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Rent a Jew "Kennen sie einen Juden? Mieten Sie einen!"

Obwohl in Deutschland rund 200.000 Juden leben, wissen nur wenige Menschen etwas über ihre jüdischen Nachbarn. Das Projekt "Rent a Jew" will das ändern, schafft persönliche Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Juden und Nichtjuden und verspricht augenzwinkernd: "Deinen Ersten vergisst Du nie!"

Stand: 23.04.2018

"Kennen sie einen Juden? Nein? Mieten Sie einen!", oder: "Deinen Ersten vergisst Du nie!"

Mit humorvollen und provokanten Slogans macht das Projekt "Rent a Jew" auf sich aufmerksam. Dass der Name "Rent a Jew" - "Miete einen Juden" gewagt ist und kontrovers diskutiert werden kann, sei durchaus so beabsichtigt, sagt Sarah Krasnov, Referentin von "Rent a Jew". Denn gerade dieser Projekttitel erleichtere häufig den Einstieg in ein Gespräch.

"Viele fragen dann: 'Darf man das überhaupt sagen?', oder: 'Darf und kann man Juden mieten?' Dadurch kommt die Diskussion in Gang und so bleiben wir den Leuten auch im Gedächtnis."

Sarah Krasnov, Referentin von 'Rent a Jew'

Was wissen wir eigentlich über unsere jüdischen Nachbarn? Zu wenig!

Rund 200.000 Juden leben in Deutschland, doch nur wenige Menschen wissen etwas über ihre jüdischen Mitmenschen oder deren Glaube oder kennen persönlich einen Juden. Das Bild von Juden sei oft einseitig und von Vorurteilen und Klischees geprägt, sagt Sarah Krasnov, oder würde vor allem mit dem Holocaust, Nazis oder Israel in Verbindung gebracht. Wie unterschiedlich und vielfältig die Lebenswelt von Juden in Deutschland ist, sei kaum bekannt.

"Unsere Erfahrung war, dass Menschen, wenn sie uns getroffen haben, als Einzelperson gesagt haben: 'Boah jüdisch? Hätte ich jetzt gar nicht gedacht, Du siehst gar nicht so aus.' Und da fragt man sich: Wie sieht denn ein Jude aus? Wir sind modern, wir sind jung, wir haben Familie, wir leben in Deutschland, wir sind Deutsche und wir möchten das rüberbringen."

Sarah Krasnov, Referentin von 'Rent a Jew'

Höchste Zeit, den Menschen die Vielfalt des Judentums näher zu bringen und Begegnungen von Juden und Nichtjuden auf Augenhöhe zu ermöglichen, fanden die Initiatoren von "Rent a Jew".

Über die Webseite rentajew.org können Schulen, Unis oder Vereine eine Anfrage senden und einen Juden oder eine Jüdin für mehrere Stunden zu sich einladen, also sozusagen kostenlos "mieten". Unterstützt wird das Projekt von der Europäischen Janusz Korczak Akademie in München, die Referenten, wie Sarah Krasnov, arbeiten alle ehrenamtlich für das Projekt.

Mit Juden, statt über Juden reden

Ein Mittwochmorgen mitten im März. Sarah Krasnov ist auf dem Weg zur Johannes-de-la-Salle-Berufsschule in Aschaffenburg. Sie hat eine Einladung als Referentin bekommen und hat sich extra den Tag freigenommen, um den Schülern Einblicke in ihre Lebenswelt zu geben und um mit ihnen über Themen rund um das Judentum zu sprechen. Von den Schülern wird sie mit Spannung und Neugier erwartet.

"Ich habe noch keinen Juden getroffen, der gesagt hat, ich bin Jude. Das ist mir noch nie begegnet."

Berufsschüler

"Also ich habe oftmals sehr viele schlimme Sachen über Juden gehört."

Berufsschüler

"Es interessiert einen natürlich, was ist das für ein Mensch. Weil für mich war so das typische Bild: der Jude mit den Locken, dem Mützchen auf und extrem orthodox."

Berufsschüler

Vorurteile abbauen, Gemeinsamkeiten entdecken

Mit viel Humor widerlegt Sarah stereotype Bilder und Vorurteile, erklärt anhand von Marshmallows und Gummibärchen was "kosher", also "rein" und damit "erlaubt" ist, und gibt ganz persönliche Einblicke in ihren Alltag.

