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Sandra Richter Deutschsprachige Literatur

Deutschland - Land der Dichter und Denker, ein Goethe-Denkmal in fast jeder Großstadt. Aber wie deutsch ist eigentlich deutschsprachige Literatur? Damit hat sich Prof. Sandra Richter auseinandergesetzt. Sie ist Literaturwissenschaftlerin und designierte Direktorin des Marbacher Literaturarchivs, das als eine der bedeutendsten Literaturinstitutionen weltweit gilt.

Stand: 27.03.2018

Ihr 700-Seiten starkes Werk heißt: "Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur" und es zeigt, wie deutschsprachige Literatur schon immer im Wechselspiel mit anderen Kulturen entstanden ist.

"Diese interkulturelle Erfahrung war immer wichtig für die Literatur und immer anregend. Das Schreiben auch in anderer Sprache, das Lesen in anderer Sprache, die dann tatsächlich die eigene Sprache veränderte."

Prof. Sandra Richter, Politik- und Literaturwissenschaftlerin

Zuwanderung inspiriert deutsche Literatur: Angefangen bei Minnesängern über Hugenotten, Gastarbeiter bis zu Literaturpreisträgern, wie etwa der aus Rumänien stammenden Herta Müller. Nach dem Fall der Mauer beschleunigt sich der internationale Austausch. Zum Kultroman ist etwa das Buch "Kanak Sprak" von Feridun Zaimoglu geworden, es führte zu einer Bewegung, zu Selbstbewusstsein und stieß Veränderungen an.

"Zum Beispiel, dass man nicht mehr einfach sagt 'Migrantenliteratur' und das für selbstverständlich hält, sondern stärker fragt, sind das noch Migranten? Die sind doch eigentlich längst angekommen. Warum sind sie nicht so angekommen, dass sie einfach deutschsprachige Literatur schreiben? Ist es die eigene Lebensgeschichte, die so stark ist? Sind es die Lebensbedingungen? Warum verstehen sie sich noch als anders und zugleich als Teil dessen, was hier passiert?"

Prof. Sandra Richter

Dass sie tatsächlich längst angekommen sind, erlebt Professor Sandra Richter bei ihren Literatur-Vorlesungen an der Universität Stuttgart. Unter den Studenten sind auch viele aus türkischen Familien.

"Die sprechen sehr gut Deutsch, haben aber oft noch sehr viel mehr Biss als ihre deutschsprachigen Kommilitonen, die wollen noch wo hin. Vielleicht ist ihr Leben noch nicht so etabliert, sondern man hat noch nicht so viel Geld, man hat vielleicht nicht das, womit das Schwabenkind üblicherweise groß wird."

Prof. Sandra Richter, Politik- und Literaturwissenschaftlerin

Aktuell großen Themen sind auch in der Literatur: Flucht, Exil, Grenzverschiebungen, Identität. In aufgeheizten Zeiten, in denen Politiker Aussagen treffen wie "der Islam gehört nicht zu Deutschland", gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren.

"Die Aufgabe von Literatur ist nach meinen Begriffen, immer solche Scharfmacherei als solche zu entlarven und sich zu fragen, was ist das denn für ein Islam? Und da liegt vielleicht das Problem, dass man häufig den Eindruck hat, es gibt in den Medien immer diesen eher radikalen Islam, aber zugleich gibt es doch auch sehr vernünftige Stimmen und das Gros der Angehörigen des Islam sind vermutlich eben keine Radikalen, sondern Bürger, die ihrer Arbeit nachgehen wollen. Literarisch gesehen gehört der Islam lange schon zu Deutschland."

Prof. Sandra Richter

Ab kommendem Jahr wird Sandra Richter Direktorin des renommierten Deutschen Literaturarchivs Marbach, hier werden wichtige Werke deutscher Literatur aufbewahrt. Sie hat sich vorgenommen, der kulturell vielfältigen Autorenszene mehr gerecht zu werden. Sie selbst liest Autoren mit Migrationsgeschichte seit langem.

"Also der erste Autor mit Zuwanderungsgeschichte, den ich gelesen habe, war Voltaire, der in Frankreich nicht unbedingt wohl gelitten war und dann nach England ging, in die Niederlande und ins alte Reich, und beim Preußenkönig dereinst fabulierte. Und unter den jüngeren sind es zahlreiche Autoren, sei es Ilija Trojanow oder Sharon Dodua Otoo oder auch Zaimoglu oder viele andere mehr, die ich sehr schätze und sehr gerne lese. Aufgrund ihrer vielleicht tatsächlich noch etwas anderen Wahrnehmung."

Prof. Sandra Richter, designierte Direktorin 'Deutsches Literaturarchiv Marbach'

Wenn selbst die deutsche Literaturszene so international durchmischt ist, was ist dann die Definition von "deutscher Leitkultur"?

"Die war immer schon schwierig, es fängt bei der deutschen Sprache an, die zunächst alles andere als homogen war. Es geht bei der Religion im Grunde weiter, wir haben ein Land, das ist in Katholizismus und Protestantismus gespalten und letzteren gibt es noch in verschiedenen Varianten, in lutherischer und calvinistischer Tradition. Es ist nicht leicht, einem Land eine Leitkultur zu geben, das so viele regionale Sonderkulturen hat. Ich denke eine Verständigung auf Werte, die man teilen möchte, das ist sicherlich eine ganz, ganz wichtige Voraussetzung fürs Zusammenleben."

Prof. Sandra Richter

Prof. Sandra Richter lebt den internationalen Gedanken. Sie reist häufig ins Ausland, hatte eine Professur in London, unterrichtet auch in China. Ihre Kinder gehen auf eine internationale Schule. Weltweite Themen prägen ihrer Meinung nach auch die deutsche Literatur.

"Ich glaube, Autoren sind sich sehr klar darüber, vielleicht noch stärker als andere Menschen, dass man sich nicht einfach abschotten kann, die Grenzen zumachen und die Welt bleibt draußen. Die globalen Probleme, die globalen Themen kommen nach Deutschland und sind nicht einfach an einer Grenze wieder zurückzuweisen."

Prof. Sandra Richter, Literaturprofessorin

Jede Herausforderung birgt auch Chancen. Die Literatur jedenfalls hat immer von Einflüssen aus aller Welt profitiert.

Autorin des Filmbeitrags: Katharina Wysocka


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