer schlimmer, dass einem auch das Deutschsein abgesprochen wird. Es gibt ja jetzt auf einmal den Bio-Deutschen, diesen Begriff, und den haben sie jetzt alle gelernt und jetzt sagen sie mir: 'Du bist kein Biodeutscher.' Was auch immer das ist."

Simon Pearce

Vor vier Jahren hatte er ein Soloprogramm mit dem Titel "Allein unter Schwarzen". Hätte er sich vorstellen können, dass in diesen vier Jahren das Thema Alltagsrassismus noch so präsent sein würde?

"Ich hätte es nicht gedacht, dass es noch mal anzieht. Mich macht es traurig. Wir waren doch eigentlich schon ein Stück weiter. Und entwickeln uns alle gerade wieder zurück nach rechts. Die Leute fühlen sich ja in der Mitte. Die sagen ja, die meinen und die denken auch: 'Ich bin ja nicht rechts, aber ... ich bin ja kein Nazi, aber ...' Aber es hat halt was mit Vorurteilen zu tun, wenn man sagt, alle Flüchtlinge seien Schnorrer. Man merkt, die Leute haben wieder mehr Angst. Die Angst kommt wieder. Das ist im neuen Programm ein Thema. Das ist gar nicht auf Hautfarben bezogen, sondern generell, was Angst mit den Menschen so alles macht. Es ist halt irrational."

Simon Pearce

Er bringt die Leute zum Lachen und trotzdem aber auch zum Nachdenken. Wie macht er das?

"Das gehört für mich irgendwie zusammen. Ich kann auch sehr, sehr flach sein, am Tresen, auch auf der Bühne, aber so ein bisschen sollen die schon auch mit nach Hause nehmen. Ich habe einen Moment im neuen Programm, wo es ganz, ganz tief runtergeht. Da geht es um so einen Drohbrief, den ich gekriegt habe, und den lese ich tatsächlich einfach vor. Und da ist die Stimmung dann mal kurz sehr betroffen. Und dafür reiße ich es danach halt dann wieder hoch und dann müssen sie dann irgendwann lachen, ob sie wollen oder nicht."

Simon Pearce

Um was ging es in diesem Drohbrief?

"Dass ich, das war am Tegernsee, dass ich, wenn ich da auftrete, dann mit Baseballschlägern und Pfefferspray erwartet und verprügelt werde. Das war der 'Nigger nein danke Verein Miesbach', der diesen Brief verfasst hat. Es ist kein e. V., den Verein gibt es also nicht. Und ich habe gespielt, natürlich, weil ich mir von so einem Brief den Auftritt nicht vermiesen lassen wollte. Die Polizei war da, vor Ort, und diese Gefahr, diese Angst, diese reelle Gefahr ... Vorher spiele ich mit den Ängsten, die lustig sind, und auf einmal merke ich, dass ich wirklich Angst habe, weil man mein Leben nachverfolgen kann auf Facebook. Wenn die Bock haben, dieser Verein, dann wartet der halt in dem Dorf, wo ich spiele. Da weißt du dann, es gibt ein Hotel, der wird um halb elf aus haben. Und dann warten wir halt auf den. Das schwang immer so ein bisschen mit."

Simon Pearce

Tatsächlich ist er einmal auch tätlich angegriffen worden, in München, im Zentrum. Haidhausen.

"Ja, das war nur 'Niggerschwein' oder so ein Wortlaut und dann habe ich geschaut, weil ich mich angesprochen gefühlt habe und dann hatte ich schon eine sitzen. Ich bin da einer, der dem Konflikt dann aus dem Weg geht. Der rennt in dem Fall. Bin dann heimgelaufen."

Simon Pearce

Das Spiel mit den Ängsten, auch die AfD wird thematisiert in seinem aktuellen Programm. Wie geht man mit dieser Partei um?