Fragen zum Leben als deutsche Jüdin in Bayern beantwortet sie im Gespräch mit den Schülern genauso entspannt wie Fragen zu Traditionen, ihrem Glauben oder religiösen Regeln und Gebräuchen. So erklärt sie, dass im orthodoxen Judentum nur Männer zum Beten eine Kippa tragen, im liberalen Judentum auch Frauen eine Kippa tragen können. Oder auch, dass orthodoxe verheiratete Frauen ein Kopftuch oder eine Kopfbedeckung tragen. Für manche Schüler sind das völlig neue, überraschende Erkenntnisse.

"Es hört sich irgendwie fast gleich an, wie meine Religion, das Beten oder Fasten. Auch das mit der Kopfbedeckung habe ich nicht gewusst und es hat mich auch sehr gewundert, dass die Männer beim Beten auch diesen Schutz oder diese Haube tragen."

Kübra Hasdemir, Berufsschülerin Aschaffenburg

Bei "Rent a Jew" sind alle Fragen erlaubt - auch zu brisanten Themen

In Schulungen werden die Referenten von "Rent a Jew" auf schwierige Themen vorbereitet und so findet Sarah Krasnov auch klare Antworten auf brisante Fragen wie etwa zum Holocaust oder zu Antisemitismus in Deutschland.

Sachlich spricht sie über antisemitische Straftaten, über Grabschändungen, alltägliche Hassbotschaften im Netz und darüber, dass Antisemitismus aus allen Teilen der Gesellschaft komme: von links, von rechts, aus der Mitte, von Christen, Atheisten oder Muslimen.

Antisemitismus sei heutzutage in ganz Europa und leider auch in Deutschland ein ernstzunehmendes Problem, dem man mit Chuzpe etwas entgegensetzen müsse, so die Referentin.

"Ich bin gerne Deutsche, also das ist auch mein Land hier und das lasse ich mir auch von ein paar durchgeknallten Rechten nicht nehmen."

Sarah Krasnov, Referentin von 'Rent a Jew'

Antisemitismus ist ein ernstzunehmendes Problem in Deutschland

2017 wurden in Deutschland 1.453 antisemitische Straftaten verübt. Laut bayerischem Landeskriminalamt wurde 148 davon in Bayern registriert. Wiederum 98 Prozent davon waren rechtsextremistisch motiviert. Darunter: Volksverhetzung, Sachbeschädigung und Propagandadelikte.

Auch, dass heute, mehr als 70 Jahre nach dem Holocaust, jüdische Synagogen immer noch Polizeischutz benötigen, thematisiert Sarah Krasnov im Gespräch mit den Schülern. Ungeschönt, mutig und mit tiefschwarzem Humor, bei dem einem das Lachen fast schon im Halse stecken bleibt.

"Es ist tatsächlich so: Wenn ich nicht weiß, wo eine Synagoge ist in einer Straße, klar kann ich Google fragen, aber du kannst auch einfach nach einem Polizeiauto Ausschau halten, dann findest Du sie auch. Das hat auch praktische Seiten: Im jüdischen Altersheim, die haben auch kein Problem mit Dementen, weil die kommen einfach nicht raus ..."

Sarah Krasnov, Referentin von 'Rent a Jew'

Für mehr Toleranz und Respekt innerhalb einer freiheitlichen Gesellschaft

Ein Antisemitismus-Projekt, das soll "Rent a Jew" ganz bewusst nicht sein. Zwar sind alle Fragen erlaubt, auch zu Antisemitismus. Es soll vor allem aber um die Menschen selbst gehen, um persönliche Begegnungen, den Abbau von Vorurteilen und darum, mit Juden, statt über sie zu sprechen.

Sarah Krasnov ist das in der Berufsschule in Aschaffenburg gelungen. Am Ende des Projekttages sind die Schüler um einiges an Wissen und Erfahrungen reicher und Sarah Krasnov ist zufrieden. Ein Wunsch aber bleibt noch.

"Dass wir in einer Gesellschaft leben, wo alle friedlich miteinander leben. Wo es egal ist, welchen Glauben ich habe, wo ich respektvoll miteinander umgehe, wo es ok ist, wenn ich sage, es ist Ramadan, es ist Jom Kippur ... dass wir das alle miteinander respektieren. Es bräuchte sozusagen kein Kamerateam, weil es normal ist, dass Juden in Deutschland leben, dass es jüdische Deutsche gibt."

Sarah Krasnov, Referentin von 'Rent a Jew'

"Rent a Jew" ist ein wichtiges Projekt für mehr Offenheit, Toleranz und Respekt innerhalb einer freien Gesellschaft, das hoffentlich irgendwann nicht mehr notwendig sein wird.

Weiterführende Informationen

Mehr Infos zum Projekt "Rent a Jew" gibt es unter www.rentajew.org.

Autorin des Filmbeitrags: Micha Paul


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