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Laura Cwiertnias Debüt "Auf der Straße heißen wir anders"

in Laura Cwiertnias Familie herrschte Schweigen über die armenischen Wurzeln des Vaters. Ihr Vater ist Armenier, in Istanbul aufgewachsen und kam als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland. Darüber hat sie ein Buch geschrieben.

Von: Katharina Wysocka

Stand: 31.05.2022

Lange hat für Laura Cwiertnia Herkunft keine große Rolle gespielt. Sie bereist Südamerika, hat Erfolg als Journalistin, wird stellvertretende Ressortleiterin bei der "Zeit". Doch immer ist da eine Geschichte in ihr, die erzählt werden will. Ihr Vater ist Armenier, in Istanbul aufgewachsen und kam als Jugendlicher nach Deutschland.

Für einen Artikel, den sie über ihren Vater schreiben will, überzeugt sie ihn, eine gemeinsame Reise nach Armenien zu unternehmen. In ein Land, das beide nicht kennen. Ihr Vater ist in Istanbul geboren und als Jugendlicher nach Deutschland gekommen. Dennoch ist da die Hoffnung, in Armenien ein Stück Heimat zu finden.

"Ich glaube, er hat schon erwartet, in ein Land zu kommen, in dem er wirklich dazugehört. Weil er ja als Armenier in der Türkei nie so richtig dazugehört hat, es ist ja bis heute so, dass es für Armenier dort schwierig ist. Als mein Vater in die armenische Hauptstadt Jerewan gekommen ist, hat er gedacht, jetzt findet er vielleicht auch seine Kindheitsgerüche wieder, oder Dinge, die er einfach kennt."

Laura Cwiertnia

Eine erträumte Heimat in der Fremde. Vater und Tochter kommen sich bei der Reise näher, sie wird Inspiration für Laura Cwiertnias Buch. In ihrer Familie wurde selten über ihre Herkunft gesprochen. Zu schwer und belastend ist das, was geschehen ist. Ein Großteil der Armenier im Osmanischen Reich wurden ermordet und vertrieben, Schätzungen gehen von bis zu 1,5 Millionen Opfern aus. Bis heute weigert sich die Türkei, von Völkermord zu sprechen. Dass in vielen armenischen Familien das Schweigen darüber bis heute besteht, hat für Laura Cwiertnia viel damit zu tun, dass der Genozid geleugnet wurde.

"Wenn die Opfer erzählt haben, konnten sie nie einfach erzählen, sondern mussten mit dem, was sie gesagt haben, immer beweisen, dass der Genozid geschehen ist. Oder sie hatten immer auch das Gefühl, vielleicht glaubt man mir jetzt nicht. Und das führt natürlich dazu, dass diese Trauma nie enden können, weil es nie aufgearbeitet und ausgesprochen wird oder nur zum Teil und in kleinerem Rahmen und nicht in einem großen, offiziellen Kontext."

Laura Cwiertnia

Was nicht ausgesprochen wird, kann nicht verarbeitet werden. Und so spüren noch heute auch junge Armenier eine Schwere und Traurigkeit in der Familie, haben Alpträume, die sie sich nicht erklären können, oder Ängste. Ein Trauma über Generationen hinweg, das auch Laura Cwiertnia erlebt.

"Es fällt mir sehr, sehr schwer, zum Beispiel Romane über den Genozid an den Armeniern zu lesen oder mir diese Bilder anzusehen. Ich glaube, das ist schon etwas, was mit dem transgenerationalen Trauma zu tun hat, das in meiner Familie auch herrscht. Dass das Thema bei uns nie besprochen wurde, nicht angefasst wurde. Deswegen schrecke ich zurück, obwohl es mich so sehr interessiert und obwohl ich ein ganzes Buch darüber geschrieben habe und natürlich mich dann auch gezwungen habe, das zu lesen und zu recherchieren."

Laura Cwiertnia

Bei der gemeinsamen Reise nach Armenien öffnet sich der Vater langsam, spricht über Kindheitserfahrungen und seine armenische Familie. Auch wenn in Armenien manches nicht so ist, wie erwartet.

"Mein Vater hatte zum Beispiel eine immer wiederkehrende Irritation, dass man in Armenien mit Koriander kocht. Mein Vater mag keinen Koriander, und in der armenisch-türkischen Küche gibt ist auch keinen Koriander. Es hat ihn teilweise wirklich erschüttert, dass die dort mit Koriander kochen, weil er gedacht hat, das passiert doch dort nicht. Auch die Sprache ist anders, das West-Armenische, was mein Vater gelernt hat, ist anders als das Ost-Armenische, was in Armenien gesprochen wird. Das hat ihn auch irritiert. Manches hat ihn enttäuscht. Gleichzeitig gab es Momente, wo er mir plötzlich ganz viel erklärt hat, von diesem Land total eingenommen war. Das ist schon ambivalent natürlich."

Laura Cwiertnia

Kann ein Land Heimat sein, nur weil man dort Wurzeln hat? Eine eindeutige Antwort hat Laura Cwiertnia darauf nicht. Sie und ihr Vater haben in Armenien keine neue Heimat gefunden, aber etwas Anderes.

"Wir haben einen Ort gefunden, an dem wir Fragen stellen können. Einen Ort, wo es Puzzleteile meiner und der Identität meines Vaters gibt. Es ist ein Ort, wo ich schon an manchen Stellen das Gefühl habe, da sehe ich meine Familie, oder da sehe ich auch kleine Teile von mir. Aber natürlich ist das Land auch ganz fremd."

Laura Cwiertnia

Ihr Vater habe keine richtige Heimat, aber er fühlt sich in Deutschland wohl und zugehörig, sagt Laura Cwiertnia. Und sie selbst sieht keinen Widerspruch zwischen deutsch und zusätzlich noch anderer Herkunft sein.

"Ich komme aus Bremen und ich fühle mich deutsch. Aber natürlich bin ich damit groß geworden, dass in meiner Familie türkische Worte gesprochen wurden, auch mal ein armenisches Wort. Dass wir Börek essen, Linsensuppe, die man sonst vielleicht in der Türkei so kocht. Das mischt sich dann einfach, aber für mich ist das auch nichts Getrenntes. Also für mich ist die deutsche Identität nicht so anders, so fremd zu der armenischen Identität, weil ich alles einfach auch als deutsch empfinde, meine armenische Familie lebt ja auch in Deutschland."

Laura Cwiertnia

Zugehörigkeiten zu verschiedenen Kulturen spüren, Herkunft als Puzzle aus verschiedensten Teilen – für Laura Cwiertnia eine Bereicherung.

Buch

Laura Cwiertnia
"Auf der Straße heißen wir anders"
Verlag Klett-Cotta


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