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Sandro Roy Begnadeter Musiker im Spiel gegen Klischees

Die Carmen-Fantasie, die Zigeunerlieder von Brahms – in den Konzerthallen für klassische Musik taucht das Wort „Zigeuner“ immer wieder auf. Hier steht es für große Gefühle, überbordenden Schwermut, Wildheit. Aber diese Bezeichnung für Sinti und Roma gilt längst als abwertend und diskriminierend.

Von: Andreas Krieger

Stand: 26.03.2019

Nun macht sich der junge Sinto Sandro Roy auf, die großen Konzertsäle zu erobern. Er ist ein Meister des Jazz und ein begnadeter klassischer Geiger. Und ein Kämpfer: Er fordert Respekt - für seine Kunst, für sich und sein Volk.

München. Prinzregententheater. Einer der berühmten Säle der Stadt. Nahezu ausverkauft. Liveübertragung im Radio. Sandro Roy spielt mit dem Münchner Rundfunkorchester - und elektrisiert das Publikum.

"Es ist ein innerer Drang von mir und meinen Musikern zu zeigen, dass Gypsys über Europa hinaus die Musik geprägt haben. Man nehme nur mal Franz Liszt oder Johannes Brahms. Diese bauten Themen von traditioneller Gypsy-Musik in ihre Kompositionen ein und ließen sich inspirieren. Wenn ein klassischer Musiker heutzutage an Gypsys vorbeigeht, sie nicht beachten will, dann sitzt er auf einem sehr hohen Ross."

Sandro Roy

Sein Traum: Das Prinzregententheater! Mit Spitzenorchester! Aus eigener Kraft, mit überbordendem Talent und hoher Musikalität ist er jetzt oben angekommen. Sandro Roy, 25, geboren in Augsburg. Die Roys zählten in Österreich bis in die Dreißigerjahre zu den berühmten Sinti-Musikern. Viele aus der Familie wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Sein Großonkel war Geiger der Wiener Philharmoniker, bis ihm die Nazis die Zulassung entzogen. Noch heute: Ressentiments gegen Sinti-Musiker.

"Es gibt gegenüber Gypsys musikalisch Vorurteile. Kann ich bestätigen. Ich kenne einige hochrangige Musiker, die in den besten Orchestern sitzen. Ich nenne keinen Namen. Aber die verschweigen mit Absicht ihre Herkunft, weil sie denken, beim Probespiel benachteiligt zu werden, wenn sie Mozart spielen, dass jemand sagt: Die spielen mit 'Zigeunerromantik' Mozart. Und in diesem Zusammenhang wollen die nicht genannt werden. Sie wollen einfach Mozart spielen - wie sie es fühlen."

Sandro Roy

Sein Vater war das erste Vorbild für Sandro, brachte ihm Gitarre bei. Das war cool, aber noch nicht die Liebe fürs Leben. Und dann kam die Geige.

"Die erste habe ich von meinem Opa bekommen. Die war aber viel zu groß. Dann ging es weiter mit einer Geige von meinem Vater. Die lag herum und war schon völlig kaputt. Aber eine Saite und zwei Bogenhaare waren noch dran. Ich habe gemerkt, das ist ein Instrument, das ich lernen will. Den finalen Schuss gab mir dann die Bekanntschaft mit einem älteren Herrn aus unserem Volk, der mir auf der Wohnwagenreise in unmittelbarer Nähe des Lagerfeuers, das wir traditionell hatten, eine Geige gegeben hat. Ich war ab diesem Moment nicht mehr wegzubekommen von der Geige und Papa musste mir einen Geigenlehrer suchen."

Sandro Roy

Sandro hört als Kind Platten von Django Reinhadt und Stéphane Grappelli. Und spielt alles auf der Geige nach. Mit 13 ist er Bundespreisträger bei "Jugend Musiziert". Mit 15 lernt er beim Lehrer von Nigel Kennedy. Er spielt virtuos. Gern auch rustikal. Er beherrscht ein breites Repertoire. Und wenn ihm mal was fehlt, dann schreibt er es sich selbst, denn Komponist ist er auch. Sein Spiel ist mühelos. Auf dem Weg zum Erfolg aber macht er immer wieder schmerzhafte Erfahrungen.

"Es gab ein prägendes Erlebnis. Als Kind bin ich mit meinem Geigenlehrer zu einer Musikwoche gefahren. Das war gemischt mit deutschen Kindern und auch Kindern aus Siebenbürgen. Da hörte ich als Neunjähriger zufällig im Treppenhaus, wie eine Dame besorgt meinen Lehrer fragte: 'Aber die klauen nicht, oder?' Wenn man so etwas als Neunjähriger mitbekommt, dann denkt man sich: 'Was habe ich denen getan, warum sagen die so etwas? Warum denken die so was von mir?'"

Sandro Roy

Kurz vor dem Auftritt im Prinzregententheater. Spannung. Er ist schon als Solist mit der NDR-Bigband und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen aufgetreten. Hat für den Bundespräsidenten gespielt. Trotzdem: Aufregung. Es ist sein wichtigster Auftritt bislang in München und dazu noch die Liveübertragung im Radio. "Jetzt läuft die Konzentrationsphase auf Hochtouren und ich bin schon wirklich gespannt, wie es gleich wird und ob das Publikum mitgeht."

"Gypsy goes Classic" heißt das Konzert. Es ist auch ein Schritt gesellschaftlicher Emanzipation. Sandros Botschaft: Wir Sinti sind keine Minderheit am Rand, wir sind mittendrin, gehören dazu und wenn wir gut sind, dann stehen wir auf der Bühne des schönsten Konzertsaals der Stadt und spielen. Ohne Klischees, mit großer Selbstverständlichkeit.

Sandro macht Musik, seit er denken kann. Vieles ist besser geworden, sagt er, die jungen Leute mögen "Gypsy Jazz", Vorurteile hört er auch immer seltener. Aber hundertprozentige Anerkennung ist noch nicht erreicht. Es gibt zu viele Vorurteile. Daran sind auch die Medien nicht ganz unschuldig.

"Was mich persönlich stört, ist die Berichterstattung über Sinti und Roma, die oft sehr falsch stattfindet. Dass wir Kinder entführen, ist eine Lüge. Die Sinti behandeln Kinder sehr gut. Wenn man früher sagte, Zigeuner klauen die Wäsche von den Wäscheständern, dann ist das auch eine Lüge. Ich kenne Sinti, die sind mit den besten Kleidern ausgestattet. Und die würden gar nichts anderes anziehen. Aber es findet immer noch falsche Berichterstattung statt und ich würde mir wünschen, dass man auch den seriösen Teil zeigt, weil der weitaus größer ist als der negative. Auch andere Bevölkerungsgruppen haben negative Beispiele und die zeigt man auch nicht dauernd. Aber bei uns, weil wir eine Minderheit sind, da wird immer der Dreckige gezeigt und der Schlechte. Und das darf nicht so weitergehen."

Sandro Roy

Zwischen den klassischen Kompositionen spielt Sandro Roy an diesem Abend auch immer wieder Jazz. Das Wort "Zigeuner" ist in der Musik positiv besetzt, steht seit Liszt und Brahms für virtuose, vielschichtige Stücke und trotzdem bleibt es ein belastetes Wort. Sandro Roy ist angetreten, um das sein zu dürfen, was er längst ist: ein Musiker, hochtalentiert, in der Mitte der Gesellschaft.


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