BR Fernsehen - puzzle


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PUZZLE meets PULS Was ist das: Heimat?

Sommerfrische. Zwei Tage weit weg von der Welt. Das PULS Open Air auf Schloss Kaltenberg. Schöne Insel. Özlem Sarikaya ist dort unterwegs und trifft Künstler, talentiert, cool, durch und durch politisch, mit einer klaren Haltung. Und spricht mit ihnen über: Deutschland.

Von: Andreas Krieger

Stand: 25.06.2018

Noga Erez aus Tel Aviv macht Dance-Pop mit Punch. Gegenwärtig. Mit sehr politischen Texten über Waffen und Missbrauch. Sie tourt gerade durch Europa. Wo fühlt sie sich zu Hause?

"Ich weiß es nicht. Dieses Besondere von Heimat, sich einem Platz zugehörig zu fühlen, das ist nichts, nach dem ich jemals gesucht hätte. Ich habe eher diese Vorstellung von einer globalen Welt. Ein Gefühl von Einheit. Dass es keine Grenzen zwischen uns gibt. So fühle ich mich, wenn ich über die Erde gehe. Überall kann zu Hause sein."

Noga Erez

Max Gruber alias Drangsal. Ein alter Begriff für: Bedrückung. Er holt Worte aus der Versenkung. Sein neues Album heißt: "Zores": Wirrwarr. Auch schön oldschool. Wenn er durchs Land zieht, was bedeutet dann für ihn das Wort "Heimat"?

"Ich finde Heimat ist ein sehr schwieriger Begriff, weil Heimattümelei direkt so etwas Patriotisches, etwas Nationalistisches hat. Und das wohnt mir tatsächlich überhaupt nicht inne. Wenn ich an Heimat denke, dann denke ich an Herxheim, ich denke an die Pfalz. Ich denke aber weniger an so ein Gefühl von Heimat, so wie: da ist noch alles gut, das ist mein deutsches Dörfchen. Sondern ich denke an meine Mama, an meinen Papa, meine Schwester und meine Katze."

Max Gruber

Die Masse. Das Individuum. Abtauchen. Schillern.

Dillon. Eine Reise in die Nacht. Dillon wurde in Brasilien geboren. Seit ihrem sechsten Lebensjahr lebt sie in Deutschland. Was ist für sie die deutsche Identität?

"Ich war mit jemandem jahrelang zusammen und ich habe die Person angeguckt und gemeint: 'Ich bin ja eigentlich deutsch.' Und dann hat die Person mich angeguckt und gemeint: 'Du bist überhaupt nicht deutsch.' Und ich habe überlegt, warum. Weil ich keinen deutschen Pass habe? Aber ich bin doch das neue Deutschland. Das neue Deutschland ist seit 24 Jahren in Deutschland, spricht perfektes Hochdeutsch, hat aber keinen deutschen Pass. Und darf nicht wählen. Auch das ist Deutschland. Die Nazis nebenan sind aber auch Deutschland."

Dillon

Gast in Deutschland

"Was heißt als Gast? Ich fühle mich auf jeden Fall nicht deutsch. Weil jedesmal, wenn ich denke, ich bin deutsch, heißt es für mich einfach nur: auf eine positive Art unsichtbar. Dass man mich nicht anspricht auf: 'Ah, du redest ja Deutsch.' Jedes Mal, wenn man mich Sachen fragt, die man den weißblonden Mann neben mir nicht fragen würde, und ich merke, es geht nicht um mein Geschlecht, frage ich mich: Geht es um meine Identität? Geht es um meine Herkunft? Geht es darum, dass ich nicht deutsch aussehe? Und dann fühle ich mich nicht deutsch."

Dillon

Nicht auffallen, nicht als "die Andere" wahrgenommen zu werden, als Teil einer friedvollen Gesellschaft. Das wäre schön.

Good old Germany

Zugezogen Maskulin. Mit hyperventilierender Komik seziert das Duo, bestehend aus  Grim 104 und Testo, den Zustand der Gesellschaft. Ihr Sprachwitz ist böse und federleicht. Das gute alte Deutschland: war einmal.

"Es gibt so viele Möglichkeiten, dieses 'Alle gegen alle' aufzukündigen. Muss doch nicht sein, ist doch Quatsch, es gibt doch was Besseres."

Grim104

Sein Rap-Partner Testo emfiehlt Mäßigung.

"Wenn man darunter leidet und es durchschaut, dann sollte man nicht auch noch einen Weg gehen, auf dem man es übertreibt. Okay, es herrscht gerade 'Alle gegen alle' und jeder ist gegen jeden. Aber es wäre doch falsch, wenn ich dann der Krasseste von allen werde und mich Leuten anschließe, die das verkörpern und alle meine Feinde klein machen. Sondern man sollte sich sagen: 'Das ist eine Sackgasse, das führt jetzt irgendwie nur zu Schrott und das fühlt sich auch nicht gut an.' Und vielleicht ist dann doch Liebe der bessere Weg."

Testo

"Was sagt ihr zu 'Kollegah trägt Versace', schreibt's uns in die Kommentare / Dafür ging'n meine Großeltern '89 auf die Straße / Promenade, weißer Truck, drück' aufs Gas / Flüchtlingsheim, Molly rein - just a prank! War nur Spaß! / Was für eine Zeit! Was für eine Zeit! / Was für eine Zeit, um am Leben zu sein!"

aus 'Was für eine Zeit' von Zugezogen Maskulin

Was für eine Zeit, um am Leben zu sein. Noch können wir uns entscheiden, welches Deutschland wir sein möchten.


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