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Brechtfestival Augsburg "Worldwide Brecht"

Er ist aktueller denn je: Bertolt Brecht. Mit Beiträgen aus allen Genres kommen beim diesjährigen Brechtfestival in Augsburg Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt zusammen.

Von: Agnieszka Schneider

Stand: 25.01.2022

Mit dabei ist auch der Poetry-Slammer Aidin Halimi. In seinem Programm greift der Poet die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen auf, die auch für Brecht seiner Zeit wichtig waren.

Live und digital, unter dem Motto "Worldwide Brecht" präsentiert das zehntägige Festival in Augsburg Künstler aus elf Ländern in Europa, Afrika, Asien und Nordamerika. Auf diese Weise würdigt die Stadt Augsburg ihren berühmten, rebellischen Sohn. Mit Musik, Schauspiel, bildender Kunst und Literatur setzen die Organisatoren auch heuer den bedeutenden deutschen Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts in eine Retrospektive seines Schaffens.

Auch dieses Jahr steht ein Poetry-Slam-Abend während des Festivals auf dem Programm. Mit der performten Literatur gehen vier der besten Poetry-SlammerInnen des deutschsprachigen Raumes in den Wettstreit und wollen ihr Publikum mit Witz und Humor überraschen. Im Best-of-Format haben sie dafür zehn statt der üblichen fünf Minuten. Grundlage für ihre satirischen Texte sind dieses Jahr die "Svendborger Gedichte", die Brecht im Exil verfasste. Für den Poeten Aidin Halimi, der seit 2015 als Poetry-Slammer bundesweit aktiv ist, bietet dieser Auftritt eine Plattform, um die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat darzulegen.

"Am Ende des Bandes gibt es drei, vier Gedichte, die sich explizit mit dem Thema Fremde und Exil beschäftigen. Damit kann ich mich identifizieren und ich versuche so, meine Perspektive darzustellen. Das hat am Ende wahrscheinlich auch sehr wenig mit einem Gedicht zu tun. Aber das ist die Art und Weise, wie ich das Ganze sehe", erklärt der Poet seine Auseinandersetzung mit Herangehensweise an den vorgegebenen Text für seinen Slam-Auftritt.

Faszination fürs Schreiben

Aidin Halimi wächst im Iran mit Büchern auf. Die Familie besitz ein prall gefülltes Bücherregal, auch Bertolt Brechts Literatur reiht sich dort ein. Die Eltern lesen viel, versuchen es den Kindern näher zu bringen. Mit etwa 12 Jahren fängt Aidin Halimi an, kleine Gedichte zu schreiben. Im Persisch-Unterricht in der Schule werden regelmäßig Aufsätze verfasst, auch "Kreatives Schreiben" wird angeboten. Hier bekommt der junge Poet zum ersten Mal die Rückmeldung des Lehrers, dass seine Texte überzeugen und dass er seine Fähigkeiten vertiefen soll.

"Ohne Sprache wären wir einsame Bäume. Irgendwie müssen wir miteinander kommunizieren und klarkommen. Das ist das A und O und es fängt beim Körper an und endet bei der Stimme, würde ich sagen. Und was man daraus macht."

Aidin Halimi

Sprachen lernen

Aidin Halimi emigriert mit 16 Jahren nach Deutschland. Er will schnell die Sprache lernen, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein. Das Erlernen des Deutschen ist anfangs schwer. Umlaute und Artikel kennt er aus seiner Muttersprache nicht, widmet sich stark der Grammatik. Das Verständnis für die Struktur der Sprache hilft ihm, diese besser zu beherrschen. Am Spracherwerb beteiligt sich auch sein familiäres Umfeld. Nach dem Tod des Vaters im Iran lebt er in Deutschland mit seiner Mutter, seinem Bruder und seinem Stiefvater, einem Deutsch-Iraner. Er ist zu Hause das beste Korrektiv für die drei. Nach einem halben Jahr Sprachkurs kommt Aidin Halimi in die Schule. Nach dem Abitur verbringt er drei Jahre in Wolfsburg, wo er eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert. Seit 2008 lebt er in Berlin. An der Humboldt Universität zu Berlin studiert er Deutsche Literatur und Geschichte. Neben dem Theoretischen sind es für den Slam-Poeten die Alltagsbegegnungen mit Menschen, die die Sprache vollkommen machen.  