"Es ist halt schwierig, weil ich glaube, man muss aufpassen, dass man diese Menschen, diese Wähler, nicht komplett isoliert. Es sind eben auch nicht alle AfD-Wähler rechts, das ist eben auch falsch. Aber die nehmen es in Kauf, dass in der Führungsetage von dieser Partei definitiv mit rechtspopulistischen Aussagen Politik gemacht wird. Und das muss man denen aber im Dialog irgendwie klar machen. Das Problem heutzutage ist, dass es nur noch gegeneinander geht: Das sind die dummen Veganer, das sind die Fleischesser, das sind die Raucher, das sind die Nichtraucher, das sind die Rechten und die linken Sozialromantiker. Wenn man jemanden beschimpft zur Begrüßung, findet kein Gespräch mehr statt. Wenn ich jetzt sage 'Du Türken-xy' und danach versuche mit dir zu reden, dann sagst du: 'Ich rede doch nicht mit dir! Nachdem du mich beschimpft hast.' Das versuche ich irgendwie auch ein bisschen kurz auf der Bühne klar zu machen. Wir müssen trotzdem aufeinander zugehen, auch wenn jemand eine andere Meinung hat. Und dem auch vielleicht mal zuhören. Und das ist dann auch Aufgabe der Politik, den Leuten die Angst zu nehmen, indem man aufklärt. Früher in den Neunzigern war es immer so: 'Die Türken, die sind gefährlich.' Aber niemand hat diese gefährlichen Türken jemals kennengelernt. Jeder hat dann gesagt: 'Ja, mein Obsthändler, der ist ja nett. Aber die anderen ...' Den Leuten musste man eben auch erklären: Es gibt diese anderen nur in deinem Kopf. Es sind alles die netten türkischen Obstmänner oder Ärzte oder was weiß ich. Und da muss man eben irgendwie hin."

Simon Pearce

Du bist an Silvester am Hauptbahnhof durchgewunken worden, wo du normalerweise immer im Rahmen des Profilings angehalten und kontrolliert wurdest. Stimmt das?

"Das ist eine reine Nummer, weil ich dadurch, weil es plötzlich gegen 'Nafris' geht oder gegen arabisch aussehende Menschen, Street Credibility verloren habe und habe dann als Nummer eben, dass man, wenn ich eben am Kölner Hauptbahnhof, wo sie dann eben nur Nafris aussortiert haben, dass ich jetzt von der Polizei durchgewunken werde."

Simon Pearce

"Du bist aufgestiegen!", lacht Özlem Sarikaya. – Aber für einen Flüchtling wird er schon gehalten hin und wieder? – "Ja, auf jeden Fall." – "Ist das gut oder schlecht?"

"Schön ist es nicht, aber interessant. Manchmal lasse ich das erst ein bisschen wirken und schaue, wie die Leute drauf sind. Ich habe eine Frau in der S-Bahn, auf dem Weg zum Stadion zu den Löwen gesehen, die hat ihre Tasche weggenommen und dann mit ihrem Sitznachbar, der nicht zu ihr gehört hat, geredet: 'Das ist saugefährlich. Die klauen.' Und hat immer über mich gesprochen, weil ich nicht geredet habe. Bis ich mich dann irgendwann auf bayerisch eingeklinkt habe, wo nun das Problem ist. 'Ach so, Sie sind ja einer von uns.' Und hat dann mit mir auch angefangen über die Flüchtlinge zu reden, weil die ja 'in Hotels reinscheißen und das weiß man alles und die klauen', also ganz witzig manchmal, da einfach nur zuzuhören als neutraler Beobachter."

Simon Pearce

"Ich habe gefragt", sagt Özlem Sarikaya, "weil ich auch hin und wieder für eine Geflüchtete gehalten wurde, aber das war dann immer wahnsinnig nett. Die Leute sind dann so ..." – "Ja, die Leute sind dann so nett. Eigentlich. Die meinen das ja nur gut." – "Das war eher beschützend." – "Auch dieses Reden, das Komische, ist ja eigentlich nett gemeint. Es ist falsch und dumm, aber wenn sie sagen 'du brauche Hilfe', dann ist ja eigentlich die Idee dahinter nett."

Lustig sein und die Probleme beim Namen nennen. Das macht er großartig. Und wir sind – frisch "gepearced"– fröhlich und nachdenklich zugleich.

Veranstaltungstipps

Simon Pearce Live: "Allein unter Schwarzen"
27.4. Leerer Beutel, Regensburg
17. und 18.5. Vereinsheim Dorfen, Icking

Simon Pearce Live: "PEA®CE on Earth"
01.06. Lustspielhaus, München

Buchtipp

"So viel Weißbier kannst gar ned trinken"
Knaur Verlag

Autor des Filmbeitrags: Andreas Krieger


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