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Rassismus an Schulen Thematisieren statt schweigen

Beschimpfungen, Ausgrenzung, Übergriffe aufgrund von Hautfarbe oder Religion - Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem, das auch vor Schultoren nicht Halt macht. Doch nur selten wird über Rassismus an Schulen offen gesprochen. Dabei gibt es gute Konzepte, wie Schulen, Lehrkräfte und Schüler gegen Rassismus im Klassenzimmer vorgehen können.

Von: Michaela Paul

Stand: 24.07.2018

Eine vielfältige, multikulturelle Gesellschaft ist in Deutschlands Schulen längst Realität, jeder dritte Schüler hat heute einen sogenannten Migrationshintergrund. Ein friedliches und respektvolles Miteinander ohne Vorurteile und Rassismus ist aber keineswegs selbstverständlich, sondern, gerade in Zeiten von Zuwanderung, für Lehrkräfte und Schüler eine Herausforderung.

"Kopftuch war ein Thema, was nicht bekannt war bei vielen, aber auch Schwarze. Dass da plötzlich eben 15, 20 schwarze Kinder waren, das war für einige ungewohnt."

Petra Riedel-Perizonius, Rektorin der Icho-Mittelschule in München

Rassismus macht auch vor Schultoren nicht Halt

Petra Riedel-Perizonius ist Rektorin der Icho-Mittelschule in München-Giesing, einer Schule mit hohem Migrationsanteil und Integrationsklassen für geflüchtete Jugendliche. Seit drei Jahren ist die Schule Teil des Projekts "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" mit dem Ziel: die Schüler in regelmäßigen Workshops und gemeinsamen Treffen zu sensibilisieren und sie zu stärken, damit sie Rassismus aktiv entgegentreten können.

Rassismus sei ein gesellschaftliches Problem, das auch seinen Weg in die Klassenzimmer und Pausenhöfe finde, sagt Petra Riedel-Perizonius. Die Augen davor zu verschließen, hält sie für fatal und gefährlich.

"Man kann nicht sagen, 'jetzt ist Schluss'. Das kommt immer wieder hoch. Wichtig ist, sich dem entgegenzustellen, das zu benennen und dass die Schüler offen sind und das transparent machen."

Petra Riedel-Perizonius

"Rassismus beschädigt die Integrität aller Beteiligten"

Doch die Hemmschwelle, Rassismus auch als solchen zu benennen, ist hoch. Viele Kinder schweigen aus Angst oder Scham.

Karim Fereidooni, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum, forscht und lehrt zum Thema Rassismus an Schulen und warnt vor den fatalen Folgen von erlebtem Rassismus.

"Sie können sich vorstellen, was im Laufe der Sozialisation mit Kindern passiert, die tagtäglich solche Botschaften bekommen: 'Du bist Terrorist, du bist Macho.' Da kommt es zu einer Internalisierung auf der einen Seite, auf der anderen Seite, bei Schülern, die das äußern, mit denen passiert natürlich auch was, weil sie andere Menschen als minderwertige Wesen konstruieren."

Karim Fereidooni, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaftlichen Bildung, Ruhr-Universität Bochum

Zum Rassisten wird man nicht geboren, sondern qua Sozialisation gemacht

Erlebter Rassismus habe Auswirkungen auf alle Beteiligten. Die Integrität aller Menschen, Täter und Opfer, werde beschädigt, sagt Professor Fereidooni.

Deswegen sei es notwendig, das Selbstbewusstsein von Kindern so früh wie möglich zu stärken und ihnen Strategien aufzuzeigen, wie sie mit Rassismus umgehen können. Je eher, desto besser. Als Rassist werde zwar kein Mensch geboren, doch rassistische Vorurteile bildeten sich schon im frühen Kindesalter.

"Selbst Kindergartenkinder wissen schon mit drei Jahren, wer welche Macht in unserer Gesellschaft hat und wie die Personen aussehen, die die Macht haben."

Karim Fereidooni

Es ist ein Konstruktionsprozess, der Menschen in "höher-" und "minderwertig" einteilt und der durchbrochen werden muss. Gerade hier seien Lehrkräfte besonders gefragt, damit dieses "Schubladendenken" sich nicht zu Rassismus entwickle, sagt Professor Fereidooni. An der Ruhr-Universität Bochum bietet er Lehramtsstudenten eine Art Rassismus-Training an, in dem sie sich mit der eigenen Sozialisation, aber auch mit der Geschichte des Rassismus auseinandersetzen.

Rassismus als selbstverständliche Professionskompetenz

Bei der Anti-Rassismus-Arbeit an Schulen werde der Fokus oftmals ausschließlich auf die Schüler gerichtet, die Lehrkräfte oftmals nicht beachtet. Ein schwerwiegender Fehler, denn im Raum Schule sollten alle Personen sich mit Rassismus auseinandersetzten, nicht nur Schüler, sagt Professor Fereidooni.

Um rassistischen Tendenzen entgegenzuwirken, sollten sich Lehrkräfte zwei Fragen stellen:

"Erstens: Was passiert in meinem Unterricht Rassismusrelevantes? Um das sehen zu können, muss man sich mit der eigenen Sozialisation, aber auch mit der Geschichte des Rassismus auseinandersetzen. Und die zweite Frage ist: Inwiefern befördern meine Unterrichtsmaterialien rassismusrelevante Wissensbestände?"

Karim Fereidooni

Rassismus als ganz normale Professionskompetenz von Lehrern, Professor Fereidooni hält diese Reform im Kampf gegen Rassismus für zwingend notwendig. Außerdem appelliert er an die Schulen, offen und transparent mit dem Problem umzugehen, statt Rassismus zu verschweigen oder als Relikt der Vergangenheit zu betrachten.
Selbst, wenn das für die Schulen viel Arbeit bedeutet.

"Ja, es bedeutet viel Arbeit und es bedeutet auch ein konsequentes Handeln und es ist anstrengend. Ich kann mir vorstellen, manche weichen da auch aus, aber ich denke, es lohnt sich und nur so kann man wirklich ein gutes Miteinander haben."

Petra Riedel-Perizonius, Rektorin der Icho-Mittelschule in München

Ein lohnenswertes Engagement, das für eine offene Gesellschaft der Zukunft unerlässlich ist.


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