"Was sehr wichtig ist, was man von einer Straße lernt, ist der Humor, da wird die Sprache auf das Wesentliche reduziert, und das finde ich sehr schön. Und das ist manchmal gewollt, manchmal ungewollt. Aber ich finde das trägt dazu bei, dass die Sprache sich quasi selbst nicht so ernst nimmt und in den Büchern verstaubt."

Aidin Halimi

Fremde Heimat

Aidin Halimi wird selbst zum Deutschlehrer. In der ersten Flüchtlingswelle 2015 unterrichtet er in den sogenannten Willkommensklassen im Sozialpädagogischen Institut "Karl May". Vier Jahre unterstützt er dort junge Geflüchtete. Er hört sich ihre Geschichten an, macht Mut und kann am eigenen Beispiel zeigen, dass man sich in der neuen Gesellschaft zurechtfinden kann - auch wenn es nicht immer einfach ist.

In seinen Texten verarbeitet Aidin Halimi zum Teil seinen Alltag, der oft von Unverständnis und Rassismus geprägt ist. "Ich habe alles Mögliche erlebt und das beeinflusst natürlich sehr in der Hinsicht, dass man sich jedes Mal wieder aufbauen muss – das kostet viel Kraft. Man muss sich immer wieder so nach oben puschen und das ist ein bisschen anstrengend", sagt er. Auf der Bühne ist er ein Sprachrohr für all die Menschen, die mit ähnlichen Problemen leben. Mit Witz und Ironie will er Mauern abbauen, die in den Köpfen der Menschen immer höher werden.

Die intensive Auseinandersetzung mit literarischen Texten beginnt für Aidin Halimi erneut während des Studiums in Berlin. Seitdem schreibt er nur noch auf Deutsch. In einer Brecht-Vorlesung vertieft er sein Interesse an der Sprache des berühmten Dichters.

"Also was Brecht macht, ist die einfache Sprache. Ich mag keine verschachtelten Sätze oder grammatikalisch komplizierte Texte. Denn ich finde, jede Botschaft, die man hat, alles, was man sagen kann, kann man auch in einfacher Sprache sagen. Man braucht dazu keine Fremdwörter zu benutzen, um zu zeigen, wie geil man ist. Und das finde ich an Brecht sehr gut und sehr bezeichnend. Der hat sehr viel darauf geachtet, dass es auch so ist, damit er so viele Menschen wie möglich erreichen kann."

Aidin Halimi

Mit dem Auftritt beim Brechtfestival will Aidin Halimi seine Perspektive auf die Entwicklungen der heutigen Welt und seines Inneren darlegen. Er sagt von sich, er ähnle seinem Vorbild Brecht. Der berühmte Lyriker setzte sich Zeit seines Lebens für soziale Gerechtigkeit ein, widmete sich Themen, die auch den Slam-Poeten bewegen: Flucht, Migration, fremd sein, sich fremd fühlen. In Augsburg will der 40-Jährige mit poetischen Texten aus seinem Leben erzählen, will sich Gehör verschaffen und dem Publikum mit humorvoller und tiefgreifender Poesie Denkanstöße geben.

"Ich würde Fremde und Heimat nicht zu sehr voneinander trennen. Das geht alles so ein bisschen ineinander über. Es gibt keine klaren Grenzen. Und ich weiß jetzt nicht, wo meine Heimat ist. Also ich würde sagen da, wo ich bin, gerade bin und da, wo die Menschen, die mir viel bedeuten, sind. Und Fremde sehe ich auch eigentlich eher positiv. In der Fremde liegt doch sehr viel Unbekanntes, was sehr reizvoll sein kann."

Aidin Halimi

Weiterführende Informationen

Brechtfestival Augsburg "Worldwide Brecht"
vom 18.02. bis 27.02.2022

https://brechtfestival.de/


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